Aachen - Aachener Hände: Sie helfen jungen Flüchtlingen

Aachener Hände: Sie helfen jungen Flüchtlingen

Von: Thorsten Tränkner
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Gemütliche Fernsehabende können jäh enden, wenn man sich intensiv auf die Nachrichten einlässt. So erging es auch Katja Richter, als sie Bilder zahlloser Bootsflüchtlinge im Mittelmeer sah – teils ertrunken, teils in Lagern, viele noch minderjährig. Knapp 400 davon halten sich aktuell in Aachen auf, alleine und ohne Eltern: „Die Bilder haben mich betroffen gemacht, ich wollte auch etwas tun.“

Besonders kritisch ist die Lage kurz vor der Volljährigkeit, wenn sie aus der Jugendförderung herausfallen und auch ihren Vormund verlieren. Um diese Zeit des Übergangs abzufedern, wurde in Aachen beim SKM, dem katholischen Dienst für Soziale Dienste, das Patenschaftsmodell „Aachener Hände“ entwickelt. Ein auf sich gestellter afrikanischer Jugendlicher wird mit einem engagierten Bürger zusammengeführt, der ihm unter die Arme greift, vom Behördengang über Bewerbungen bis zur Hilfe beim Deutschlernen und ganz normalen Unternehmungen.

Der Projektstart übertraf alle Erwartungen, zur ersten Infoveranstaltung kamen 80 Interessierte. Die Vermittlung übernehmen Sarah Ulbrich und ihre Kollegin Carla Rodrigues vom SKM. Täglich melden sich weitere fünf über die Jugendhilfeeinrichtungen vermittelte Flüchtlinge und ähnlich viele potenzielle Paten. Leichte Sorge bereitet allein die Sicherung der weiteren Finanzierung. Lediglich die Hälfte der notwendigen Mittel trägt die Europäische Union.

Experten beraten über Thema

Das Projekt war auch Thema einer Fachtagung zu Bildung, Flucht und Sozialer Arbeit der Katholischen Hochschule Aachen mit knapp 160 Teilnehmern – als Beispiele positiver Willkommenskultur, an der es laut Professor und Sozialwissenschaftler Norbert Frieters-Reermann in Deutschland nach Erkenntnissen einer großen Studie der Hochschule im vergangenen Jahr stark mangelte.

Ein negatives Beispiel dafür sei leider auch Brooke aus Eritrea, der als Bootflüchtling auf Sizilien landete. Der Siebzehnjährige lebt in einer Jugendhilfeeinrichtung und ist „Patenkind“ von Katja Richter, die für ihn zum Telefon griff, um eine Wohnung zu suchen: Einen Afrikaner könne man aber laut Vermieter den anderen Mietern nicht zumuten und das senke ferner den „Immobilienwert um hunderttausend Euro“ habe dieser geantwortet. Keine typische Reaktion in Aachen – die Tagung wertet die Stadt als positives Beispiel erleichterter Integration.

Dazu tragen auch Teilnehmer bei: Ein Student hat vielleicht schon die passende Wohnung für Brooke, der schon fünf Monate nach seiner Ankunft das Angebot ausschlägt, seine Erfahrungen auf Englisch zu erzählen – und redet stattdessen auf Deutsch. Wichtig ist bei den Patenschaften die emotionale Verbindung an eine Vertrauensperson. „Wir suchen Begleiter, die lotsen, nicht Erzieher“, betont Carla Rodrigues. Bei Brooke und Katja Richter scheint die Chemie zu stimmen: „Ich bin Familienmitglied“, lächelt er.

Warten auf einen Schulplatz

Doch bei den Initiatoren weiß man noch einen langen Weg vor sich. Sarah Ulbrich erzählt von bürokratischen Hürden, die verhindern, dass Klassenkameraden mitmachen können, weil sie den Wohnsitz nicht in Aachen haben. Viele minderjährige Flüchtlinge warten auf einen Platz in den Förderklassen und kommen dann nicht auf den Ausbildungsmarkt. „Jugendliche, haben aber ihre Chance verdient, etwas zu leisten“, sagt Kollegin Rodrigues. Diese Meinung teilen auch die Projektbesucher der Katholischen Hochschule im Rahmen der Tagung: „Flüchtlinge müssten sofort zur Schule gehen dürfen, nicht erst nach sechs Monaten. Und sie sollten nicht im Hotel leben müssen, sondern in begleiteten Lebensformen“, so Professor Frieters-Reermann.

Die „Aachener Hände“ sieht er als vorbildliches Projekt. Gerade wegen der Vernetzung professioneller sozialer Arbeit und bestens geschulter Bürger. Diese wichtige Patenschaft ändert oft auch den persönlichen Blickwinkel:. „Alles relativiert sich, abgebrochene Fingernägel oder Computerprobleme können mich heute nicht mehr aufregen“, sagt Carla Rodrigues.

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