Aachener Griechen hoffen auf Lösung in letzter Minute

Von: Robert Esser und Matthias Hinrichs
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Griechen prägen Aachen seit Jahrzehnten mit: Die Gastronomin Sandra Salagoudi... Foto: Michael Jaspers
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...und ihr Berufskollege Dennis Polychroniou hoffen auf einen Ausweg aus der verschärften Griechenland-Krise. Foto: Michael Jaspers
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Reisekauffrau Anika Marten rät ausdrücklich zum Urlaub auf dem Peloponnes. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Koffer gepackt für den Griechenland-Urlaub? Oder schon wieder ausgepackt? So weit reicht die Krisenstimmung unter den Touristen in spe wohl noch nicht. Trotzdem sorgt die turbulente Entwicklung auf höchsten europäischen Ebenen natürlich auch im Dreiländereck für Verunsicherung.

„Wir haben heute morgen noch mit Kunden telefoniert, die derzeit auf Kreta Ferien machen“, sagt Anika Marten vom Aachener Reisebüro „Reisefieber“. Und gibt Entwarnung: „Den Griechenland-Urlaubern geht es blendend. Jeder wird in den Hotels bestens versorgt, die Griechen freuen sich gerade jetzt über jeden Touristen – natürlich auch aus Deutschland.“

Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei in diesem Sommer in Griechenland deutlich günstiger als etwa für Spanien-Urlauber. Und angesichts des jüngsten Terroranschlags in Tunesien würden viele Kunden, die ursprünglich nach Nordafrika reisen wollten, auf das Urlaubsziel Griechenland umschwenken, stellt die Reisekauffrau fest.

Und wie schätzen Griechen, die in der Kaiserstadt leben und arbeiten, die Situation in ihrer alten Heimat ein? Immerhin 1592 Bürger mit griechischem Pass zählt das Einwohnermeldeamt unter knapp 250.000 Aachenern. Niederländer, Polen und Chinesen stellen ähnlich große Bevölkerungsgruppen – und damit übrigens jeweils doppelt so viele Menschen wie Zugezogene aus Italien und Spanien, die von manchen Euro-Experten als die nächsten „Krisen-Kandidaten“ gehandelt werden.

In Aachen prägten Griechen über Dekaden vor allem die studentische Gastronomieszene. In den vergangenen Jahren wurde das klassische griechische Gyros am Drehspieß (von griechisch „gyrizo“ – ich drehe) mehr und mehr vom türkischen Döner Kebab verdrängt. Trotzdem existieren noch viele griechische Restaurants wie Aphrodite, Bacchus, Limeri, Palladion und Rhodos.

Mit Kommentaren zur Krise, zum Disput mit Deutschland und anderen europäischen Geldgebern sowie dem drohenden „Grexit“ halten sich indes viele Griechen in Aachen – nicht nur aus der Gastroszene – auffällig zurück. Auch die griechisch-orthodoxe Kirchengemeinde Aachen wollte auf Anfrage unserer Zeitung keine Stellungnahme abgeben.

Dennis Polychroniou, Pontviertel-Gastronom (Café Madrid) mit griechischen Wurzeln, lenkt den Blick auf die darbende Bevölkerung: „So viele Griechen leiden seit Jahren unter der Krise, es wird einfach nicht besser. Ich hoffe sehr, dass in letzter Minute doch noch eine Lösung gefunden wird“, sagt er.

Domkeller-Chefin Sandra Salagoudi macht den Finanzsektor verantwortlich: „Der Banken-Faschismus ist die Ursache des Übels, frühere Regierungen haben Griechenland in die Krise gestürzt. Es ist wirklich eine Tragödie. Ich wünsche mir eine Einigung im Sinne Griechenlands. Die aktuelle Regierung ist demokratisch legitimiert, also repräsentiert sie die Mehrheit der Bevölkerung – ob man das nun mag oder nicht, spielt keine Rolle“, sagt die Gastronomin.

Mit Verbitterung und Ratlosigkeit reagiert auch Dr. Efstathios Savvidis, frisch gekürter Vorsitzender der Deutsch-Griechischen Gesellschaft, auf die turbulente Entwicklung. „Wir wissen ja noch nicht einmal, was genau beim Referendum am kommenden Sonntag überhaupt erfragt werden soll“, konstatiert der Mediziner. Sicher scheine nur so viel: „Vor allem die ärmeren Menschen in Griechenland werden weiter leiden müssen.“

Das größte Versäumnis vergangener Jahre habe darin gelegen, dass keine der Regierungen genug unternommen habe gegen die entscheidenden Missstände im Land, vor allem gegen die eklatante Arbeitslosigkeit. „Meiner Meinung nach stiehlt sich die Politik mit der geplanten Volksbefragung schlichtweg aus der Verantwortung“, kritisiert Savvidis.

„Die Menschen bräuchten zumindest wesentlich konkretere Informationen, damit sie sich wirklich eine Meinung bilden können.“ Das Referendum sei daher viel zu kurzfristig angesetzt. „In jedem Fall wäre es eine Katastrophe, wenn das Land die Eurozone tatsächlich verlassen würde“, warnt Savvidis.

„Man hätte die Volksbefragung bereits vor Jahren machen können“, findet Savvidis‘ langjähriger Amtsvorgänger und amtierender Vize Dietrich Hunold. „Das jetzt praktisch in allerletzter Sekunde durchziehen zu wollen, stellt eine weitere Zumutung für die Menschen in Griechenland dar. Das ist ein Armutszeugnis für die Regierung Tsipras. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass sich in diesen Tagen doch noch ein politisches Hintertürchen auftut, um den Knoten zu durchschlagen.“

Wen es als Tourist nach Griechenland verschlägt, der sollte – abseits der Pauschalreisen – auf jeden Fall genügend Bargeld mitnehmen. So lange man nicht auf gefüllte Geldautomaten angewiesen ist, lebt es sich sorglos. Was natürlich grundsätzlich für alle gilt.

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