Aachen - Aachener Griechen? Griechische Aachener?

Aachener Griechen? Griechische Aachener?

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Haben die meiste Zeit ihres Le
Haben die meiste Zeit ihres Lebens in Aachen verbracht: Lucas Mastis, Eleni Halkidou und ihr Sohn Anastasios betreiben seit Jahrzehnten das Restaurant „Insel Rhodos” an der Jakobstraße. Wem sie heute die Daumen drücken, ist unschwer zu erkennen - obwohl sie eigentlich zwei Heimaten haben. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Eleni Halkidou und Lucas Mastis erwarten heute Abend Gäste. Das ist nicht weiter ungewöhnlich. Schließlich betreiben die beiden seit Jahrzehnten ein Restaurant. „Aber ich dachte eigentlich, dass gar keiner kommt”, schmunzelt Lucas Mastis. Klar, morgen Abend ist Fußball, Deutschland gegen Griechenland.

Wer geht da schon ins Restaurant? Und doch: Gerade deshalb erwarten sie heute Gäste. Es sind Stammgäste, deutsche Stammgäste. Reserviert haben sie direkt vor dem Fernseher, der gleich neben der Eingangstür in einer Ecke hängt.

„Dieselben Gäste waren schon vor acht Jahren da, als Griechenland Europameister wurde, und haben mit uns gejubelt”, erzählt Mastis. Leicht zu erraten: Lucas Mastis und Elenie Halkidou sind Griechen. Und sie betreiben - natürlich - ein griechisches Restaurant, ein traditionsreiches dazu.

Es war vor ziemlich genau 40 Jahren, als Eleni Halkidou 1972 das „Insel Rhodos” an der Jakobstraße eröffnete. Drei Jahre zuvor war sie nach Aachen gekommen, als 17-Jährige. „Da war ich noch ein Kind”, erzählt die Gastwirtin, die gar nicht von der Insel Rhodos stammt, sondern aus Nordgriechenland. Ohne Unterbrechung gibt es seither im „Insel Rhodos” griechische und andere Spezialitäten. Nur die Flokatis, die früher die Sitzbänke zierten, sind längst nicht mehr da.

Zehn Jahre nach der Eröffnung stand dann Lucas Mastis sozusagen „auf der Matte”. Bei einem Aachen-Aufenthalt lernte er Eleni kennen und lieben. Welch ein Zufall: Lucas Mastis stammt, man soll es kaum glauben, von der Insel Rhodos. Seitdem betreiben sie zusammen das Restaurant - und ihr Sohn Anastasios mischt auch mit.

Jahrzehnte fern der einstigen Heimat - fühlt man sich denn heute eher als Griechen oder doch als Deutsche, als Aachener? „Als Griechen”, sagt Mastis. Aber mit dem Begriff Heimat ist das so eine Sache.

Denn davon gibt es eben zwei: „Wenn wir hier sind, vermissen wir etwas von Griechenland. Und wenn wir wie jedes Jahr zwei Wochen Urlaub in Griechenland machen, dann vermissen wir etwas von Aachen”, sagen beide. „Und wenn wir dann zurückkommen und auf den Europaplatz zufahren, dann sagt meine Frau immer: Jetzt sind wir wieder zu Hause”, erzählt Lucas Mastis.

Große Augen macht die Familie allerdings bei der Frage, mit welchem Team man heute Abend fiebert. Da gibt es dann doch keine zwei Heimaten. „Natürlich mit Griechenland”, sagt Eleni Halkidou wie aus der Pistole geschossen. Etwas anderes wäre es nur, wenn das Nationalteam heute gegen Mönchengladbach auflaufen würde. Die Eheleute sind Borussia-Fans, ihr Sohn immerhin „Sympathisant” des Teams vom Niederrhein, wie er sagt.

Ein besonderes Fußballspiel ist die Partie heute Abend allerdings nicht nur wegen der Lebensgeschichte der beiden Aachener Griechen. Denn unweigerlich kommt man im Gespräch vom Sport zur Politik. Jüngsten Umfragen zufolge sehen es über 70 Prozent der Griechen so, dass Deutschland ihnen feindlich gesinnt ist. Griechische Boulevardmedien stilisieren das EM-Spiel zur Abrechnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hoch.

Da können die Aachener Griechen nur mit dem Kopf schütteln: „Fußball ist Fußball, Politik ist Politik”, sagt Lucas Mastis bestimmt. Das Eine habe mit dem Anderen nichts zu tun. Und überhaupt: Die Griechen seien nicht auf die Deutschen als Menschen sauer, sondern auf die EU-Politik. Und Sohn Anastasios erzählt, dass deutsche Urlauber nach ihrer Rückkehr berichten, die Griechen seien gastfreundlich wie eh und je.

Die Familie macht sich große Sorgen um die Zukunft ihres Heimatlandes. Und sie sitzt selber zwischen zwei Stühlen. Gegenüber den Landsleuten in Griechenland habe man das Gefühl, um Verständnis für die Sichtweise der Deutschen werben zu müssen. Und gegenüber deutschen Freunden versuche man immer die fatale Lage der Griechen zu erklären.

„Griechenland muss zugeben, Fehler gemacht zu haben”, meint Lucas Mastis. Aber die Politik der EU habe eben auch zu Problemen geführt. „Ich wünsche mir, dass alles wieder normal wird, dass alle enger zusammenrücken”, sagt der Gastwirt. Und fügt ratlos hinzu: „Aber wie?”

Eine Frage, die auch Angeliki Giannoudi umtreibt: „Wie soll das funktionieren, wenn dieselben Personen wieder an der Regierung sind, die den Schlamassel erst verursacht haben?” Und überhaupt: „Wo will man denn noch kürzen?” Einem Rentner, dessen Pension gerade auf 300 Euro zusammengestrichen wurde, könne man nicht noch mehr wegnehmen, meint die Freundin der Familie, die als eine von rund 1500 Griechinnen und Griechen in Aachen auch schon seit 1979 hier lebt. Sie hat eine klare Botschaft: „Man sollte zuerst die Menschen retten und dann erst den Euro.”

Heute Abend werden Eleni Halkidou, Lucas Mastis und ihr Sohn Anastasios Freunde empfangen, deutsche Freunde. Und wenn Deutschland gewinnt, gibt es einen Ouzo. Und bei einem griechischen Sieg? Der Wirt lacht: „Dann gibt es ein paar Runden mehr.”
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