Aachener Bildungslandschaft: Millionenprojekte und Mammutaufgaben

Von: Stefan Herrmann
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Während sich die Schüler der 4. Gesamtschule über ihren neuen modernen Gebäudekomplex freuen konnten... Foto: Harald Krömer
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... musste der Grundschulstandort Barbarastraße nach langem Kampf wegen zu niedriger Anmeldezahlen 2016 geschlossen werden. Foto: Michael Jaspers
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Unzufriedenheit herrscht bei den Tagesmüttern und -vätern, die die neue Vergütungsverordnung heftig kritisieren. Der U3-Ausbau bleibt eine der größten Aufgaben der Stadt Aachen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wohin mit den Millionen? In kaum einem anderen Feld können Aachens Kommunalpolitiker in Zeiten notorisch klammer Haushaltskassen noch derart aktiv gestalten und entscheiden, in welche Richtung sich die Stadt entwickeln soll, wie im Kita- und Schulbereich. Und auch das Parteiengezänk steht meist hinten an, wenn es darum geht, die Betreuungs- und Bildungslandschaft in Aachen zu pflegen und auszubauen.

Doch die durchweg gute Gesamtlage macht die Herausforderungen nicht kleiner, vor denen die Kinder-, Jugend- und Schulpolitiker stehen. Die AZ wirft einen Blick auf das, was 2016 passiert ist, und gibt einen Überblick, welche Aufgaben 2017 warten.

Aachen, Stadt der jungen Menschen: Wir leben in einer im Landesvergleich durchaus jungen Stadt. Das liegt zum einen an den über 50.000 Studenten, die die hiesigen Hochschulen besuchen. Das liegt aber auch an den vielen jungen Familien, die Aachen ihre Heimat nennen. So büffeln derzeit über 24.000 Kinder und Jugendliche an den Grund- und weiterführenden Schulen in der Stadt.

Die Zahl ist seit 2002/03 zwar von damals noch 27.332 kontinuierlich gesunken, trotzdem bewegt sie sich insgesamt auf einem stabil hohen Niveau. Ähnlich sieht es im Kita-Bereich aus: Gut 1850 Plätze im U3-Bereich und über 5850 Ü3-Plätze finden Eltern aktuell in Kibiz-geförderten Kindertageseinrichtungen vor – Tendenz steigend, wenn auch nicht mehr in ganz so rasantem Tempo wie in den Jahren zuvor.

Geldsegen für die Schulen: Als nichts anderes empfinden die Kommunen das, was ihnen die rot-grüne Landesregierung in diesem Herbst in Aussicht gestellt hat. „Gute Schule 2020“ heißt das Förderprogramm, mit dem auch in Aachen zahlreiche Schulen im wahren Wortsinn aufgemöbelt werden sollen. 21 Millionen stehen dafür in den kommenden vier Jahren zur Verfügung.

Vor wenigen Tagen erst segnete der Rat die Prioritätenliste ab, die nun abgearbeitet werden soll. So werden unter anderem Grundschulen saniert oder neu gebaut, Mensen für den Offenen Ganztag errichtet, alte WC-Anlagen komplett erneuert, die digitale Infrastruktur an den Schulen wird verbessert und, und, und. So zumindest der Plan. Denn auch wenn einige Projekte bereits auf den Weg gebracht worden sind, ist die Aufgabenfülle ambitioniert, um am Ende alle Fördermittel im vorgegebenen Zeitraum abgreifen zu können.

Hoffnungsloser Kampf: Den mussten im Frühjahr Politik und Verwaltung in Sachen Barbaraschule/Rothe Erde zähneknirschend anerkennen. Der kleine Teilstandort der KGS Brühlstraße kämpfte jahrelang mit äußerst niedrigen Anmeldezahlen. Trotzdem versuchten alle Akteure vor Ort, die Schule zu erhalten. Ohne Erfolg. Die Bezirksregierung Köln verfügte, dass die kleine Grundschule im Sommer schließen musste. Mittlerweile gibt es Pläne der „bip Bildung und innovative Pädagogik gGmbH“ mit Sitz in Berlin, an diesem Standort eine neue Grundschule mit einem breiten Fremdsprachenangebot zu eröffnen.

Hoffnungsfroher Start: Eine der größten Baumaßnahmen im Schulbereich ist im Sommer 2016 abgeschlossen worden. Mitten in der City hat die 4. Gesamtschule einen neuen, hochmodernen Gebäudekomplex erhalten. Samt Sporthalle hat das Projekt an der Sandkaul-straße gut 15 Millionen Euro gekostet. 660 Schüler besuchen derzeit die 4. Gesamtschule. Und es werden künftig noch mehr, denn die Schule befindet sich weiterhin im Aufbau.

Das Sorgenkind: Es bleibt bei all der vielen guten Arbeit, die in Aachener Kindertagesstätten geleistet wird, das leidige Thema Geld. Und hier sehen fast alle Experten das Problem vor allem in Kibiz, dem Kinderbildungsgesetz des Landes NRW. Das System sei chronisch unterfinanziert, warnen Fachleute seit Jahren auch in Aachen vor einem Kollaps der Kita-Landschaft. Freie Träger müssen sich mitunter enorm strecken, um den Betrieb einzelner Kitas überhaupt noch aufrechterhalten zu können. Zwar wurden die Zuschüsse zuletzt erhöht, aber eine umfassende Reform der Kita-Finanzierung steht weiterhin aus.

Ein Gerichtsprozess und die Folgen: Von entspannten Weihnachtstagen konnte bei vielen Tagesmüttern und -vätern in Aachen wohl keine Rede sein. Denn ihre Wut auf Politik und Verwaltung ist riesig. Das Aachener Verwaltungsgericht hatte im Sommer nach jahrelangem Kampf der Tagespflegepersonen in einem Musterurteil die bisherige Bezahlpraxis der Stadt „als nicht leistungsgerecht“ bezeichnet. Doch die neue Regelung, die vor wenigen Tagen von der Ratsmehrheit verabschiedet wurde, bezeichnen viele Betroffene ebenso als hochgradig ungerecht. So protestierten zahlreiche Tagesmütter- und -väter lautstark sowohl im Kinder- und Jugendausschuss Anfang Dezember als auch im Stadtrat am vergangenen Mittwoch gegen die neue Vergütungsregelung.

Viele der knapp 150 Tagespflegepersonen, die etwa 600 Kinder betreuen, sind davon überzeugt, dass die neue komplexe Fördersystematik, die die Verwaltung im Nachgang zum Gerichtsurteil aufgestellt hat, zahlreiche Nachteile für die Tagespflegepersonen, die wie kleine Unternehmer agieren, mit sich bringen. Fakt ist: Die neue Richtlinie tritt im Frühjahr 2017 in Kraft. Nicht ausgeschlossen: Auch gegen diese wird womöglich geklagt.

Ein Boom mit Folgen: Der Offene Ganztag (und ähnliche Angebote) ist an vielen Grundschulen der Renner. Über 5060 OGS-Plätze zählt die Stadt derzeit an 34 Primarschulen. In einer Bilanz stellte die Verwaltung daher im Herbst generell fest, dass „man im Landesvergleich vorbildlich aufgestellt sei“. Wäre da nicht das Aber... Und das hängt mit dem an vielen Standorten bis auf den letzten Meter ausgereizten Platz für die OGS-Angebote zusammen. Multifunktionale Nutzung der Räume lautet die eine Lösung der Stadt, Neubau von Mensen und Betreuungsräumen die andere (siehe „Geldsegen für die Schulen“).

Aktuelle Kita-Projekte: Der Ausbau der Aachener Kita-Landschaft schreitet 2017 voran. Die schwarz-rote Koalition hat in diesem Kontext vor einem Jahr beschlossen, ein neues „Zehn-Kita-Programm“ aufzulegen, in dessen Rahmen bis 2020 möglichst zwei neue Kita-Projekte aufs Gleis gesetzt werden. Die Einrichtungen sollen möglichst in den Stadtgebieten realisiert werden, in denen die U3-Versorgungsquote deutlich unter dem Schnitt von gut 43 Prozent liegt.

Unter anderem entsteht eine neue fünfgruppige Kita an der Händelstraße im Aachener Westen. Die Arbeiten haben im Oktober 2016 begonnen. Der Kindergarten Königsberger Straße wird im U3-Bereich erweitert (geplante Fertigstellung im Sommer 2017). Des Weiteren wird derzeit die Kita „An der Rahemühle“ in Laurensberg für den U3-Bereich um- und ausgebaut (voraussichtliche Fertigstellung Herbst 2017). Einen weiteren Neubau für bis zu fünf Gruppen plant das städtische Gebäudemanagement mit der Kita Kollenbruch in Brand.

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