Aachen und „Die Kunst des Fortschritts“: Europas Kulturhauptstadt 2025?

Von: Oliver Schmetz
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Weiter Kulturbegriff: Aachen könnte in der Bewerbung mit der Verbindung von Kunst, Geschichte, Wissenschaft und innovativen Projekten wie dem e.Go punkten, meinen die Befürworter. Foto: Jaspers, Steindl, Krömer
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Weiter Kulturbegriff: Aachen könnte in der Bewerbung mit der Verbindung von Kunst, Geschichte, Wissenschaft und innovativen Projekten wie dem e.Go punkten, meinen die Befürworter. Foto: Jaspers, Steindl, Krömer
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Wirbt dafür, dass sich Aachen als Kulturhauptstadt bewirbt: Ina-Marie Orawiec (2.v.r.). Foto: Michael Jaspers

Aachen. Noch ist es eine Vision, aber Ina-Marie Orawiec wirbt nach Kräften darum, dass dies nicht so bleibt. Zurzeit ist die Aachener Architektin und Stadtplanerin auf Besuchstour bei den Fraktionen des Stadtrats. Ihr Auftrag: die Politik davon zu überzeugen, dass Aachen in den kommenden Jahren das ganz große Rad dreht – und sich um den prestigeträchtigen Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ bewirbt.

Sollte es so weit kommen, hätte die Kaiserstadt im Dreiländereck die Chance, als vierte deutsche Stadt nach West-Berlin (1988), Weimar (1999) und Essen (2010) die Auszeichnung zu erlangen, die die EU jeweils für ein Jahr verleiht – und die nicht nur Marketingexperten und Kulturfreunden die Herzen höher schlagen lassen dürfte. Und selbst wenn es am Ende nicht ganz zur europäischen Kulturmetropole reichen sollte – vor vier Jahren scheiterte eine Bewerbung Maastrichts, an der Aachen beteiligt war –, stünde für Orawiec unter dem Strich ein Gewinn: „Der Bewerbungsprozess an sich wäre schon ein großer Gewinn für die Stadt“, sagt sie.

Weil in diesem Verfahren beispielsweise schon viele Projekte angestoßen werden könnten. Weil es kreative und innovative Ideen freisetzen würde. Und weil viele verschiedene bürgerschaftliche und ehrenamtliche Bewegungen darin zusammenfließen könnten.

Schon einige Unterstützer

Als eine solche „Graswurzelbewegung“ sieht Ina-Marie Orawiec ihre Initiative, der ihr zufolge schon einige Unterstützer angehören. In der Politik kursiert ein mehrseitiges Exposé zu einer möglichen Aachener Bewerbung unter dem Motto „Die Kunst des Fortschritts“, hinter dem – so steht es in dem Papier – ein „interdisziplinäres Team aus Persönlichkeiten der Aachener Politik, Kreativwirtschaft, Kunst- und Kulturszene, Hochschulen und Unternehmen“ stehe. Explizit nennt Orawiec den Förderverein „aachen_fenster – raum für bauen und kultur“ sowie die Initiative Aachen als Mitstreiter, aber ihr ist auch klar, dass „die Entscheidung im Rathaus fällt und unsere gewählten Vertreter sie treffen“.

Deshalb nun die Tour durch die Fraktionen. Piraten, Liberale und Grüne hat sie bereits besucht, CDU und SPD folgen in der nächsten und übernächsten Woche. Den Politikern liefert das Exposé zur Bewerbung „13 gute Gründe für Aachen“ und „14 Chancen“. Für Aachen sprechen demnach unter anderem die europäische Geschichte, die internationale Ausprägung, die Anziehungskraft für Touristen, der gelungene Strukturwandel, die Technologieregion und nicht zuletzt die Hochschulen.

Kurzum: „Die Kulturhauptstadtbewerbung kann das soziokulturelle und ökonomisch-technische Stadtentwicklungsprojekt für Aachen werden“, heißt es in dem Papier. Aachen könne als „urbanes Kulturlabor“ vielfältig von diesem Prozess profitieren – indem es beispielsweise sein internationales Profil stärke, den Tourismus ausbaue und eine „integrierte kulturelle Stadtentwicklung“ entwerfe. Aber auch, indem es an den „Schnittstellen von Kunst, Technologie und Gesellschaft“ kreativ auf „die Zukunftsthemen der Menschheit“ reagiere – „Die Kunst des Fortschritts“ eben.

Ina-Marie Orawiec hat hierfür ein ganz praktisches Beispiel parat, ein „außergewöhnliches Projekt“, wie sie sagt: das Elektromobil e.Go: „Das wird hier entwickelt, hier produziert, hier getestet und bewertet – welche Stadt kann so etwas vorweisen?“ Für die Stadtplanerin ist so etwas durchaus als Kulturleistung zu bewerten, schließlich gehe es ja vor allem darum, „die Themen zu finden, die zukunftsrelevant sind“.

Und mit einem solchen Ansatz hebe sich das Konzept für die Aachener Bewerbung auch von der „traditionalistischen Deutung des Kultur-Begriffs“ seiner Mitbewerber ab, wie es in dem Exposé heißt: Denn hier werde Kultur als ein „strukturgebendes Gewebe“ interpretiert, „das die Bereiche Bildung, Wirtschaft, Gesundheit, Soziales, Politik, Stadtplanung und andere durchzieht und miteinander verbindet.“

Allerdings haben die bislang neun deutschen Städte, die sich der international besetzten Jury stellen wollen, Aachen zumindest eines voraus – einen zum Teil großen zeitlichen Vorsprung: Magdeburg etwa bereitet sich seit Jahren auf die Bewerbung vor, das Land Sachsen-Anhalt steht hinter der Initiative. In Nürnberg ist man bereits im intensiven Dialog mit den Bürgern, in Chemnitz ist man bereit, für die Bewerbung 1,2 Millionen Euro auszugeben. Außerdem sind Dresden, Hildesheim, Hannover, Kassel, Koblenz und Lübeck im Rennen.

Was kostet eine Bewerbung?

Womit man beim Geld wäre. 1,5 Millionen Euro erhält der Titelträger, der 2020 gekürt werden soll – verbunden mit der Aussicht auf Zugang zu weiteren Fördertöpfen. Aber was kostet eine solche Bewerbung, die bis 2019 stehen müsste? Diese Frage sei ihr seitens der Politik, die bislang „total interessiert“ reagiert habe, auch schon gestellt worden, räumt Orawiec ein. Und sie hat darauf keine klare Antwort.

„Das kann man nicht so einfach sagen.“ Schließlich gehe es um mehrere Bewerbungsphasen, ein ganzes Veranstaltungsjahr und eine langfristige Strategie über 15 Jahre, wie sie mittlerweile von einer Kulturhauptstadt gefordert werde. Aber auch wenn Orawiec keine Zahl nennt, hat sie doch ein hoffnungsvolles Beispiel parat. Im dänischen Aarhus, der diesjährigen Kulturhauptstadt, wurde fast das gesamte Organisationspersonal aus der städtischen Verwaltung rekrutiert. Außerdem habe man 3500 ehrenamtliche Mitarbeiter gewonnen, 80 Prozent der Projekte seien aus der Region und der Privatwirtschaft finanziert worden. Ein gutes Beispiel und keinesfalls nur eine Vision, ist Orawiec optimistisch: „Dazu ist Aachen doch allemal in der Lage.“

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