Aachen sucht dringend Platz für Flüchtlinge

Von: Oliver Schmetz
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Ein Heim für Flüchtlinge: Auch in diesem Haus in Kornelimünster sind Menschen untergebracht, die in Aachen Asyl suchen. Aktuell fehlen allerdings in der ganzen Stadt mindestens 100 Wohnplätze. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Eigentlich ist Heinrich Emonts stolz auf den „gehobenen Standard“, den Aachen bei der Unterbringung von Flüchtlingen an den Tag legt. Dass da Alleinstehenden von Gesetz wegen gerade mal sechs Quadratmeter Wohnraum zugestanden werden, „das sieht bei uns anders aus“, sagt der Leiter des Fachbereichs Soziales und Integration der Stadtverwaltung. „Da haben wir Einzelzimmer mit mindestens 12 bis 15 Quadratmetern.“

Eigentlich. Denn im Moment ist man bei der Verwaltung froh, wenn man die Mengen von Flüchtlingen, die Tag für Tag ankommen, überhaupt irgendwie unterbringen kann. „Die Situation ist sehr angespannt“, sagt Sandra Knabe, im Fachbereich Soziales als Abteilungsleiterin federführend für Flüchtlingsfragen zuständig. Die Zahlen unterstreichen die dramatische Lage: Zählte man Ende 2011 noch 206 Asylsuchende, waren es Ende 2012 bereits 341 und zum jüngsten Jahreswechsel sogar 532. Damit ist die Zahl der Flüchtlinge binnen zwei Jahren um mehr als das Zweieinhalbfache gestiegen.

Die Situation ist so angespannt, dass der Oberbürgermeister, der Vorsitzende des Wohnungsausschusses und ein Vertreter der SPD-Fraktion kurz vor Weihnachten einen Dringlichkeitsbeschluss unterzeichneten, der die Verwaltung berechtigte, sechs Wohnungen für 35 Flüchtlinge in der Kruppstraße von einer Aachener Immobiliengesellschaft anzumieten. Eigentlich hätte der Ausschuss entscheiden müssen, doch bis zum nächsten Termin am 28. Januar konnte man nicht mehr warten.

Die Politik wird dann nachträglich ihre Zustimmung geben, etwas anderes bleibt ihr gar nicht übrig – so dramatisch, wie die Situation in der Vorlage für den Ausschuss geschildert wird. „Die derzeitige Unterbringungssituation lässt keinerlei Spielräume mehr zu“, heißt es da, „weil die vorhandenen Kapazitäten ausgeschöpft sind und die Flüchtlingszahlen weiter ansteigen“. Wobei das mit den „ausgeschöpften Kapazitäten“ sogar etwas schöngefärbt erscheint.

Denn im gleichen Papier steht, dass „aktuell ca. 100 Personen im Rahmen einer Überbelegung untergebracht bzw. interimsweise in den Übergangsheimen für Wohnungslose betreut“ werden. Und dass der Flüchtlingszulauf noch zunimmt, zeigen die jüngsten Zahlen. Im vergangenen Dezember suchten 37 Personen in Aachen Obhut, im Januar waren es bis gestern schon 25.

Die Stadt sucht deshalb händeringend nach Wohnraum, was auf dem angespannten Aachener Wohnungsmarkt schwierig ist. Deshalb mietet man notfalls Hotelzimmer an, deshalb will man ein ehemaliges Hotel als Flüchtlingsheim nutzen, deshalb baut man bestehende Einrichtungen aus und denkt sogar über Neubauten nach. „Wir werden in der ersten Jahreshälfte 100 weitere Plätze schaffen“, sagt Heinrich Emonts, „damit wäre die Überbelegung theoretisch vom Tisch.“

Theoretisch. Der Verwaltungsmann weiß selber, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Denn bis zur Jahresmitte werden wohl schon 100 weitere Flüchtlinge vor der Tür stehen. Mindestens. Deshalb prüft die städtische Wohnungsgesellschaft Gewoge die Idee eines Neubaus an der Freunder Straße und hat weitere Alternativen im Blick. Außerdem wird mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) über eine Nutzung des Gebäudes an der Ecke Karl-Marx-Allee/Adenauerallee verhandelt, in dem früher der Landesstraßenbetrieb untergebracht war. Komplett will man das große Haus nicht belegen. „Das wären ja über 200 Plätze“, sagt Emonts. Klingt gut in Zeiten der Not, widerspräche aber dem Aachener Konzept, Flüchtlinge aus Gründen der Integration über die Stadt verteilt unterzubringen und nicht viele an einer Stelle.

Apropos Konzept: Die Stadt steht dem Zustrom nicht völlig unvorbereitet gegenüber. Nachdem man noch vor einigen Jahren leerstehende Flüchtlingsheime in Wohnraum umgewandelt hatte, steuerte man vor zwei Jahren, als die Zahlen und die Prognosen anstiegen, wieder um. Bis Ende 2015 wollte man 520 Plätze schaffen – ohne zu ahnen, dass diese Zahl schon Anfang 2014 nicht mehr ausreichen würde.

Für den Fall der Fälle hat man deshalb schon Notfallpläne in der Schublade: Wenn gar nichts mehr geht, wird eine Turnhalle als Unterkunft genutzt. Das Objekt ist schon ausgesucht, das Konzept entwickelt, die rechtlichen Grundlagen für eine andere Nutzung sind geschaffen. „So können wir binnen drei, vier Tagen reagieren“, sagt Emonts. Welche Turnhalle es ist, sagt er nicht. Man will die derzeitigen Nutzer nicht beunruhigen. Bei der Verwaltung glaubt und hofft man ohnehin, dass es nicht so weit kommt.

Denn Flüchtlingsfamilien in Turnhallen zu beherbergen, das ist alles andere als ideal. Und hat wenig mit dem „gehobenen Standard“ zu tun, auf den man auch in Zeiten der Not in Aachen noch ein bisschen stolz ist: „Wir haben mehr als 20 Prozent der Flüchtlinge in Wohnungen untergebracht“, sagt Sandra Knabe, „das tun bei weitem nicht alle Kommunen in NRW.“

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