Aachen - Aachen: Schatzkammer schönt die Zahlen

Aachen: Schatzkammer schönt die Zahlen

Von: Robert Esser
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Im Schatten des Doms: Zur Schatzkammer nebenan finden weit weniger Besucher.

Aachen. Von Manipulation oder Fälschung will niemand sprechen. Aber: Jahrelang wurden die Besucherzahlen der Domschatzkammer – zumindest – geschönt. Und zwar erheblich. Von rund 250.000 Besuchern pro Jahr war offiziell die Rede: auf der Homepage des Generalvikariats, des Domkapitels, der Stadt Aachen und in allen Publikationen. Tatsächlich sind es mindestens 64 Prozent weniger – nämlich nur 90 000 Besucher.

Dies hat der Leiter der Domverwaltung, Günter Schulte, jetzt auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt. „Ja, es stimmt. Die früher veröffentlichten Schätzzahlen sind viel zu hoch. Wir wissen seit einigen Jahren sehr genau, wie viele Menschen bei uns Tickets lösen und in unsere Domschatzkammer gehen“, sagt er. Damit ändert sich auch das Verhältnis von Dom- und Schatzkammerbesuchern. Bei (geschätzten) 1 Million Aachenern und Touristen, die Jahr für Jahr ins Münster strömen, wäre (laut alter Statistik) jeder Vierte auch in der Schatzkammer gewesen. In Wahrheit ist es höchstens jeder Elfte.

Wie es zu dem eklatanten Fehler kommen konnte? Schulte vermutet, dass da wohl irgendwann mal irgendjemand „Spitzenbesucherwerte, vielleicht zur Heiligtumsfahrt, hochgerechnet hat. Glücklich war das sicher nicht“. Dabei war das Missverhältnis offenkundig: Bei 250.000 Besuchern hätten zu den Öffnungszeiten Tag für Tag von morgens bis abends durchschnittlich über 100 Menschen pro Stunde auf den 600 Quadratmetern der drei Ausstellungs-Etagen unterwegs sein müssen...

Schulte steht erst seit wenigen Jahren an der Spitze der Domverwaltung. Er analysiert, räumt auf, optimiert, konzipiert – und fördert Transparenz. Die Zeit drängt. Im Schulterschluss mit dem Leiter des Museums, Dr. Georg Minkenberg, der seit 1984 in der Schatzkammer arbeitet, stellt man die Weichen für 2014. Dann würdigt Aachen nicht nur mit großen Ausstellungen den 1200. Todestag Karls des Großen, sondern lädt auch – gemäß des siebenjährigen Rhythmus‘ – zur Heiligtumsfahrt.

Reichsevangeliar und Karls Säbel

Geplant ist, die 100 Kostbarkeiten der Schatzkammer – wie Karlsbüste und Lothar-Kreuz – um weitere Exponate zu ergänzen. Denkbar wäre etwa, die Original-Reichsinsignien – darunter das Reichsevangeliar und der Säbel Karls des Großen – aus der Schatzkammer der Wiener Hofburg auszuleihen. Verhandlungen laufen. „Umso wichtiger ist, dass wir die Klimaanlage, die eine Temperatur von 18 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 55 Prozent garantiert, vor einem Jahr erneuert haben“, erklärt Schulte.

350.000 Euro hat das gekostet. „Nur so ist die Sicherheit der Kostbarkeiten gewährleistet“, sagt er. Apropos: Alle Sicherheitsvorkehrungen stehen derzeit auf dem Prüfstand. Niemand würde Aachen sonst einzigartige Leihgaben anvertrauen. Dabei sind die tonnenschweren und – fast – historischen Tresortüren, durch die jeder die Schatzkammer betritt, ein eher geringes Problem.

Obwohl: „Mittlerweile gibt es nur noch einen älteren Mitarbeiter des Tresorbauers, der sich mit dem Mechanismus auskennt“, erklärt Schulte. „Wenn der in Rente geht, könnten wir ein Problem kriegen.“ Löcher in den Innenplatten des baumdicken Tresorportals zeugen von jüngsten Wartungsarbeiten. „Unbefugt hinein kommt da aber keiner, sicher nicht.“

1995, also vor 18 Jahren, wurde die Schatzkammer generalüberholt und umstrukturiert. Aus jener Zeit stammt das Beleuchtungssystem, das man jetzt per LED-Technik sichtbar verbessern will.

In neuem Licht erstrahlt bereits der vormals düstere Gewölbegang hinter dem Eingang zur Johannes-Paul-II.-Straße. Der Gang soll demnächst mit Highlights der Schatzkammer bebildert werden. Neue Schließfachwände gibt es bereits – auch für Schultaschen. „Immerhin kommen zehn bis zwölf Prozent unserer Besucher mit ihren Schulklassen“, erklärt Schulte.

Denen kommen auch die vor zwölf Monaten eingeführten 48 Audioguides zugute. Die mobile Technik im Handy-Format liefert via Kopfhörer Informationen zu den Exponaten in vier Sprachen – und bietet eine Extra-Version für Kinder. In Kürze will man noch Italienisch und Französisch aufspielen. Persönliche Führungen bietet das Domkapitel natürlich auch weiterhin an.

Die Besucherzahlen sind nach Schultes Angaben seit Jahren konstant – zufrieden ist er nicht. Er will die Kammer enger an den Publikumsmagneten Dom und die neue Dom-Information auf der anderen Straßenseite binden. Hier könnte ein farbig gepflastertes Band quer über die – nach den Kanalbauarbeiten – neu zu gestaltende Johannes-Paul-II.-Straße helfen, meint Schulte. Unterstützung verspricht auch eine Dom-App, die FH- und RWTH-Experten gerade optimieren. „Wir müssen diese Technik zur Information und Wegweisung auf dem aktuellsten Stand nutzen“, betont er.

So könnten die Besucherzahlen 2014 tatsächlich beträchtlich steigen. Aber sicher nicht auf 250.000.

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