Aachen sagt „Non“: Wir haben keine Angst

Von: Oliver Schmetz
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Das unübersehbare Zeichen der Solidarität und Anteilnahme weht vom Aachener Rathaus herab: Am Montag wurde als einzige Fahne die Tricolore, die französische Nationalflagge, gehisst – mit Trauerflor. An vielen Orten gedachten die Aachener der Opfer des Terrors in Paris. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Es ist genau 12 Uhr, als auf dem Marktpflaster ein Mann stehen bleibt, die Hände vor dem Körper wie zum Gebet faltet und nach oben schaut. Dort oben ist eine einsame Fahne gehisst, versehen mit einem Trauerflor, und beide Tücher werden vom Wind gepeitscht. Am Aachener Rathaus weht die Tricolore, die französische Nationalflagge.

Die Stadt trägt Trauer an diesem tristen Tag, aus Verbundenheit mit den Opfern des Terrors in Paris. Wieder einmal Trauer, wieder einmal Terror, wieder Paris. Und wieder ein Kondolenzbuch im Rathaus. Dabei ist die Erinnerung an den mörderischen Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar noch frisch.

Unten auf dem Marktplatz schaut der Mann nach einer Weile auf seine Uhr, dreht sich wortlos um und geht. Es war eine ziemlich einsame Schweigeminute inmitten der Aufbauhektik für den Weihnachtsmarkt. Natürlich werkeln die meisten Arbeiter dort um 12 Uhr weiter. Immerhin bleibt die Motorsäge in dieser Minute still.

Weiter für Flüchtlinge engagieren

Im Aachener Dom ist die Atmosphäre zur selben Zeit eine andere. Etwa 50 Menschen haben sich dort versammelt, um der Opfer in Paris zu gedenken, nachdem das Bistum kurzfristig eingeladen hatte. Dompropst Manfred von Holtum spricht ein Gebet und entzündet eine Kerze. „Ich bin tief erschüttert über die barbarischen Anschläge in Paris“, sagt Generalvikar Dr. Andreas Frick und appelliert: „Wir dürfen es nicht zulassen, dass durch das feige Handeln unsere Solidarität mit den vielen Flüchtlingen, die in ihrer Heimat alles verloren haben, nun Schaden erleidet.“

Auch Oberbürgermeister Marcel Philipp, in dessen Stadtverwaltung ebenfalls viele Mitarbeiter um 12 Uhr für eine Minute innehalten, wendet sich scharf dagegen, einen Bogen vom Terror in Paris zu den Flüchtlingen hierzulande zu schlagen. „Wir werden uns weiter mit vollem Engagement um die Menschen kümmern, die bei uns Schutz suchen, weil viele von ihnen aus jenen Regionen geflohen sind, in denen der Terror seinen Ursprung hat“, sagt er. Im Foyer des Rathauses tragen sich derweil die ersten Bürger ins Kondolenzbuch ein. Von „Fassungslosigkeit, Schmerz und Trauer“ kann man dort lesen, von Freundschaft und Verbundenheit mit Frankreich und den Franzosen. Und einer fasst sich ganz kurz: „Pray for Paris“, schreibt er bloß, „Betet für Paris“.

Allerorten wird an diesem Tag in Aachen für Paris gebetet, wird der Opfer des Terrors gedacht. Im Pius-Gymnasium, in dem die deutsch-französische Freundschaft seit langem gelebt wird, treffen sich in der großen Pause alle Schüler zu einer Gedenkfeier. Paris ist vielen nah: Gerade erst ist an der Schule ein Austauschprojekt mit einer Partnerschule aus der französischen Hauptstadt zu Ende gegangen. Stille Trauer demonstriert auch das Stadttheater. „Den Opfern von Paris“ steht auf einer Tafel neben zwei großen Blumengebinden. „Allezeit irrt unser Geist“, heißt es auf einem großen Banner zwischen den Säulen des Kulturtempels. Das Zitat weist zwar auf die aktuelle Oper „Orlando“ hin, passt aber auch gut zur momentanen Verfassung der Menschheit.

Eine Solidaritätsadresse kommt auch vom islamischen Zentrum Aachen, der Bilal-Moschee, und das mit deutlichen Worten. „Die Terroristen haben sich an der Menschheit versündigt“, verurteilt man den „abscheulichen Massenmord“. Das „Massaker“ sei „ein Angriff auf die gesamte Menschheit und die Menschlichkeit, die sie zusammenhält“. Der Gewalt dürfe man sich nicht beugen, heißt es weiter, sondern ihr gemeinsam entschlossen entgegentreten. Und: „Unserer Pflicht, den Frieden zu schützen und unseren Glauben nicht dem Missbrauch aussetzen zu lassen, müssen wir mehr denn je nachkommen.“

Inmitten der Trauer keimt Trotz

Ein Ort des Gedenkens ist – natürlich – auch das Deutsch-Französische Kulturinstitut an der Theaterstraße. Drinnen werden viele weiße Rosen abgegeben, den ganzen Tag über tragen sich dort Bürger ins Kondolenzbuch ein. „Sehr bewegende Worte“ habe sie bereits gelesen, sagt die Leiterin der Instituts, Dr. Angelika Ivens – und genau so viele gehört. Viele Besucher kämen zum Reden vorbei, erzählt Ivens, die auch Honorarkonsulin Frankreichs in Aachen ist. Und unter den Mitarbeitern des Hauses, in dem viele Französinnen arbeiten, gibt es ohnehin nur ein Thema. „Es ist ein sehr trauriger Tag“, so die Leiterin. Draußen vor einem Fenster des Hauses, wo Bürger bereits am Wochenende Kerzen entzündet und Blumen abgelegt haben, keimt inmitten der Trauer aber auch Trotz: „Non, nous n‘avons pas peur“, steht auf einem Zettel an der Scheibe – „Nein, wir haben keine Angst“.

Das sagt eine Stadt, in der am Freitag der Weihnachtsmarkt eröffnet werden soll – als Besuchermagnet ein potenzielles Anschlagziel. Die Verwaltungsspitze will am Dienstag mit Blick auf dieses Ereignis die Sicherheitslage beraten. Mit im Boot ist die Polizei, der zufolge es keine Hinweise auf Anschläge gibt. „Nein, absolut nicht“, unterstreicht Polizeisprecher Paul Kemen. Es herrsche aber nach wie vor eine „abstrakt hohe Gefahr“, auf die man je nach Lage reagieren werde. Was das heißt, ist klar. Die Polizei wird Präsenz zeigen. Anders gesagt: „Man sollte sich nicht erschrecken, wenn man auch mal einen Polizisten mit Maschinenpistole sieht“, empfiehlt Kemen.

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