Aachen-Nord: Jedes zweite Kind ist arm

Von: Stefan Herrmann
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Wenn es Kindern am Nötigsten fehlt: 10000 junge Menschen zwischen 0 und 15 Jahren gelten in Aachen als arm. Ein Netzwerk setzt sich dafür ein, gegen den Missstand vorzugehen. Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen. Der Dom, CHIO und die RWTH, Karlspreis und Printen – all das ist Aachen. Die Schokoladenseite sozusagen. Doch es existiert auch eine andere, besorgniserregende Seite: In Aachen gelten etwa 10.000 Kinder als arm.

Das geht aus dem Bericht des Aachener Netzwerks gegen Kinderarmut „Kinder im Mittelpunkt“ (KiM) hervor, der der AZ vorliegt und den die Verwaltung in Kürze der Politik und Öffentlichkeit vorstellen möchte.

Die Fakten: Die Zahl 10.000 setzt sich zusammen aus Kindern beziehungsweise ihren Eltern, die soziale Transferleistungen wie Hartz IV (SGB II), Sozialhilfe (SGB XII), Wohngeld oder Kinderzuschlag erhalten. Allein die Zahl der Kinder zwischen 0 und 15 Jahren, die in Sozialhilfe-Familien und somit in prekären Lebensverhältnissen aufwachsen, lag laut Bericht im Jahr 2011 in Aachen bei 6311. Das bedeutet eine Kinderarmutsquote von 21,8 Prozent. Deutlich niedriger sind die Quoten NRW-weit (17,3) und im Bund (14,8). Insgesamt leben in Aachen etwa 30 000 Kinder unter 15 Jahren.

Das Netzwerk: Im Mai 2012 fand eine Auftaktveranstaltung statt. Elke Münich, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule, sagte damals: „Es geht darum, das vorhandene Fördersystem übersichtlicher zu gestalten.“ Das KiM-Netzwerk hat im Sommer 2012 seine Arbeit aufgenommen. In ihm arbeiten mehr als 100 Akteure aus über 40 Einrichtungen zusammen. Bereits 2010 hatte der Rat die Verwaltung beauftragt, ein Konzept gegen Kinderarmut zu entwickeln. Das Projekt wird vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit 64.000 Euro über drei Jahre gefördert. Seit 2009 unterstützt die LVR-Koordinationsstelle Kinderarmut die Jugendämter im Rheinland mit dem Programm „Teilhabe ermöglichen – Kommunale Netzwerke gegen Kinderarmut“ beim Auf- und Ausbau kommunaler Netzwerke. Aktuell profitieren 28 rheinische Städte vom Förderprogramm.

Der Schwerpunkt: KiM hat im ersten Jahr seines Bestehens den Fokus auf Aachen-Nord gelegt. Im Pilotgebiet sind sogar doppelt so viele Kinder von Armut betroffen als in der Gesamtstadt Aachen. „Jedes zweite Kind zwischen 0 und 15 Jahren in Aachen-Nord ist Empfänger von Sozialgeld“, heißt es im Bericht.

Die Arbeit vor Ort: Das Aachener Netzwerk bezieht sich auf das kindbezogene Armutskonzept der Sozialwissenschaftlerin Gerda Holz. Dieses geht davon aus, dass im Schnitt 75 Prozent der (materiell) armen Kinder nicht in Wohlergehen aufwachsen. Das bedeutet: Ihre Eltern sind nicht ausreichend in der Lage, sie gesundheitlich zu versorgen und ihnen soziale Kompetenzen zu vermitteln; zudem verfügen die Kinder über eine niedrigere Sprachkompetenz.

Für Aachen-Nord hat KiM errechnet, dass etwa 730 Kinder neben der materiellen Armut unter weiteren sozialen, gesundheitlichen und kulturellen Benachteiligen aufwachsen. Einen besonderen Fokus legen die KiM-Akteure auf die Sprache. Eine Erhebung zum Schuljahr 2010/11 hat ergeben, dass 40 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund in Aachen-Nord einen massiven Deutschförderbedarf haben. „Das bedeutet einen schwierigen Start für diese Kinder in Schule und Gesellschaft“, stellen die Netzwerk-Mitarbeiter fest.

Insgesamt gibt es an elf Kitas in Aachen-Nord 600 Plätze. 360 Kinder (60 Prozent) wachsen mit einer nicht-deutschen Muttersprache auf. Die Eltern selbst sind oftmals sprachlich bereits überfordert, stellt der Bericht fest. Mit fatalen Folgen für die Entwicklung der Kinder. Daher werden in einem ersten Schritt mit der städtischen Einrichtung Wiesental und dem katholischen Kindergarten St. Martin zwei Kitas vor Ort finanziell unterstützt, um Sprachförderprojekte umzusetzen. Allerdings: Damit werden bisher gerade einmal 30 Kinder erreicht. Die Zahl der Kinder, die in Aachen-Nord dringend zusätzliche Sprachförderung benötigen, liegt bei etwa 150.

Ziele und erste Maßnahmen: Die Initiatoren wollen die verschiedenen bereits existierenden Projekte und Einrichtungen im Stadtteil besser untereinander vernetzen, um so die Kinderarmut zu bekämpfen. Denn scheinbar werden gerade die Familien, die Hilfe am nötigsten brauchen, oftmals überhaupt nicht erreicht. Vier KiM-Arbeitsgruppen haben hierfür die Bereiche „Gemeinsam fit for family“, „Ernährung, Bewegung und Gesundheit“, „Sprachförderung für Eltern und Kinder“ und „Soziale und kulturelle Teilhabe“ erarbeitet. In ihnen werden Angebote gebündelt und besser bekannt gemacht werden.

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