Aachen heißt die Flüchtlinge willkommen

Von: Carolin Cremer-Kruff
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„Aachener Bündnis für Flüchtlinge“: Im Ratssaal trafen sich zahlreiche Verantwortliche, um die Arbeit zu koordinieren. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Er war der eigentliche Star des ersten Treffens, das unter dem Namen „Bündnis für Flüchtlinge“ im Rathaus stattfand: Reza Mehraeen, der vor 18 Jahren aus dem Iran nach Deutschland flüchtete. Er selbst würde sich allerdings nicht als Star bezeichnen, und das große Interesse für seine Person, seine Geschichte war ihm fast schon unangenehm.

Ihm geht es um etwas ganz anderes: „Als Flüchtling habe ich in Deutschland erlebt, dass viele Informationen nicht weitergegeben werden, gerade im Bereich Bildung. Daher möchte ich ein Bündnis wie es gerade in Aachen auf den Weg gebracht wird, mit meinen Erfahrungen unterstützen.“

Derzeit 850 Flüchtlinge

Wertvolle Informationen von einem, der es wissen muss. Mehraeen könnte in Zukunft Teil dieses Netzwerkes werden, welches das Informationsmanagement sowie das Zusammenbringen von verantwortlichen Personen und Institutionen in der Flüchtlingsberatung und -unterstützung in Aachen fördern soll. 850 Flüchtlinge leben derzeitig hier, davon sind rund die Hälfte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das klingt nicht viel, jedoch werden in den nächsten Monaten noch mehr Flüchtlinge erwartet – insbesondere aus Syrien, diversen afrikanischen Staaten und Afghanistan. Aachen möchte dann gut vorbereitet sein, möchte diese Menschen, die oft schicksalhafte Erlebnisse im Gepäck haben, willkommen heißen. Dabei – das wurde bei dem ersten Treffen deutlich – geht es um mehr als die Unterbringung der Flüchtlinge. Sie sollen Teil des Gemeinschaftslebens sein, integriert werden – eine hochkomplexe Aufgabe, die viele Aspekte beinhaltet.

Bereits Stadtsprecher Bernd Büttgens sprach zu Beginn der zweistündigen Veranstaltung von „einem großen Thema der Stadt“, bei dem es laut Oberbürgermeister Marcel Philipp auf zwei Sachen ankommt: „Wir müssen als Stadt eine klare Botschaft zur Flüchtlingsthematik formulieren und wir müssen miteinander kommunizieren, damit wir wissen, was zu tun ist und wer helfen kann.“ Dabei betonte er ausdrücklich, dass man in Aachen Flüchtlinge als Individuen aufnehmen möchte, denn jeder habe seine eigene Geschichte, viele sind traumatisiert. Dr. Manfred Sicking, Dezernent für Wirtschaftsförderung, Soziales und Wohnen, war zuversichtlich, dass Aachen sich mit solch einer gelebten Willkommenkultur auch bundesweit einen Namen machen und als Vorbild dienen kann. Vertreter von rund 40 Institutionen folgten der Einladung der Stadt Aachen, um ihre Erfahrungen aus der Flüchtlingsarbeit zu schildern und konkrete Lösungsvorschläge bzw. Verbesserungsvorschläge vorzubringen.

Bildung stiefmütterlich

Es wurde deutlich, dass gerade Bildungsangebote für Flüchtlinge stiefmütterlich behandelt werden. Insbesondere minderjährige Flüchtlinge müssen oft zu lange warten, bis sie in den Genuss von Sprachkursen oder gar Schulunterricht kommen. Sichtbar wurde aber auch, dass es bereits viele Hilfsangebote in Aachen gibt. Jedoch müssen diese besser gebündelt werden, damit Hilfe auch effizient zur Verfügung gestellt werden kann. Auch seien viele Aachener Bürger bereit, sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Das wurde gelobt, jedoch stand auch die Forderung im Raum, Ehrenamtler sachgerecht auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Es wurden viele konkrete Vorschläge von den Teilnehmern genannt, eine Informations-Hotline beispielsweise oder ein Stadtplan, auf dem alle Beratungsstellen für Flüchtlinge abgebildet sind.

Polizeioberrat Martin Hartmann, Leiter der Bundespolizeiinspektion Aachen, machte deutlich, dass bei der psychosozialen Notfallversorgung dringender Handlungsbedarf bestehe. Zudem müssten Flüchtlinge häufig mehrere Stunden auf der Wache warten, bis ein Dolmetscher zur Verfügung stehe. „Gerade für die Sprache Französisch suchen wir händeringend Dolmetscher“, so Hartmann. Heinrich Emonts, Leiter des Fachbereichs Soziales, fasste zum Schluss der regen Diskussion sieben Themenbereiche zusammen, zu denen sich nach einer umfassenden Bestandsaufnahme von Hilfsangeboten möglichst zeitnah Arbeitsgruppen zusammenfinden sollten. Von Marcel Philipp gab es außerdem noch Zusatzhausaufgaben mit auf den Weg: „Wir müssen uns überlegen, wie wir uns als Stadt zu der Flüchtlingsthematik positionieren. Denkbar wäre zum Beispiel eine Aachener Erklärung.“ In weiteren Treffen des Bündnisses sollen die ersten Ergebnisse Stück für Stück konkretisiert werden.

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