70 Jahre CDU in Aachen: In Trümmern wuchs Pioniergeist

Von: Hans-Peter Leisten
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Wohin führt der Weg? Dieses Foto, das uns von unserem Leser Wolfgang Müller zur Verfügung gestellt wurde, zeigt den Theaterplatz nach ersten Aufräumarbeiten. Gedankenversunken scheint die Frau über die Zukunft ihrer Heimatstadt zu sinnieren.

Aachen. Priorität hatte nach wie vor das blanke Überleben. Von einem ersten Keimen normalen Lebens zu schreiben, würde die brutalen Lebensbedingungen im Sommer 1945 verhöhnen. Auch wenn in den Trümmern der Stadt Aachen langsam erste Finanztransfers, Post und begrenzt Straßenbahnverkehr wieder möglich wurden.

Für eine Gruppe von Politikern galten diese brutalen Rahmenbedingungen genauso wie für alle anderen Frauen, Kinder und Männer, die nach der Evakuierung langsam wieder den Weg in ihre Heimatstadt gefunden hatten. Eine Handvoll Männer war beseelt von einer – man darf es so nennen – Mischung aus politischem Sendungsbewusstsein und tiefer Heimatliebe, die sie den politischen Neuanfang auf kommunaler Ebene wagen ließ. Wenig später gingen sie als Gründer der Aachener CDU in die kommunale Stadtgeschichte ein. Sie werden am Sonntag gewürdigt, wenn die CDU Aachen ihren 70. Geburtstag feiert.

Dass diese ersten Schritte den Weg zu einer Erfolgsgeschichte bahnen sollten, ahnten Dr. Albert Maas, Dr. Josef Hofmann oder auch Dr. Alfred Wolf nicht, als sie sich nach Gleichgesinnten umsahen. Der Handlungsdruck war aber unbestreitbar. Betrug die Zahl der Einwohner und Einwohnerinnen im Dezember 1944 erst 9728, so lebten im Sommer bereits 53.000 Menschen in unserer Stadt. Bis zum Jahresende sollten es bereits wieder 100.000 sein. Die menschenverachtenden Verheerungen des NS-Zeit hatten in der Bevölkerung entweder tiefe Enttäuschung oder politische Frustration hinterlassen. Die Neubildung eines politischen Bewusstseins gehörte dementsprechend immer stärker zu den elementaren Voraussetzungen für den Wiederaufbau einer gesunden Gesellschaft.

Wer waren diese Idealisten, die den Aachenern wieder Mut geben wollten, die ihnen die Notwendigkeit politischen und parteipolitischen Denkens und Arbeitens vermittelten und zudem die Strukturen zum Wiederaufbau schaffen wollten? Die Aachener Historikerin Claudia Conrads hat 2006 an der Universität Bonn über das Thema „Die Christlich-Demokratische Union in Aachen – Von der Gründung bis zur Konsolidierung“ promoviert. Ihre Dissertation wurde Ende 2013 als Taschenbuch verlegt. Sie sieht die Wurzeln der Aachener CDU-Gründer in der früheren Deutschen Demokratischen Partei, in den Kirchen, den christlichen Gewerkschaften, vor allem aber im Zentrum der Weimarer Republik. Vor allem Albert Maas, der von 1946 bis 1952 Oberbürgermeister werden sollte, war ein unermüdlicher Initiator. In den Wochen nach der Kapitulation war an ein Auto nicht zu denken, und so tauschte Maas seine Schreibmaschine gegen ein Fahrrad, um mobil zu sein und Gleichgesinnte ausfindig zu machen. Menschen, die aus dem Widerstand kamen oder sich auch in eine Art inneres Exil geflüchtet hatten. Für ein erstes Treffen hatte er an der Neupforte 5/7 das Haus des katholischen Gemeindeverbandes ausfindig gemacht.

Dort wollte er am 24. August 1945 ein Gründungstreffen der neuen Christlich Demokratischen Partei – so der tatsächliche erste Name des neuen Gebildes – abhalten. Sein Vorhaben stieß aber bei der britischen Besatzungsmacht auf wenig Gegenliebe. Die war linksorientiert und gegenüber den eher konservativen Wurzeln der Gründer reserviert.

So kam es erst am 29. August zu einem Vorbereitungstreffen zur Parteigründung. Der Name Maas hatte aber offensichtlich einen hervorragenden Ruf, denn Dr. Josef Hofmann, der zu einem entscheidenden Wegbegleiter werden sollte, schrieb in seinen Erinnerungen: „Sobald ich im Sommer 1945 erfahren hatte, daß Dr. Albert Maas, der frühere Geschäftsführer des Zentrums für Aachen-Stadt und Land, und Johannes Ernst, der frühere Sekretär des Christlichen Bergarbeiter-Verbandes und Reichstagsabgeordnete des Zentrums von 1932 bis 1933, zurück seien, suchte ich sie auf, um mit ihnen über die Gründung einer christlich-demokratischen Partei zu sprechen.“ Die genannten Männer können heute unzweifelhaft als Gründerväter der Aachener CDU bezeichnet werden.

Als tatsächlicher Gründungstermin der CDP, der Christlich Demokratischen Partei, gilt der 19. September 1945. Maas war nicht nur Versammlungsleiter im Haus an der Neupforte, er hielt auch vor 45 Mitstreitern die Eröffnungsrede. Hauptreferent war aber Dr. Alfred Wolf, früherer Generalsekretär der schlesischen Zentrumspartei. Programmatisch bezeichnete er die Parteigründung als ein „Angebot der Zusammenarbeit mit allen demokratischen und sozialen Aufbaukräften“, wie Dr. Claudia Conrads schreibt. Grundlage sollten die christliche Weltanschauung und die abendländische Kultur sein. Neben der Verpflichtung zur Demokratie wurde die Ablehnung der „verwerflichen Lehre des Nationalsozialismus sowie des Militarismus“ betont.

Nach der Definition des Eigenverständnisses kam es zur Bildung des Parteivorstandes. Zu diesem zählten neben Maas, der später Vorsitzender der CDP wurde, und Johannes Ernst, später Arbeits- und Sozialminister des neu gegründeten Landes NRW, auch Josef Hofmann, späterer Kulturpolitiker im Landtag NRW, Josef Weyer, der Lehrer Josef Alertz, der Kaplan Hugo Brammertz und nicht zuletzt Hermann Heusch.

Heusch wurde zu einer der prägendsten Figuren der Aachener Nachkriegsgeschichte. Er beerbte nach der Wahl 1952 Albert Maas als Oberbürgermeister und hatte dieses Amt für die CDU bis 1972 inne. Maas konnte sich aber erster demokratisch gewählter OB der Nachkriegszeit nennen. Die CDP hatte sich am 12. Januar 1946 in CDU umbenannt und bei der ersten Stadtverordnetenwahl am 13. Oktober überzeugend Rückhalt von der Aachener Bevölkerung bekommen. Von 122.937 gültigen Stimmen – jeder Wahlberechtigte hatte drei Stimmen – erhielt die CDU 78.751, was 64,1 Prozent entsprach. Bis 1989 stellte die CDU den Oberbürgermeister: Albert Maas 1946 bis 1952, Hermann Heusch 1952 bis 1972, Kurt Malangré 1972 bis 1989. Nach dem SPD-OB Dr. Jürgen Linden (1989 bis 2009) holte 2009 Marcel Philipp das Amt des Stadtoberhauptes für die CDU zurück.

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