45 Millionen Euro teurer Neubau ab Oktober nur im „Probebetrieb“.

Von: Robert Esser
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Was von außen wie ein Bunker wirkt, ist innen lichtdurchflutet und überraschend hell: Das neue Hörsaalzentrum an der Claßenstraße erstreckt sich – hier die Pausenhalle – über mehrere Geschosse. Foto: Andreas Herrmann
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In einem der kleinsten von elf Hörsälen: Christine Wulfert (RWTH), Nikola Herzberg (BLB), Bernd Klass (BLB) und Bauleiter Karl Heinz Dittmann.
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Graue Optik mit hellgrünen Schlitzen: So monumental wurde das riesige Hörsaalzentrum erbaut.
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Farbenspiel: Die 16 Seminarräume sind dank unterschiedlicher Böden leicht zu unterscheiden.
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C.A.R.L.: Das steht für Central Auditorium for Research and Learning.
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Clever: Die verschachtelte Treppenkonstruktion fasst mehr Menschen.

Aachen. Bis das Geheimnis um die größten Hörsäle gelüftet wird, muss erst deren Klimatisierung enträtselt werden. So lange bleiben die Schmuckstücke für Pressefotografen tabu. Derzeit laufen „Belüftungstests“, wie Bernd Klass, Sprecher des Bau- und Liegenschaftsbetriebs (BLB), bei einer exklusiven Führung durch die Großbaustelle an der Claßenstraße erläutert.

Unter Hochdruck – und unter Ausschluss der Öffentlichkeit natürlich. Fertig wird man trotzdem nicht rechtzeitig. Wenn zum Wintersemester 2016/17 in Aachen eines der größten Hörsaalzentren Europas mit mindestens dreijähriger Verspätung eröffnet wird, beginnt Mitte Oktober erstmal nur ein „Probebetrieb mit eingeschränkter Nutzung“.

Das heißt: Die insgesamt 4182 Lernplätze in dem 45-Millionen-Euro-Bau werden nicht täglich ausgelastet, damit noch Restarbeiten verrichtet werden können. Zum Beispiel an der Klimatisierung – was weniger die 640 Plätze in 16 farbcodierten Seminarräumen als vielmehr die 3542 Plätze in elf Hörsälen betrifft. Der größte fasst rund 1000 Menschen.

Aktueller Bauzustand? Geheim. So viel wird verraten: „Im alten Audimax nebenan gibt es Lüftungsschächte in jeder Rückenlehne. Hier arbeiten wir nun mit modernster Technik und Luftauslässen im Fußbereich“, erläutert die BLB-Projektverantwortliche Nikola Herzberg. Anvisiert ist Sommer wie Winter eine stabile Lerntemperatur von 19 Grad Celsius – auch während 1000 Leute ihre Laptops glühen lassen. „Eine Herausforderung, die sicherlich noch Justierarbeit erfordert“, sagt Christine Wulfert, die Großprojekt-Koordinatorin der RWTH.

Erfahrungsgemäß heizen Menschen Gebäude eher auf, problematisch ist die gleichmäßige Kühlung ohne Durchzug. Falls durch die Wärme- und Kühldecken nur zwei Grad weniger als ideal erzielt würden, erreiche man bei 17 Grad Celsius die optimale Nachtschlaftemperatur, wie Herzberg bemerkt. Was natürlich nicht erwünscht ist. Zumal es in den Hörsälen zwecks optimaler Voraussetzungen für Projektionstechnik und Experimente keinerlei Tageslicht gibt.

Überraschend lichtdurchflutet zeigt sich indes der überdachte Pausenhof über drei Obergeschosse des Hörsaalzentrums, das auf den Namen C.A.R.L. getauft wird (Central Auditorium for Research and Learning). Die Buchstaben prangen schon an der grauen, mit hellgrünen Streifen durchsetzten Außenwand des 14.000 Quadratmeter großen Komplexes, der nur äußerlich an einen Bunker erinnert.

Vor allem die Rückseite Richtung Westbahnhof öffnet den Blick durch hunderte Quadratmeter Fensterscheiben. Damit die Studierenden – vornehmlich experimentelle Physik und Chemie für Maschinenbauer – in der riesigen Halle inklusive Cafeteria „Esstu“ nicht in einem ohrenbetäubendem Geräuschpegel versinken, montierten Akustiker „Sauerkrautplatten“ an die Decken. Diese schlucken Schall und sorgen tatsächlich schon jetzt für angenehme Gesprächsatmosphäre.

Weniger angenehme Diskussionen hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder über Bauverzögerungen gegeben. Mehrfach lag die Großbaustelle zudem still, da man Beschwerden von Baufirmen aburteilen musste, die im Vergabeverfahren nicht berücksichtigt worden waren. Ein Unternehmen klagte sich sogar ein.

Weil Firmen während der Bauausführungen pleite gingen, folgten weitere Verzögerungen. Trotzdem ist der oberste Bauleiter Karl Heinz Dittmann zuversichtlich, den Endspurt dieses Jahr zu schaffen. Danach könnten das marode Audimax saniert und das Kármán-Auditorium abgerissen werden – theoretisch. Die Zukunft der Altbauten ist noch ungewiss.

Die Hochschule braucht beide nicht mehr; genauso wenig wie die Hörsaal-Notbauten (4,5 Millionen Euro), die den Höchststand von über 43.000 Studierenden wegen der Verzögerungen an der Claßenstraße abfedern mussten – und demnächst demontiert werden sollen.

Vieles sieht im C.A.R.L. endlich fein vollendet aus: die Oberlichter mit roten, blauen und gelben Rahmen. Der helle Eichenparkettboden, die Betonwände, das Linoleum zu Füßen der Seminarräume. Die ineinander verschachtelten Treppenhäuser garantieren schnelle Fluchtwege für Menschenmassen auf überschaubarem Raum, und dutzende Toiletten spülen bereits.

Wobei es genauso viele Herren- wie Damentoiletten gibt – obwohl nur 13 Prozent der Maschinenbauer(innen) weiblich sind. Und der Frauenanteil hat sich seit 2013 kaum geändert. Was natürlich kein Geheimnis ist.

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