44 Kleingärtnern droht die zweite Vertreibung

Von: Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
gartenbild1
Ärger im Schatten des Iduna-Hochhauses am Europaplatz: Elisabeth Billet, Wilhelm Hickl und Josef Mandelartz vom Kleingartenverein Wiesental sowie Karl Schmetz und Helmut Theunissen (v. l.) vom Stadtverband können die Pläne der Stadt im Aachener Norden nicht nachvollziehen. 44 Gärten sollen dort wegfallen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Bis vor gut zwei Jahren pflegte die rüstigen Seniorin ihren Schrebergarten in der Kleingartenanlage „Roland”. Mehr als 30 Jahre hatte sie dort gesät, gepflanzt und geerntet, dann kamen Planierraupen: „Roland” musste dem neuen Tivoli weichen. Die Frau fand eine Parzelle im Wiesental, fing neu an, hat sich dort gerade wieder eingerichtet - und schon wieder droht ihr Vertreibung.

Noch sind es zwar keine Planierraupen, sondern nur Planer, aber die haben zwischen Wurm und Jülicher Straße im Rahmen des Projekts „Soziale Stadt Aachen-Nord” einiges vor. Saniert und aufgewertet werden soll das 25 Hektar große Quartier, in dem 1800 Menschen leben. 300 Wohneinheiten sollen dort neu entstehen. Und vor allem, so die Idee des im Auftrag von Stadt und Gewoge tätigen Büros „HJPplaner”, soll sich alles stärker zu einer künftig auch renaturierten Wurm hin öffnen.

„Grünfugen” verschlingen Gärten

Bloß: Wenn das Realität wird, stehen vor dem Garten der rüstigen Seniorin wieder Planierraupen. Denn die Kleingartenanlage Wiesental liegt wie ein Grenzriegel vor der Wurm, haben die Planer in ihrer Studie ausgemacht. Neue Wege sollen deshalb als „Grünfugen” diese Grenze durchschneiden. Und das grüne Refugium der Seniorin, die gerade erst dem neuen Tivoli weichen musste, liegt ausgerechnet da, wo die Planer die größte „Grünfuge” vorsehen. „Ich komme mir vor wie beim Schiffeversenken”, sagt die Frau. „Treffer, versenkt - und immer trifft es mich.”

Aber nicht nur sie. Nach den Plänen, die nächste Woche erstmals von der Politik beraten werden, müssen 44 Kleingärtner weichen - mindestens. Die Anlage Burggrafenstraße, mit zwölf Parzellen eine der kleinsten und überdies ohne Dauergartenstatus, soll laut Verwaltungsvorlage „überplant” werden.

Im Klartext heißt das: Dort sollen Wohnungen gebaut werden. Und im Wiesental, mit 176 Gärten zweitgrößte Kolonie, verschlingen zunächst zwei „Grünfugen” 32 Gärten. Einer geplanten dritten würden weitere acht zum Opfer fallen. Aus Rücksicht auf die Kleingärtner, so die Verwaltung, habe man diese aber zunächst zurückgestellt.

Gleichwohl ist unter den Kleingärtnern an der Wurm die Wut groß. „Ich bin dagegen, wir werden kämpfen”, kündigt Josef Mandelartz, 1. Vorsitzender des KGV Wiesental, an. Er sammelt schon Unterschriften gegen die Zerschneidung der Anlage. Und er sagt: „Ich sehe da kaum Chancen auf einen Kompromiss.”

„Lehnen wir rigoros ab”

Mit ähnlichem Unverständnis reagiert der Stadtverband der Kleingärtner. „Dass so viele Gärten wegfallen, bloß damit die Leute schneller an die Wurm kommen, lehnen wir rigoros ab. Wer spazieren will, kann ruhig etwas weiter gehen”, sagt dessen 2. Vorsitzender Karl Schmetz. Und der Schriftführer des Verbandes erinnert an die noch frischen Narben, die der Tivoli-Neubau hinterlassen hat. „Wir sind ein gebranntes Kind”, sagt Helmut Theunissen.

Die Betroffenen sprechen von alten Strukturen, von jahrzehntelangem Wachsen, von tiefer Verwurzelung, von einem Stück Heimat, das bedroht ist. Die Planer reden von einem Imagewechsel, vom Überwinden und „Aufbrechen” von Grenzen, von neuen Bewohnern, Ideen und Zielgruppen. In Letzterem sieht Planungsdezernentin Gisela Nacken eine große Chance, „auch aus gesamtstädtischer Sicht”. Man könne dort „wirklich etwas Gutes bewirken”, erklärt die grüne Beigeordnete.

Auch vielen anderen Bewohner des Quartiers sei dies „ein wichtiges Anliegen”. In Sachen Kleingärtner sei man „sehr an einer einvernehmlichen Lösung interessiert”, betont sie. Allerdings ist der Spielraum gering. Dass man durch die Gärten „mitten durch muss”, ist für sie nicht zu verhandeln. Die Betroffenen müssten sich andere, frei werdende Gärten suchen, „auch wenn ich weiß, dass das eine ziemliche Zumutung ist”.

Doch gebe es ja auch Entschädigungen, betont Nacken, und außerdem sei ja auch noch Zeit genug vorhanden: „Bis wir einen Bebauungsplan haben, dauert es bestimmt zwei Jahre.” Wie die Stadt auf möglichen Widerstand reagieren werde, mag die Dezernentin nicht kommentieren. „Damit befasse ich mich noch nicht.”

Die Seniorin dagegen, deren Garten zum zweiten Mal binnen weniger Jahre die Planierraupe droht, tut das wohl. Und sie ist alles andere als optimistisch: „Es hat überhaupt keinen Sinn, mit der Stadt zu verhandeln”, befürchtet sie und will sich bald wieder nach einem neuen Garten umsehen. „Es ist ein Jammer.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert