417 Kriminalpolizisten packen ihre Sachen

Von: Stephan Mohne
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Sportlicher Kraftakt: Kriminalhauptkommissar Michael Neumann ist einer von 417 Kripo-Beamten, die am Wochenende wegen der Neuorganisation umziehen. Da ist Kistenschleppen angesagt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Bei der Aachener Kriminalpolizei herrscht das große Stühlerücken. Was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Im Aachener Polizeipräsidium und in anderen Dienststellen in der Städteregion – ob Alsdorf oder Stolberg, Eschweiler oder Herzogenrath – stapeln sich Umzugskartons.

Reihenweise werden Möbelwagen beladen, auf den Fluren schleppen Kripo-Beamte Tische und Büromaterial. Polizeipräsident Dirk Weinspach nennt das einen „großen Kraftakt“. Was angesichts des beschriebenen Szenarios ebenfalls wörtlich zu nehmen ist – in diesem Fall aber auch noch eine weitere Bedeutung hat. Denn in anderthalbjähriger Arbeit ist ein System ersonnen worden, das fast die gesamte Aachener Kriminalpolizei umkrempelt – räumlich ebenso wie bei der Aufgabenverteilung.

In Zahlen liest sich das so: 417 Kripo-Beamte – rund ein Drittel der Gesamtbelegschaft der Aachener Polizei – ziehen um. 275 davon verlassen zudem ihre angestammte Dienststelle und nehmen die Arbeit an anderer Stelle wieder auf. Das alles geschieht an nur einem einzigen Wochenende. Bereits am Montag soll alles neu geordnet sein. Weinspach spricht von einem „großen logistischen Aufwand“. So ziehen beispielsweise auch 123 Computer und mehrere Dutzend andere Geräte mit um.

Anforderungen gestiegen

Der Großumzug ist jedoch nur das äußere Zeichen für einen umwälzenden Prozess bei der Kripo. 2004 habe es die letzte Umstrukturierung in diesem Bereich gegeben, erklärt der Polizeipräsident. Doch in den vergangenen Jahren habe sich vieles verändert – hinsichtlich der Kriminalitätsformen, hinsichtlich der Täterklientel und damit auch hinsichtlich der Schwerpunkte polizeilicher Arbeit. Vieles sei aufwendiger geworden, die Anforderungen seien gestiegen, so Weinspach. Die bisherige Organisation sei vor diesem Hintergrund „nicht optimal“ gewesen. Und so wurde noch zu Zeiten von Weinspachs Vorgänger Klaus Oelze die Neuorganisation in die Wege geleitet. Das Ergebnis, das Weinspach gemeinsam mit Kripo-Chef Ulrich Flocken und dem Personalratsvorsitzendem Rainer Axer am Freitag öffentlich vorstellte, bringt vor allem eines: eine Konzentration bestimmter Bereiche von Straftaten in spezialisierten Kommissariaten (KK) und Kriminalinspektionen (KI). Ein entscheidender Punkt dabei: Die Bearbeitung schwererer und leichterer Straftaten wird weitgehend voneinander getrennt. Das soll in ersteren Fällen den Kommissariaten mehr Luft verschaffen, komplexe Sachverhalte aufzuklären. So kümmert sich das KK 11 (u.a. Tötungsdelikte, gefährliche Köperverletzung, Brände) nicht mehr um „einfache“ Körperverletzungen, die aufgrund ihrer Vielzahl zum Bereich der „Massendelikte“ zählen. Weiteres Beispiel: Im KK 14 wird alles gebündelt, was mit Einbrüchen und Kfz-Diebstahl zu tun hat. In diesem Bereich habe man bereits konzentrierter gearbeitet, was zu einer „deutlich gestiegenen Aufklärungsquote, die weit über dem Landesdurchschnitt liegt“, geführt habe, so Weinspach. Zusammengeführt wurden die Bereiche Raub und jugendliche Intensivtäter im KK 15 – weil die Raubtäter eben nicht selten jugendliche Intensivtäter sind. Im KK 21 (Organisierte Kriminalität) beschäftigt man sich – auch das ein Zeichen der Zeit – insbesondere mit den Rocker-Umtrieben. Ebenfalls neu organisiert ist die „KI Staatsschutz“. Die Sondergruppe „Remok“, die aufgrund der regelmäßigen Demos und der KAL-Umtriebe einst in Stolberg angesiedelt wurde, existiert als solche nicht mehr. Die Aufgaben werden nun in der Wache Mariental in Aachen gebündelt. Das auch, um „auf die massiv gestiegenen Anforderungen in diesem Bereich täglich flexibel reagieren zu können“, betont Weinspach. Und meint damit insbesondere die als „abstrakt hoch“ eingestufte Gefährdungslage im Bereich islamistischen Terrors reagieren zu können. Diese Aufgabe ist ebenfalls in dieser KI angesiedelt. Zusammengeführt werden in Aachen auch die „verdeckten Ermittler“, die im Polizeijargon „Einsatztrupp“ heißen.

Die bislang vier Regionalkommissariate in Alsdorf, Herzogenrath, Eschweiler und Stolberg werden auf zwei reduziert – Alsdorf ist jetzt komplett für den Nordkreis zuständig, Stolberg für den Südkreis. In Herzogenrath ist stattdessen neben Aachen nun eine der Bearbeitungsstellen für besagte „Massendelikte“ beheimatet. Die machen laut Ulrich Flocken mehr als 50 Prozent aller Straftaten in der Städteregion aus. Nach Eschweiler zieht das KK 13, das sich unter anderem mit Betrug und Internetkriminalität befasst.

Personalrat ist zufrieden

Und die betroffenen Beamten? Im dem ganzen Prozess sei es von vornherein darum gegangen, alle Mitarbeiter einzubeziehen, sagt Weinspach. Flocken betont: „Uns war klar, dass man so etwas keinesfalls gegen die Mitarbeiter machen kann.“ Natürlich habe es bisweilen auch „gerumpelt“, aber man habe viele Fragen und Bedenken aus dem Weg räumen können. Und auch Personalratsvorsitzender Rainer Axer bescheinigt der Behördenleitung ein transparentes Verfahren. Die „Königsdisziplin“ sei die Beantwortung der Frage „Wer arbeitet wo?“ gewesen. Jeder habe drei Wünsche äußern dürfen. In 90 Prozent der Fälle sei der Erstwunsch erfüllt worden, in weiteren fünf Prozent der Zweit- oder Drittwunsch. Bei 20 Beamten habe das nicht geklappt, was natürlich auch zu Frust geführt habe. In Gesprächen habe man für einige zumindest perspektivisch etwas tun können. Nur zehn Beamte würden nun gegen ihren Willen versetzt. „Diese Quote hatte ich mir anfangs nicht vorstellen können. Das ist eine sehr gute Leistung“, bilanziert Axer.

Wären da noch die Bürger: „Unser Service verschlechtert sich durch die Neuorganisation nicht“, betont der Polizeipräsident.

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