4000 Aachener an der Isar: Trauerspiel über 490 Kilometer

Von: Valerie Barsig (Aachen) und Isabell Hennes (z.Z. München)
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Verbunden im Leid: In Aachener
Verbunden im Leid: Im Münchener Stadion flossen nach dem besiegelten Abstieg der Alemannia in die 3. Liga am Sonntagnachmittag viele Tränen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Gegen 15.15 Uhr ist der Pyrrhus-Sieg der Alemannia in München perfekt - und Aachen trägt Trauer in Schwarz-Gelb: „Es ist schade, dass das letzte Aufbäumen sich nicht mehr gelohnt hat” - Vietus Merx ist einer aus dem traurigen Heer der Enttäuschten, die sich zum „Public Viewing” vor allem in den Kneipen an der Pontstraße zusammengefunden haben.

So viel Hoffnung hatte er in das nun vorerst letzte Spiel seiner Alemannia in der 2. Liga gesetzt. „Da passt das Wetter zur Stimmung.” Auch Sarah Güsken ist verärgert. „Nachdem die von Eintracht Frankfurt fast unser Stadion abgerissen haben, hätte Frankfurt jetzt zumindest ein Tor für uns schießen können”, meint sie. Allein: Durch seinen 1:0-Sieg gegen die Main-Städter hat der Karlsruher SC die Aachener trotz deren Triumph über 1860 letztlich aus der Liga gekickt.

Und so wird dieser Mai-Sonntag nicht nur für die daheimgebliebenen Alemannia-Fans buchstäblich zum Trauerspiel. Dabei hatte sich die Allianz Arena - gut 490 Kilometer Luftlinie entfernt - beim Auswärts-Thriller gegen die Münchner bereits knapp eine Stunde vor dem Anpfiff mit viel mehr Aachenern als 1860-Fans gefüllt.

Weit über 4000 haben sich am Wochenende auf den Weg Richtung Isar gemacht. Im Stadion werden Trikots der Schwarz-Gelben verteilt. Wirkliche Freude aber will nicht aufkommen, obwohl die Kartoffelkäfer sich so wacker schlagen. Viele Fans schauen öfter auf ihr Handy als aufs Spielfeld - wohl wissend, dass die Entscheidung heute letztlich in Karlsruhe fällt.

„Aachen hat verdient gewonnen”, resümiert denn Balthasar Tirtey, der sich mit Tochter Katja und einer befreundeten Familie mit zwei Miet-Bullis auf den Weg zum Entscheidungsspiel gemacht hat. „Hätten wir die ganze Sasion so gespielt, hätten wir uns heute nicht auf die Frankfurter verlassen müssen.”

Eigentlich hatte der Sonntag so fulminant begonnen: Bereits in der elften Minute schießt Albert Streit das 1:0 für Aachen. Im Café Sowiso an der Pontstraße entlädt sich die Spannung mit lautem Gebrüll. „In den letzten Spielen hat die Alemannia überraschend gut nach vorne gespielt. Es wird heute schwer, aber ich bin guter Dinge”, gibt sich Dirk Merten noch hoffnungsfroh.

Auch die Faust von Milan Comes ist siegessicher in die Luft gestreckt. Das ändert sich in der zweiten Halbzeit und mit der Führung des Karlsruher SC. Eines ist klar: Gewinnt Karlsruhe das Spiel gegen Eintracht Frankfurt, hat Aachen keine Chance mehr auf die Relegation.

In der 18. Minute noch mehr Ernüchterung - Stefan Aigner von 1860 schießt den Ausgleich. Milan Comes legt den Kopf auf den Bartresen: „Das war ja klar, typisch Aachen!” Verliert Aachen, will er nicht mehr auf den Tivoli gehen.

Mirja Steels wirbelt geschäftig hinter der Theke hin und her. Die Fans wollen mit Kaffee, Bier und auch dem ein oder anderen beruhigenden Tee bewirtet werden. Mirja ist Mitbetreiberin des Café Sowiso und selbst Aachen-Fan. Natürlich wünscht sie sich für ihren Verein den erträumten Relegationsplatz. „Für einen Gastronomiebetrieb wie unseren wäre es natürlich blöd, wenn Aachen absteigen würde”, meint sie. Denn 3. Liga, das bedeutet keine Fernsehübertragungen mehr. „Aber auch für unsere Stadt wäre ein Abstieg dramatisch.”

Rund 600 Leute tummeln sich in der Kneipe - sogar draußen sitzen sie in Regenmäntel eingemummelt und fiebern mit. Die Mienen werden angespannter. Aachen führt zwar inzwischen wieder, aber auch Karlsruhe liegt in Führung. „Wenn da nichts passiert, hat alles nichts genutzt”, sagt Dirk Merten und zündet sich noch eine Zigarette an. Ernüchterung macht sich breit.

Das Spiel der Alemannen geht immer weniger nach vorne. „Sobald die in Führung gehen, nehmen die den Druck raus”, ist der allgemeine Tenor. Auch aus Karlsruhe kommen keine guten Nachrichten. In der 70. Minute werden leise „Alemannia”-Rufe laut, enthusiastisch scheint aber keiner mehr, die Gesichter werden immer länger.

Nur Günther Dollendorf will die Hoffnung noch nicht aufgeben: „Wartet ab Jungs, gleich macht Eintracht den Ausgleich, oder der KSC schießt ein Eigentor.” Wirklich glauben will ihm niemand.

Ortswechsel nach München: In der 83. Minute stimmen die rund 4000 mitgereisten Fans im Stadion „You never walk alone” an. „Wir haben die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgegeben”, sagt Richard Iberow, kurz nachdem der letzte Schiedsrichterpfiff für die Alemannia in der zweiten Liga verklungen ist. Jetzt bleibt ihm und seinem Kumpel René Honger nur ein schwacher Trost: „Wir sind schon am Samstag in München angekommen und haben uns ins fantastische Nachtleben gestürzt.”

Im Aachener Sowiso wird es Sonntagnachmittag hingegen immer stiller. Langsam zeigt sich die Erkenntnis auf den Gesichtern: Der Abstieg naht. „Ich habe heute schon mitgefiebert, obwohl ich gar nicht so ein großer Fußballfan bin”, erzählt Karl Lander. Er ist Taxifahrer und steht an der Haltestelle Pontstraße. „Wirtschaftlich ist ein Abstieg der Alemannia für Aachen eine Katastrophe”, weiß er. Auch für ihn werde es bei einem Absturz in die 3. Liga weniger Fahrten geben, sagt er. „Das macht sich auf jeden Fall bemerkbar.”

Die letzten Minuten: Der KSC ist noch immer in Führung, die letzten Biere werden geleert, Stoßgebete zum Himmel geschickt. Außer dem Ton aus dem Fernseher ist es beim Abpfiff still. Das Sowiso scheint in Schockstarre verfallen. In einer Ecke klatscht jemand, aber niemand stimmt ein. Dirk Merten verdrückt ein paar Tränen. „Heute hat Aachen zwar seine Hausaufgaben gemacht, aber die Saison insgesamt war katastrophal.”

Dann wird Kritik am Ex-Trainer Funkel laut. „Das ist jetzt die sechste Mannschaft, die er trainiert hat und die danach absteigt”, schimpft Günther Dollendorf. Friedhelm Funkel sei ein Fehlgriff gewesen, findet auch Jan Budke. „Der hat uns die Defensiv-Taktik kaputt gemacht”. Trotzdem steht für ihn fest: Alemannia kommt wieder.
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