3,755 Millionen: Istanbuler Unternehmer ersteigert Kaiserbrunnen

Von: Oliver Schmetz
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Der Istanbuler Unternehmer Hüsnü Eken, verwandt mit dem bisherigen Besitzer, hat bei der Zwangsversteigerung des früheren Kaiserbrunnen-Areals für 3,755 Millionen Euro den Zuschlag bekommen. Foto: Jaspers

Aachen. Der Saal ist klein und voll. Etwa 40 Menschen drängen sich dort. Zumeist sind es Männer. Vom smarten Anzug- bis zum muskelbepackten Shirtträger samt Kettchen und dicker Uhr reicht das Spektrum. Von seriös bis ... nun ja.

Die Luft ist stickig, es wird getuschelt, und vorne am Tisch geht es um Millionen. Und am Ende macht ein Firmenpatron – der sich später als reicher Onkel aus der Türkei entpuppt – das dicke Geschäft: Wäre das Licht schummriger und dächte man sich Zigarrenqualm und Bierdunst hinzu, wäre die Hinterzimmeratmosphäre perfekt. Doch mit alkoholischen Getränken gibt das hier nichts, das macht der Mann vorne am Tisch unmissverständlich klar: „Wir hätten die allergrößten Probleme, hier eine Flasche Bier hineinzubekommen“, sagt Hans-Jürgen Jacobi.

Schließlich ist Jacobi ein erfahrener Rechtspfleger und der kleine Saal kein verrauchtes Hinterzimmer, sondern ein nüchterner Verhandlungsraum im Aachener Justizzentrum. Außerdem geht es nicht um Bier, sondern allenfalls um Mineralwasser: Hans-Jürgen Jacobi leitet an diesem Morgen die Zwangsversteigerung eines ausgesprochen traditionsreichen Aachener Firmengrundstücks. Unter den Hammer kommt das 16.000 Quadratmeter große ehemalige Kaiserbrunnen-Areal an der Jülicher Straße/Ecke Lombardenstraße.

Dort waren von der Kaiserbrunnen AG die letzten Flaschen „Öcher Sprudel“ im Dezember 2009 abgefüllt worden. Nach Stilllegung des Betriebs wurde das Gelände an einen Investor verkauft, der bekundete, in seine Überlegungen die Kaiserquelle einzubeziehen.

Passiert ist aber nach außen hin gar nichts, während sich hinter den Kulissen die Schulden häuften. Seit 2013 läuft das Zwangsverfahren. An diesem Morgen sitzt die Sparkasse als Hauptgläubigerin vorne mit am Tisch. 1,3 Millionen stehen aus. Außerdem wartet das Finanzamt auf über 100.000 Euro an Grundbesitzabgaben. Und dann gibt es noch einen privaten Gläubiger in Hanau.

Demgegenüber steht der Verkehrswert des Grundstücks von 2,15 Millionen Euro. Müsste also locker passen, überschlägt man als Beobachter im Kopf schnell, zumal Baugrundstücke in Aachen heiß begehrt sind. Was Rechtspfleger Jacobi später bestätigt: „Die Zeit der Schnäppchen bei Zwangsversteigerungen ist in Aachen längst vorbei.“ So ist es auch an diesem Morgen, an dem der Istanbuler Unternehmer Hüsnü Eken am Ende für 3,755 Millionen Euro den Zuschlag erhält.

Eken? Mit diesem Nachnamen hatte sich zuvor auch der Geschäftsführer der Bepaix Immobilien GmbH, gegen die das Zwangsverfahren läuft, dem Rechtspfleger vorgestellt. Ein Zufall? Oder Familienbande? Der bisherige Besitzer sei ein Neffe des Meistbietenden, räumt ein Berater des Istanbuler Unternehmers später auf Nachfrage ein.

Offensichtlich ist also der reiche Onkel aus der Türkei, der nach eigenem Bekunden ein Unternehmen mit 2250 Mitarbeitern führt, mal eben herübergejettet, um das traditionsreiche Aachener Grundstück im Familienbesitz zu halten. Um jeden Preis? „Wir hätten auch noch mehr geboten“, sagt Ekens Berater.

Dabei hat das Bieten eher gemütlich begonnen. Der Aachener Projektentwickler Norbert Hermanns macht mit dem Mindestgebot von gut einer Million den Anfang, der Biergroßhandel Marder erhöht geringfügig, und immer wieder gibt es Pausen.

„Ich kann gerne Fragen beantworten, aber Lieder werde ich nicht vortragen“, sagt Rechtspfleger Jacobi in solchen Momenten ins Schweigen hinein. Oder man schwärmt von den Zwangsversteigerungen in Belgien, die tatsächlich in Kneipenhinterzimmern stattfinden sollen und wo der Notar am Ende angeblich den Deckel begleicht.

Gegen Ende der 30-minütigen Mindestbietzeit geht es dann aber Schlag auf Schlag: Zweikommafünf Millionen! Zweikommasieben! Dreikommanull! Dreikommazwei! Dreikommafünf! Dreikommafünfnullfünf! Dreikommasiebenfünf! Dreikommasiebenfünffünf! Nur noch Eken und ein Mitbieter sind in dem Rennen, das der reiche Onkel aus der Türkei am Ende macht. Und nun? Die Berater des neuen Besitzers reden davon, das Grundstück entwickeln zu wollen.

Vielleicht könne dort ein Hotel gebaut werden. Oder Studentenwohnungen. Und man prüfe auch, heißt es tatsächlich, ob man nicht doch irgendwas mit der traditionsreichen Kaiserquelle machen könne. Schließlich habe man das alte Kaiserbrunnen-Grundstück auch als „Prestigeobjekt in Deutschland“ ersteigert.

Doch bevor nun schon die Korken knallen, muss erst einmal die Zeche bezahlt werden. 215.000 Euro sind als Sicherheitsleistung angezahlt, womit also noch einiges fehlt. Binnen acht Wochen, bis zum Verteilungstermin, muss das ganze Geld da sein. „Sonst werde ich böse“, sagt Rechtspfleger Jacobi. Spätestens dann wird sich wohl auch zeigen, wohin die Reise auf dem alten Kaiserbrunnengelände geht: Sekt – oder Selters?

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