24.000 Aachener gelten als Analphabeten

Von: Kathrin Albrecht
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Gemeinsam gegen Analphabetentum: Geschäftsstellenleiter Jürgen Greven von der Sparkasse und VHS-Leiterin Beate Blüggel eröffneten die Ausstellung „Lesen und Schreiben - mein Schlüssel zur Welt“. Foto: Stephan Rauh

Aachen. Als Hochschulstandort gehört Aachen bundesweit zur Elite. Auch sonst verfügt die Stadt über eine ausgeprägte Bildungslandschaft. Und doch leben auch in Aachen Menschen, die nicht alltagstauglich lesen und schreiben können und damit erhebliche Nachteile erfahren.

Die Ausstellung „Lesen und schreiben – mein Schlüssel zur Welt“ in der Filiale Komphausbadstraße der Aachener Sparkasse will Besucher auf das Thema aufmerksam machen.

„Viele meinen, dass Analphabetismus in Deutschland kein Thema ist, es besteht ja Schulpflicht“, erklärt Beate Blüggel, Direktorin der Volkshochschule (VHS) Aachen. Doch die internationale Leo-Level-One-Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 belegt, dass etwa 7,5 Millionen Menschen unter den deutschsprachigen erwerbsfähigen Bürgern zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland funktionale Analphabeten sind. Heruntergebrochen auf die Stadt Aachen wären demnach etwa 24.000 Menschen funktionale Analphabeten – eine Zahl, die etwa so hoch ist wie die Gesamteinwohnerzahl von Übach-Palenberg.

„Das ist unvorstellbar viel“, so Blüggel. „Aber im Grunde ist es so: Man lernt einmal im Leben Lesen und Schreiben, und zwar in der ersten Klasse in der Grundschule.“ Danach muss man es eben können. Die meisten lavieren sich durch, entwickeln im Laufe der Jahre Ausweich- oder Kompensationsstrategien, um nicht aufzufallen. „Die Schrift ist so klein, ich kann das nicht lesen“, „Ich habe mir die Hand verletzt“, „Ich mache das zu Hause fertig“ – das sind typische Ausreden, um nicht aufzufliegen.

Die Kursleiterinnen Susanne Lachnit und Gaby Erdmann kennen dieses Verhalten. Derzeit bietet die VHS zwei Alpha-Kurse auf unterschiedlichem Niveau an. Die Altersspanne reicht von jungen Erwachsenen bis hin zu Senioren. „Es gibt viele Ursachen, warum Lesen und Schreiben in der Schule nicht richtig gelernt wurden“, erläutert Lachnit. Schlechte Erfahrungen im Unterricht oder mangelndes Selbstvertrauen können Ursachen sein.

Etwa acht bis zehn Schüler umfasst ein Kurs. „Die Arbeit erfordert viel Fingerspitzengefühl und Geduld“, sagt Lachnit. Das Entschlüsseln von Behördenbriefen wird ebenso geübt wie die Lektüre der Beipackzettel von Medikamenten. Auch Exkursionen zum Bahnhof, wo die Teilnehmer Tickets am Fahrkartenautomat kaufen, stehen auf dem Programm. Der Erfolg kommt oft in kleinen Schritten. Umso schöner sind Erfolgsgeschichten wie der Fall einer Schülerin, die innerhalb kürzester Zeit Lesen gelernt hat und sich damit auch erheblich von ihrem Ehemann emanzipieren konnte.

An der VHS Aachen wird seit 35 Jahren im Bereich Alphabetisierung gearbeitet, „immer in der Hoffnung, dass wir es in Zukunft nicht mehr anbieten müssen“, so Bärbel Leisten-Raissi. Auch deswegen holte die VHS nun die Ausstellung, die bereits in über 80 Städten zu sehen war, nach Aachen.

Die Studie hat offenbar einige Steine ins Rollen gebracht. Seit Februar 2014 koordiniert ein landesweites Alpha-Netzwerk unter Leitung des Landesverbands der Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen die Alphabetierungsangebote. Auch die VHS Aachen ist Mitglied und arbeitet auf lokaler Ebene an einer weiteren Vernetzung mit Verbänden, Arbeitgebern und weiteren Einrichtungen.

Im Zuge der bundesweiten Kampagne hofft Blüggel auf finanzielle Mittel, um das Kursangebot zu erweitern. „Wir möchten gezielt lokale Firmen ansprechen. Etwa 60 Prozent der Berufstätigen sind funktionale Analphabeten. Das erfordert jedoch eine andere Herangehensweise als unser bisheriges Angebot.“ Bis zum 14. Mai ist die Ausstellung zu den Öffnungszeiten der Filiale zu sehen.

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