200.000 Gazetten auf dem Sprung in eine neue Ära

Von: Matthias Hinrichs
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Reichlich Hand(schuh)arbeit für Andreas Düspohl und sein Team: Bald werden rund 200.000 Zeitungen aus aller Welt und vielen Epochen die kurze, aber logistisch höchst aufwändige Reise ins Haus Löwenstein antreten. Spätestens im April soll der Umbau des 500 Jahre alten Hauses Pontstraße 13 beginnen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Noch schmunzelt er ganz entspannt von der ziemlich speckigen, dereinst in tristem Hellgrün gestrichenen Rauhfaser im ältesten Bürgerhaus der Stadt, der Paul Julius Freiherr von Reuter. Kann er auch.

Denn das Bildnis des berühmten Agenturgründers, der sein Lebenswerk Anno 1850 ein paar Hausnummern entfernt, in einem kleinen Büro in der oberen Pontstraße beginnen sollte, wird bestimmt auch nach dem großen Umbau einen Ehrenplatz im Internationalen Zeitungsmuseum erhalten. Trotz spektakulärer Hightech- und Multimedia-Umwälzungen.

Ein magisches Datum

Bis dahin allerdings wird auch Reuter - in Gestalt des Gemäldes von Rudolf Lehmann und in bester Gesellschaft von annähernd 200000 Zeitungsexemplaren aus aller Welt - noch ein paar Meter weiter Richtung Markt hinauf ziehen müssen. Andreas Düspohl und sein IZM-Team werden in den kommenden Wochen also im doppelten Wortsinn extrem viel zu bewegen haben.

Die Ehrenamtlichen des Fördervereins und deren Helfer schauen jetzt nämlich vor allem auf ein magisches Datum, das noch gar nicht geschrieben ist. „Am 29. März werden wir das ,alte Haus zum letzten Mal öffnen. Spätestens am 20. April steht der Umzug der Bestände ins Interimsquartier Haus Löwenstein an”, weiß Düspohl.

Mindestens ein Jahr veranschlagen die Planer um den Aachener Architekten Horst Fischer für die Umgestaltung des über 500 Jahre alten „großen Hauses von Aachen”.

Rund 3,3 Millionen Euro investieren die Stadt und vor allem das Land NRW hier in die Schaffung eines hochmodernen, mit allen Finessen der interaktiven Ausstellungsdidaktik ausgestatteten Medienzentrums der weltweit einmaligen Art. Denn nach dem Rathaus soll das Zeitungsmuseum ab 2010 bekanntlich den zweiten Meilenstein der heiß ersehnten „Route Charlemagne” markieren.

Und zuvor wird „gepöngelt”, was das, pardon, Zeug in Gestalt der bis zu 400 Jahre alten historischen Schätze hält. Ohne Hightech, sondern vor allem per Hand, versteht sich - sieht man einmal von der eher unscheinbaren Verpackungsmaschine ab, die bereits in der Bibliothek im ersten Stock des Hauses Pontstraße 13 auf ihren Einsatz wartet - „Leihgabe” eines Unternehmen aus der Region übrigens, das irgendwann in die stetig wachsende Fanschar des Museums vorgedrungen ist.

Besucherzahl enorm gestiegen

Allein 2007 nämlich verzeichnete der Förderverein rund 16.000 Besucher - und damit fast drei Mal so viele wie noch im Jahr zuvor und mehr als das Fünffache im Vergleich zu 2005. Dies nur als Randnotiz mit Blick auf kommende Abenteuer. Denn die Tage, in denen vor allem einschlägige Experten die unvergleichliche Sammlung nutzten, scheinen eben schon jetzt längst gezählt.

Deren Interesse freilich galt und gilt vielfach den abertausenden Gazetten, die zurzeit noch in riesigen Holzschränken archiviert sind. Sie müssen nun in schützende Pappe gehüllt und verschnürt werden, bevor sie mitsamt den rund 800 großen Schubladen, in denen sie meist seit vielen Jahrzehnten schlummern, 50 Meter weiter Richtung Markt gekarrt werden. Nur ein paar Schritte für dich und mich sozusagen, aber eben ein gigantischer Sprung für den Historiker Düspohl und seine „Kollegen”.

Holz ist der Feind des Papiers

Denn trennen wollen die sich letztlich allenfalls von den hölzernen Ungetümen, in denen die Glanzstücke journalistischer Geschichte bislang aufbewahrt wurden. „Die Säure im Holz setzt dem Papier nämlich heftig zu”, erläutert der Fachmann. Von wegen „pöngeln”: Extreme Umsicht und natürlich Handschuhe sind bei der großen Verladeaktion also in jedem Fall gefragt.

Das gilt natürlich auch für teils weltberühmten Titelseiten internationaler Blätter aus vielen Epochen, die einen Ehrenplatz unterm Glas der zahlreichen Vitrinen gefunden haben. Letztere allerdings haben in der neuen Ausstellungskonzeption weitestgehend ausgedient.

„Wir haben heute didaktisch und konservatorisch viel bessere, computergestützte Möglichkeiten, die Bestände zugänglich zu machen und interessant aufzubereiten”, weiß Düspohl. Damit könnte ein weiteres enormes Problem in Sachen Aufbewahrung und Präsentation zumindest relativiert werden: Von permanenter Platznot wird im „großen Haus von Aachen” nach 2010 womöglich nicht mehr so viel zu spüren sein wie zurzeit.

Schwere Aufgaben für Statiker

Denn mit der Sanierung und Modernisierung des Zeitungsmuseums wird auch die seit langem leer stehende zweite Etage für Depots hergerichtet - noch eine buchstäblich schwere Aufgabe für die Planer. Allein die Lose-Blatt-Sammlung des Museums bringt nämlich um die elf Tonnen Gesamtgewicht auf die Waage. „Die Statiker wollen daher so früh wie möglich an manchen Stellen den Putz von den Wänden lösen, um die denkmalgeschützte Bausubstanz zu prüfen”, erklärt Düspohl. „Von daher hoffen wir sogar, dass wir vielleicht ein paar Tage früher als geplant mit dem Umzug beginnen können.”

Dem Freiherrn Reuter dürfte auch das in jedem Fall recht sein.
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