2000 Besucher beim Traumstart für „Hyper Real”

Von: Stephan Mohne und Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Wie im Himmel fühlen sich nicht nur Jeff Koons und Ilona Staller im gleichnamigen Kunstwerk: Auch die Macher der Schau dürften angesichts von rund 2000 Besuchern im siebten Himmel geschwebt haben. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Irgendwie unwirklich ist das, was Douglas Fairbanks Sr. da zu sehen bekommt. Wenn er es denn sehen könnte von seinem Logenplatz. Diesem weißen Podest, von dem aus er verfolgen könnte, wie die Menschen in diesen Raum strömen, in dem er sitzt. Selten - oder vielleicht nie zuvor - in den vergangenen Jahren haben so viele Menschen ihn betreten.

Rund 2000 Menschen mögen es sein, die an diesem Sonntag das Ludwig Forum an der Jülicher Straße betreten. Die Eröffnung der ebenso großen wie großartigen Ausstellung „Hyper Real” steht auf dem Programm - und eben auch die Feier zum 20. Geburtstag des nicht immer unumstrittenen Hauses.

Dass so viele Menschen kommen würden, hätten sich die „LuFo”-Verantwortlichen wohl selbst nicht zu träumen gewagt. Als gerade der offizielle Eröffnungsteil anfängt, werden gar die Türen geschlossen, denn die Maximalzahl der Besucher ist - aus ordnungsbehördlicher Sicht - eigentlich da schon erreicht. Zu diesem Zeitpunkt stehen aber noch Hunderte vor besagter Tür, die dann doch wieder geöffnet wird.

Der breit grinsende Douglas Fairbanks Sr. - so realistisch sein Schneidersitz, so markant sein Gesicht aus der Distanz - bekommt von diesem Bild nichts mit. Denn er ist aus bemaltem Fiberglas. 1966 ins Leben gerufen. Der Künstler heißt Nicholas Monro.

Lebhafte Gespräche

Was ist real? Was ist wirklich? Kann Kunst wirklicher sein als die Wirklichkeit? Diese Fragen stellt sich „Hyper Real - Kunst und Amerika um 1970”. Die Antworten sind vielschichtig, darüber lassen sich stundenlange kunsthistorische Diskussionen führen. Und so kommen die Menschen rasch ins Gespräch, entwickeln sich vor den Bildern und Skulpturen lebhafte Dialoge. Wie unter jenen zwei Herren, die „Jeff und Ilona made in Heaven” unter die Lupe nehmen und angesichts der dargestellten erotischen Szene feixen.

Apropos: Am Eingang bekommen Eltern einen kleinen Zettel in die Hand gedrückt, dass nicht alles jugendfrei ist, was hier ausgestellt wird. Macht nix. Die Kinder stören sich nicht weiter dran - und es sind viele, denn reihenweise sind die Besucher mit Kind und Kegel gekommen. Tatsächlich ist das auch eine Ausstellung, die man gut mit Kindern besuchen kann. Die haben zum Beispiel vor dem 1978 entworfenen Zerrspiegel von Robert Morris ihren Spaß. Andere diskutieren darüber, wie es ein Künstler wohl geschafft hat, meterhohe Tafeln mit Kreide zu bemalen - und warum er das eigentlich gemacht hat. Wieder anderen betätigen sich in den Werkstätten mit Pinsel, Palette und Kittel selbst als Künstler.

Spannende Diskurse sind mit „Hyper Real” eröffnet. Auch zwischen Kunstexperten, die auf den Sofaskulpturen von Matti Braun sitzen, der letzten Anschaffung der jüngst gestorbenen Irene Ludwig. Oder auch zwischen Laien, die vor Paul Sarkisians „Untitled (Mapleton)” auf den Stufen sitzen und sich von der opulenten Detailtreue des rund vier Mal acht Meter großen Bildes, gezeichnet mit der Präzision einer Zwölf-Megapixel-Kamera, beeindrucken lassen.

Einzig die mehr als eine Stunde dauernde Eröffnung mag bisweilen nicht mit der Spritzigkeit der Ausstellung mithalten. Die hätte ein wenig flotter von der Hand gehen können. Aber wem das zu dröge ist, der flaniert schon Mal durch die Säle. Es ist wirklich unglaublich, wie viele Besucher in der alten Schirmfabrik unterwegs sind. Vorne am Rednerpult sagt Oberbürgermeister Marcel Philipp gerade: „Ich bin einfach stolz.” Im Zeichen von Spardebatten haben einige Politiker auch das Forum immer mal wieder ins Visier genommen.

Davon ist heute keine Rede. Im Gegenteil: Der „Grundpfeiler der Aachener Kultur” solle das Haus sein. Passend zum Ausstellungstitel wird abschließend Frank Zappa symphonisch intoniert - bevor es auch vor den Türen amerikanisch wird. Da nämlich steigt ein kleines Familienfest. Bullenreiten, Hufeisenwerfen, Hot Dogs, Popcorn - ein Stück „American Way of Life” duftet über die Jülicher Straße.

Douglas Fairbanks Sr. kann das nicht riechen. Trotzdem grinst er weiter. Klar, aus seinem Blickwinkel - und nicht nur aus seinem - sieht das Ludwig Forum wirklich gut aus.
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