1000 Streikende setzen erstes Ausrufezeichen

Von: Stephan Mohne
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Lautstarker Alarm am Rathaus: Rund 1000 städtische Beschäftigte folgten dem Streikaufruf von Verdi. Und das war nur der Auftakt. Nächste Woche sollen auch Müllwerker und Busfahrer mitmachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Was machst Du denn hier? Du verdienst doch genug“, stupst der junge Mann auf dem Willy-Brandt-Platz eine Kollegin an. Die Frau mit dem roten Schal lacht schallend. Der Mann auch. Auf ihren Plastikwesten prangt der Schriftzug „Wir sind es wert“. Sekunden später ertönt ein ohrenbetäubendes (Triller-)Pfeifkonzert.

Es ist ein beeindruckender Streikauftakt, den die Gewerkschaft Verdi in kurzer Zeit auf die Beine gestellt hat. Rund 1000 kommunale Beschäftigte sind an diesem Dienstag in die Innenstadt gekommen – aus Aachen, Würselen, Herzogenrath, Stolberg, Alsdorf.

Die Gewerkschaften haben nicht lange gefackelt. Schon nach der ersten gescheiterten Tarifrunde für die 2,1 Millionen Beschäftigten in Bund und Kommunen haben sie zum Streik geblasen. Wobei andere Städte in NRW noch heftiger lahmgelegt worden sind als Aachen. Hier hat man erst einmal Bereiche wie Busse, Müllabfuhr, Stadtreinigung außen vor gelassen. Dennoch: An einigen Stellen läuft auch in Aachen nichts mehr.

Rund die Hälfte der etwa 70 Kitas sind an diesem Morgen geschlossen, in anderen gibt es nur Notgruppen. Auch das war von der Gewerkschaft genau so geplant, wie Verdi-Sekretär Matthias Dopatka erläutert. Frei nach dem Motto: nicht gleich alles schließen und noch Luft nach oben haben. Mit dem Start- und Warnschuss sind die Gewerkschafter vollauf zufrieden. Erstmals haben sich die Streikenden aufgeteilt, gibt es parallel auch eine Kundgebung in Düren, zu der auch noch rund 600 Beschäftigte angerückt sind.

Dass die Gewerkschaften gleich zu Beginn der Tarifverhandlungen Gas geben, mag am Auftreten der Arbeitgeberseite bei der ersten Runde in Potsdam liegen. Davon kann Marc Topp ein Lied singen. Er ist nicht nur Gesamtpersonalratsvorsitzender der Aachener Verwaltung, sondern verhandelt in Potsdam neben Verdi-Chef Frank Bsirske als Mitglied der Bundestarifkommission in erster Reihe. Alle Forderungen der Arbeitnehmer – zum Beispiel einen Sockelbetrag von 100 Euro, 3,5 Prozent mehr Gehalt und 30 Tage Urlaub für alle – seien vom Tisch gewischt worden.

Besonders der neue Innenminister Thomas de Maizière habe sich da mit einem Satz hervorgetan, den Topp zitiert: Es gehe Deutschland derzeit so gut, dass es „keiner zusätzlichen finanziellen Impulse durch den öffentlichen Dienst“ bedürfe. „Das ist eine Unverschämtheit“, ruft Topp seinen 1000 Mitstreitern zu. Buh-Rufe, Pfeifkonzert. Dabei gebe es gerade im öffentlichen Dienst „Nachholbedarf“ in Sachen Lohnerhöhungen. Sonst werde sich der Fachkräftemangel dramatisch verschärfen.

Am Rande plaudert Marc Topp ein bisschen aus dem Nähkästchen. So ist Thomas de Maizière bereits der sechste Innenminister, dem er in den vergangenen zwölf Jahren am Verhandlungstisch gegenübersitzt. Wie alle anderen zuvor habe auch de Maizière „keine Ahnung“. Was nicht einmal böse gemeint sei, sagt Topp. Der Innenminister sei das Verhandlungsgesicht der Arbeitgeber, während andere Strategen die Fäden ziehen. So wird es wohl auch am Donnerstag sein, wenn um 8 Uhr in Potsdam weiterverhandelt wird.

Dass diese Tarifrunde ein schnelles Ende findet, glaubt Topp angesichts des Nullnummer-Auftakts nicht. Was bedeutet, dass es kommende Woche in Sachen Warnstreiks erst richtig zur Sache gehen wird. Dann sollen sich auch die Busfahrer und die Müllabfuhr anschließen. Letztere sorgt am Willy-Brandt-Platz für Jubel. Die Männer von der Müllabfuhr haben ihre Pause in die Innenstadt verlegt. Ein Korso von Müllfahrzeugen fährt als Solidaritätsbekundung an den Streikenden vorbei.

„Wir zeigen uns jetzt auch noch den Aachenern“, ruft Verdi-Bezirksgeschäftsführerin Corinna Groß. Woraufhin sich die Streikenden Richtung Rathaus aufmachen, um dort Alarm zu schlagen. Weiter geht‘s zum Theater, wo für diesen Tag Schluss ist. Nächste Woche, sagt Topp, werde man die Keule wenn nötig richtig auspacken. Denn dass man im öffentlichen Dienst genug verdient und keinen Aufschlag braucht, das glaubt nun wirklich keiner der 1000 Teilnehmer an diesem Morgen.

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