1. Weltkrieg: Feldpostbriefe der Aachener Familie Kersting

Von: Peter Stollenwerk
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Mit dem Vater in den Krieg: Mit seinen Söhnen Fritz, Paul und Jöb (hinten v. rechts), teilte Familienpatriarch Dr. Georg Kersting die Kriegsbegeisterung im gleichen Regiment. Links: Hans Kersting, der die Kadettenschule Bensberg besuchte
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Jöb Kersting – der, wie es in der Familie Tradition war, den Namen seines Onkels trägt – bewahrt zahlreiche Dokumente auf, die Zeugnis vom Leben der aus Aachen stammenden Familie im 1. Weltkrieg geben.
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Die Kriegsabiturienten des Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium im August 1914: Für diese jungen Leute, die sich freiwillig meldeten, ging es nach der Schule ohne Umweg in den Krieg.
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Szene aus einem Lazarett mit deutschen Kriegsversehrten im flandrischen Poelkapelle: Die Verwundeten machen keineswegs einen verzweifelten Eindruck.
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Nach nur wenigen Monaten in Belgien im Kugelhagel gefallen: Unterarzt Fritz Kersting.

Aachen/Nordeifel. Von einer Welle patriotischer Emotionen wurde das ganze Land erfasst, als am 28. Juli 1914, vor 100 Jahren, der 1. Weltkrieg ausbrach. Die politische Nachrichtenlage war dürftig, die Menschen konnten den später als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichneten Krieg in seinen Folgewirkungen nur schwer einschätzen.

„Wie eine Droge versetzte der Krieg die Menschen in einen Rauschzustand. Schrecken, Angst und Sorge, vermischt mit Begeisterung, Siegeszuversicht, und Gottvertrauen, erzeugten einen Erregungszustand, in dem der Sinn für die Realität verloren ging“, zitiert der Monschauer Historiker Dr. Toni Offermann anlässlich der in diesem in Monschau stattgefundenen Ausstellung „Von der Idylle in den Schützengraben“ aus dem 1914 erschienenen Buch „Die Entfesselung der Ersten Weltkrieges“.

Die Begeisterung, verbunden mit vaterländischem Stolz und dem restlos überzeugten Glauben, dem eigenen Land bis den Tod hinein mit der Waffe dienen zu müssen, war in der Tat nicht von der Hand zu weisen.

Diese verstörte Form des Patriotismus hat auch Jöb Kersting wiedergefunden. Der 76-Jährige entstammt einer alten, angesehenen Aachener Familie, lebt aber seit seiner Jugend in der Eifel. Am Rursee verwaltet er das Jugendferienheim des Eifelvereins. Hier, in der Idylle nahe der Woffelsbacher Bucht, bewahrt er auch einen historischen Schatz auf, der das Befinden der Familie in Kriegszeiten widerspiegelt.

Authentisches Zeugnis

Sein Großvater Georg Kersting zog als 50-Jähriger im August 1914 gemeinsam mit seinen drei Söhnen in den Krieg. Aus dieser Zeit gibt es eine Vielzahl von Briefen und Postkarten, die an die Familie geschickt wurden. Von hoher Präzision, dichter Emotion und großer Vaterlandstreue sind die Briefe geprägt, die somit auch ein authentisches Zeugnis vom Geist der damaligen Zeit geben. Aber auch Hilflosigkeit und jugendliche Naivität prägen den Schriftverkehr. Die Gutgläubigkeit und tiefe Überzeugung, dem Vaterland pflichtbewusst einen unerlässlichen Dienst zu erweisen, ließ den Gedanken, dass es bald um Leben und Tod gehen, einfach nicht zu.

Die Familie Kersting lebte damals an der Theaterstraße, gleich neben dem Verlagsgebäude der damaligen Aachener Volkszeitung. Dr. Georg Kersting war Sanitätsrat und eine angesehene Persönlichkeit in Aachen. Seine drei Söhne Jöb (17), Paul (19) und Fritz (22) meldeten sich freiwillig für den Kriegsdienst. Ehe die Einberufung erfolgte, führte die Reise noch zu einem Fotografen nach Köln wo sich die Kriegsbegeisterten, gruppiert um den Patriarchen, ablichten ließen. Das Quartett wurde dem Infanterie-Regiment 236 zugeordnet, das Ende August 1914 in Aachen, Bonn und Köln (je ein Batallion) gegründet wurde. Viele kriegsbegeisterte Aachener schlossen sich diesem Batallion an.

Ehe man die Heimat verließ, legten Paul und Jöb Kersting am Kaiser Karls Gymnasium noch das Kriegsabitur (Notabitur) ab. Fritz Kersting, der in mehreren deutschen Städten studiert hatte, wurde als Unterarzt in seinem Infanterie-Regiment eingesetzt, der Vater als Regimentsarzt.

Am 2. September 1914 meldet sich Paul Kersting in einem Brief an seinen Vater aus der „Gelben Kaserne“ – an der Stelle des heutigen Kennedyparks – in Aachen: „Wir haben vorige Woche scharf geschossen, aber nicht viel getroffen, danach Abmarsch nach Eschweiler, wo wir mehrere Stunden herumlagen. Dann fuhren wir sehr gemütlich im Viehwagen nach Köln. Zurzeit besichtigen wir sehr eingehend die Werkbund-Ausstellung. Aber nicht als zahlende Besucher sondern als Einquartierung. Der Dienst ist noch schrecklich faul, aber morgen gibt’s wieder Arbeit“, schreibt der junge Soldat in einer Mischung aus Ironie und Vorfreude.

Der Mutter schreibt Paul Kersting am 7. Oktober einen Brief. „Eure schönen Hemden haben wir bekommen, sie sind allerdings etwas kurz, aber doch gut zu gebrauchen. Gestern war Feldgottesdienst, heute Gefechtsübung und dann Schießen. Wir kommen bestimmt Ende der Woche zum Westen. Ihr dürft es aber keinem sagen, sonst kommen wir ins Loch.“

Ein Schreiben von der Front

Fünf Tage später ist es dann soweit: Paul Kersting schreibt von der Front in Flandern: „Es geht los! Wir haben die Affen gepackt, die Patronen verladen und Antwerpen ist gefallen. Wahrscheinlich kommen wir noch einmal bei Euch vorbei, dann müsst Ihr uns eine schöne Suppe kochen.“

Am 24. Oktober meldet sich Paul Kersting euphorisch aus dem belgischen Poelkapelle: „Hurra! Wir leben noch alle vier! Wir sind seit Montag in einer richtigen Schlacht. Leider war die Übermacht der Feinde bisher sehr groß, so daß wir uns vorerst verteidigen, aber bald sollt Ihr auch von unseren Siegen hören.“ Geradezu beiläufig erwähnt er dann noch ein folgenschweres Ereignis: „Fritz hat ein Schrapnell mitbekommen, es geht ihm aber sehr gut, er bekommt heute oder morgen das Eiserne Kreuz. Wir anderen sind völlig unverwundet.“

In weiteren Briefen, die Paul Kersting Ende Oktober 1914 an seine Mutter schreibt, bröckelt die Kriegsromantik schon ein wenig: „Seit Mittwoch Tag und Nacht Schrapnellfeuer, Maschinengewehr- und Gewehrfeuer. 80 Std. hatte ich den Tornister auf dem Puckel und den Helm auf dem Kopf. 36 Std. nichts zu essen außer geklauten Birnen, Rüben, Äpfeln und dazu Plätzchen mit Zuckerguß. Alle 24 Std., wenn es gut geht, bekommen wir Suppe. Aber es geht uns sehr gut. Wir haben uns 1,50 m tief eingegraben, Stroh auf der Erde und Sitze in die Böschung gemacht. Wenn die Schrapnelle sausen, schlafen wir oder schauen in der Luft herum. Wenn wir vorgehen, werden wir wüst beschossen, ohne einen Feind überhaupt zu sehen.“

Auch über den verwundeten Fritz berichtet der jüngere Bruder: „Fritz befindet sich sehr gut. Wie er der spaßigste und ruhigste Unterarzt war, ist er jetzt der bestgelaunteste Verwundete. Das Eiserne Kreuz wird ein gutes Heilpflaster für ihn sein. Es geht uns allen gut. Hoffentlich folgen im Laufe der Zeit noch mehr E. K. (Eiserne Kreuze, die Red.) , dann kannst Du richtig stolz auf Deine Familie sein. Heute ist ein wunderbarer Sonntagmorgen. Gleich ist es halb elf.

Dann geht die Mutter sicher gerade zur Kirche. Die Sonne scheint schön warm. Unsere Soldaten sitzen und viele schreiben auch Feldpost, wie ich. Alles wäre so friedlich, nur der Engländer schießt wie immer aus den Strohhaufen heraus, aber das stört uns gar nicht weiter. Die sind gestraft genug, wenn sie bei so schönem Wetter nicht auch Friede und Freudigkeit empfinden. Jetzt ist gerade die Zeit, wo wir sonst mit Pastor Boventer zum Forsthaus Schöntal gingen, wo die Buchen so herrlich gefärbt sind und der Reisfladen so lecker schmeckt. Aber Komissbrot ist uns jetzt gerade so gut. Seid vieltausendmal gegrüßt und geküsst von Eurem Vaterlandsverteidiger Paul!“

Am 30. Oktober 1914 stirbt der 22-jährige Fritz Kersting an den Folgen seiner Verwundungen. Eine Kugel steckte in seiner Lunge. Er wird in Westroosebeke begraben. Paul schreibt an seine Mutter: „Wir haben heute Deinen ersten Sohn begraben. Nachdem er 8 Tage verwundet war, nachdem wir 8 Tage das Beste gehofft hatten, wurde er plötzlich schwach und ist brav gestorben. Heute am Allerheiligentag ist er begraben, an dem wir all derer gedenken, die wir einst im Himmel wiedersehen. Morgen am Allerseelentag wollen wir noch einmal seiner in liebender Trauer gedenken. Aber dann Kopf hoch! Wir sehen ihn im Himmel wieder, wenn wir so brav enden und sterben wie er. Heute morgen die Beerdigung war feierlich. Erst dienten Jöb und ich dem Divisionspfarrer die Messe in der wunderbaren Dorfkirche, der die Engländer den Turm abgeschossen haben. Dann gingen wir drei und noch etwa 200 Soldaten zur hl. Kommunion, die wir für unsere toten Kameraden aufopferten. Nach einem einfachen Soldatenfrühstück gingen wir zum Friedhof. Ein einfacher mit Blumen geschmückter Sarg umschloss das letzte Irdische unseres guten Fritz. Jetzt ruht er still in der schönen flandrischen Erde. Schließlich gingen wir zum Vater und gaben ihm einen Kuss; er reichte uns in Tränen die Hand und sagte: ‚Kinder, nun ist Schluss mit den Tränen. Tut eure Pflicht und bleibt tapfer; hoffentlich war Fritz das letzte Kriegsopfer unserer Familie.‘“

In einem Brief an Vater Dr. Georg Kersting vom 12. November 1914 bringt auch der Aachener Pfarrer C. Boventer sein Mitgefühl zum Ausdruck und spendet mitunter auf eigenartige Weise Trost: „Wer Jahre lang den Entwicklungsgang des guten Jungen miterlebt, mitgebangt und sich mitgefreut hat, der weiß, was man an ihm verloren hat. Wie konnte er Zukunftspläne schmieden, träumen von Märchen und Märchenglück – diese schöne, reich begnadete Dichterseele trotz all ihrer Schwächen. Dass er so schön gestorben ist, ist mir ein guter Trost. Oft habe ich in diesen Tagen gedacht, ob sein Heldentod für ihn nicht die schönste Lebenslösung gewesen ist? Hätte der Idealist nicht zu viel von der Welt verlangt, die so wenig gibt und ihre Kinder so oft betrügt! Hätte er im schweren Lebenskampf nicht allzu bittere Enttäuschungen gefunden! Ihre Frau hat sich nach dem berechtigten Schmerz langsam in das Unvermeidliche gefügt. Ich hoffe zuversichtlich, dass Gott nur dieses eine Opfer von Ihnen verlangt.“

Auf dem Totenzettel für Fritz Kersting wird geradezu heroisch des Verstorbenen Gedacht: „In aufopfernder Pflichttreue und rührender Sorge übte er auf dem Schlachtfelde mitten im feindlichen Kugelregen freudig seinen schweren Beruf. Sein Heldenmut wurde belohnt mit dem Eisernen Kreuze, das der Vater ihm auf dem Sterbebette an die Brust heftete. Möge der liebe Gott fernerhin unsere Waffen segnen, damit des Geschiedenen Lieblingswunsch sich erfülle, dass die ihn deckende flandrische Erde deutsch bleibe für immer.“

„Gott wird es lohnen“

Am 13. Dezember 1914 schließlich veröffentlicht die Mutter des Gestorbenen unter „Frau Dr. Georg Kersting“ in den Akademischen Monatsblättern einen Nachruf für den Unterarzt Fritz Kersting, den sie mit den Worten schließt: „Eines gereicht den Müttern dieser Söhne zum Troste: Gott wird es lohnen!“

Fritz Kersting bleibt nicht das einzige Kriegsopfer der Familie. Paul Kersting fiel am 16. Juli 1915 im Alter von 19 Jahren in Polen. Jöb Kersting wurde nach dem Krieg Kaplan in Köln-Nippes und starb 1936 im Alter von nur 39 Jahren.

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