Auch nach 25 Jahren: Nur 99 Besucher dürfen rein

Von Jenny Schmetz | 07.09.2010, 13:26

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Aachen. Zwischen Sex-Kino und Disco führen 16 Stufen in den Untergrund. Muffig riecht’s, noch immer nach Kartoffelkeller. Doch unten eröffnen sich nach jedem Abstieg andere Welten: Mal darf der Besucher als Galeerensklave mit Ben Hur eine Viertelstunde rudern, mal muss er die Witzchen von Komiker Mario Barth ertragen, mal kann er Zauberern, Clowns oder Jongleuren beim Schwitzen in die Poren blicken.
Seit bald 25 Jahren ist im Keller am Aachener Gasborn das kleine Theater 99 zu finden. Rund 500 verschiedene Programme sind dort in 2500 Aufführungen über die Bühne gegangen.

Im Herbst 1984, in der Aachener Kneipe «Molkerei», zwischen Studenten in selbst gestrickten Norwegerpullis und Kakao-mit-Sahne-Trinkern, da schlug Manfred Hammers plötzlich mit der Faust auf den Tisch. «Lass uns doch einfach mal was anpacken!» Zuvor hatte er wohl schon stundenlang mit Kumpel Jürgen Bootsmann über die blühende freie Kulturszene in Aachen philosophiert.

Unter Einfluss von viel Bier

Aber mit dem «wenn, hätte, sollte, könnte» musste Schluss sein. «Wahrscheinlich unter Einfluss von zu viel Bier überflügelte uns die Fantasie», erinnert sich der 53-Jährige heute. Es gab viele Gruppen, aber sie waren nicht vernetzt. Man brauchte einen Verein. «Gemeinsam sind wir stark!»

Schon kurz darauf gründeten im Februar 1985 rund 30 Gruppen die Aachener Kultur- und Theaterinitiative (AKuT), als richtigen Verein mit Satzung, Vorstand, allem Pipapo. Aber anders sollte er sein. «Damals war das Alternative ja unheimlich trendig», sagt Hammers, der «Fleddermäuse»-Kabarettist und Moderator des ebenfalls alternativen Strunx-Karnevals. Und muss dabei doch etwas schmunzeln.

Anders als das Stadttheater wollte man arbeiten, ergänzt Jutta Kröhnert, die 1987 zu AkuT stieß. «Gegen das Etablierte. Im Stadttheater gab es ja noch Operetten.» Mitbestimmung, Unabhängigkeit, Friedensbewegung, das waren wichtige Vokabeln. Aber weil AKuT-Vollversammlungen dann oft nicht unter fünf Stunden dauerten, war die Basisdemokratie laut Hammers dann doch eine «basisdemokratische Diktatur». Einer musste ja entscheiden und anpacken.

«Gaudimax im Audimax»

Und so stemmte man dann auch das erste Kulturfestival «Gaudimax im Audimax». Äußerst erfolgreich. Nun fehlte nur noch eine eigene Spielstätte.

Eine Treppe, ein kleines Foyer, der Theater- und ein Nebenraum - zusammen gerade mal 220 Quadratmeter. Zum Vergleich: Alleine die Hauptbühne des Stadttheaters ist 300 Quadratmeter groß. Architekt Hammers erinnert sich noch, wie er «500 Meter Tapetenbahnen rundherum» gezogen und ein «Klöchen» eingebaut hat. Früher war da ein Handwerksbetrieb, welcher, das weiß heute keiner mehr so genau. «Technik auf Neandertaler-Niveau», «handgestrickte» Requisiten. Aber eine eigene Spielstätte! Die Möglichkeit zu proben, sich gegenseitig - etwa mit der Lichtanlage - auszuhelfen.

Die Konkurrenz in Aachen war am 11. April 1986 groß: Herbert Grönemeyer machte «Sprünge» durchs ausverkaufte Eurogress. Die Alemannia fegte auf dem Tivoli den Zweitligaspitzenreiter aus Köln mit 3:0 vom Platz und träumte vom Aufstieg. Trotzdem wagten 90 Zuschauer am Gasborn den Abstieg, um das Theater Bohème mit «The Family» von Lodewijk de Boer zu sehen: Drei unangepasste Geschwister besetzen ein Abbruch-Haus. Ein programmatischer Auftakt? Die erste Vorstellung im Theater 99.

Der ältesten freien Bühne Aachens folgte schon zwei Monate später das Theater K, im Jahr darauf eröffnete dann das DasDa Theater. Gefeiert wird der 25. Geburtstag des Theaters 99 jetzt zwischen den Daten von AKuT-Gründung und Theatereröffnung: Das Datum 9..9. passt einfach so gut zum Namen. In der freien Szene sieht man das halt etwas lockerer.
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