Immer mehr Betten, immer weniger Personal: Die Verzweiflung einer Pflegerin

Von: Christoph Pauli
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Streikende Pflegekräfte an der Charité halten Mitte September in Berlin ein Transparent mit der Aufschrift: „Notruf – Mehr von uns ist besser für alle!“ Foto: dpa
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Annegret Hackmann von der Gewerkschaft Verdi weiß um die Probleme der Pfleger. Foto: Pauli

Aachen. Vor ein paar Monaten hat sie nachts eher zufällig bei Domian reingehört. Die Stimme der Anruferin kannte Marianne W., es war eine Kollegin. Es war auch ein nächtlicher Hilferuf, den man heute noch bei Youtube aufrufen kann. Die 49-Jährige beschrieb dort eindringlich den Missstand, ihre Verzweiflung war greifbar. „Für die Pflege eines Patienten verbleiben mir sieben Minuten.“

Waschen, pflegen, cremen, Medizin verabreichen. Alles in sieben Minuten. Marianne W. kannte die Verzweiflung auch schon vor der Fernsehsendung des Nacht-Talkers. Die examinierte Krankenpflegerin arbeitet im selben Haus wie die Anruferin.

Ihren Namen möchte Marianne W. nicht in der Zeitung lesen, deswegen ist er anonymisiert. Sie vermutet zwar, dass die Kollegen ihr zustimmen würden, weil sie die Wahrheit ausspricht. Sie befürchtet aber, dass Vorgesetzte sie als „Nestbeschmutzerin“ ansehen würden. Die Krankenpflegerin arbeitet seit Jahrzehnten in der Region auf einer Station, auf der viele OP-Patienten liegen.

Im Wechseldienst. Ihre Klinik ist in den letzten Jahren vergrößert, die Bettenkapazität deutlich erhöht worden. Die Zahl der Pfleger habe sich in den letzten fünf Jahren dagegen halbiert, sagt sie. „Das führt zu einer unfassbaren Personalnot.“ So muss manchmal auch „geschummelt“ werden beim Übergang vom Spät- auf den Frühdienst. Die vorgegebene zehnstündige Ruhezeit zwischen den Diensten lässt sich nicht einhalten.

Zahl der Kündigungen ist hoch

Zuletzt hat sie innerhalb weniger Minuten zwei Kollegen getroffen, die aufgegeben haben. Nach der inneren Kündigung folgt die offizielle Kündigung. Marianne W. kennt examinierte Kollegen, die inzwischen an der Kasse eines Discounters oder an der Theke eines Fast-Food-Restaurants arbeiten. Wäre die über 50-Jährige an diesem Tag wegen ihrer Kopfschmerzen nicht zum Dienst gegangen, wäre eine Praktikantin allein da gewesen. „Das konnte ich doch nicht zulassen.“

Die Zahl der Kündigungen ist hoch, Krankmeldungen sind die Regel, fast alle Kollegen schieben Berge von Überstunden vor sich her. „Und nicht selten sitzt eine Kollegin heulend im Schwesternzimmer“, sagt Marianne W. Der Stress entsteht nicht nur durch die Unterbesetzung. Auf der anderen Seite machen Patienten und ihre Angehörigen Ärzte und Pfleger zum Blitzableiter ihrer Aggressionen. „Verständnis gibt es nur selten.“

Früher habe der Beruf „Spaß gemacht, weil man ordentlich pflegen konnte“, erinnert sie sich. Früher. Inzwischen geht Marianne W. nicht mehr gerne zum Dienst, es grummelt schon bei der Anreise. „Ich weiß ja nicht, was mich erwartet.“

Ihrem Auftrag könne sie nicht mehr gerecht werden, sagt sie. Sie hat kaum noch Gelegenheit, Praktikanten oder Auszubildende anzulernen. Stattdessen muss sie permanent abwägen. Wer kann heute gefüttert werden, wer wird komplett gewaschen, wer wird wann betreut? Sie freut sich, wenn Angehörige ihr die Arbeit abnehmen. Auf der Strecke bleiben zumeist ein nettes Gespräch, ein freundlicher Dialog – und die Hygiene.

Zeit für die empfohlene Handreinigung nach jedem Krankenkontakt habe sie nicht. Die Zahl der Patienten, die sich mit resistenten Keimen infizieren, steigt bundesweit. Wenn man sich an die Vorgaben halten würde, müssten dafür etwa 90 Minuten pro Schicht aufgewendet werden. „Die Zustände für die Patienten sind lebensbedrohlich“, sagt Marianne W. Was noch fehlt? Die Zeit für Prophylaxen gegen Druckgeschwüre, Thrombosen, Kontrakturen oder Pneumonie.

Sie kommt von der Nachtwache. Der Rücken schmerzt, die typische Berufskrankheit. Die Ränder unter ihren Augen zeigen die Übermüdung an. Der Dienst endet um 6.30 Uhr, aber dann tobt noch stundenlang das Adrenalin in ihrem Körper, bevor sie einschlafen kann. Nachts ist sie mit zwei Kollegen zuständig für drei Stationen. 100 Patienten, nach denen alle zwei Stunden geschaut werden muss. Müsste.

Zunehmend sind viele Patienten dement, liegen häufig in einem Gitterbett. Eigentlich müssten sie noch engmaschiger betreut werden. Wer hat die Pampers voll, wo müssen Absauggeräte geleert werden, wer hat Schmerzen? Die Tablettenausgabe wird vorbereitet, Kurven werden geschrieben, neue Patienten aufgenommen, andere aus den Operationssälen geholt. „Es ist nicht zu schaffen“, sagt sie. Und jeder Handgriff muss dokumentiert werden. Ihr ist aufgefallen, dass in den letzten Monaten verstärkt Blasenkatheter gelegt werden. Die lassen sich schneller leeren als Patienten auf die Toilette zu begleiten.

Erdrückender Kostendruck

Das Gesundheitswesen ist krank, daran hat Marianne W. keine Zweifel. Annegret Hackmann hört solche Klagen fast täglich. Sie ist die zuständige Sekretärin bei der Gewerkschaft Verdi im Bezirk Aachen/Düren/Erft. Hackmann beobachtet seit vielen Jahren, „dass die Zustände in den großen Krankenhäusern viel schlimmer sind als in den Spezialkliniken“.

Der erdrückende Kostendruck zog mit den Fallpauschalen der Krankenversicherungen 2003 ein. Wie lange eine Behandlung dauert, ist oft unerheblich. Kalkuliert wird nach dem Grundsatz: Möglichst viele Patienten in möglichst kurzer Zeit behandeln, sagt Hackmann. Seitdem geht die Schere zwischen den Fallzahlen und Vollkräften im nichtärztlichen Dienst immer weiter auseinander.

Große Häuser decken auch weniger lukrative Einsatzgebiete ab. „Gespart wird immer nur am Personal.“ Spezialkliniken werben die Mitarbeiter ab, bieten bessere Möglichkeiten. Es gibt noch eine andere Entwicklung auf einem ziemlich leer gefegten Arbeitsmarkt für Pfleger. Examinierte Kräfte kündigen und kehren dann – vermittelt von Leiharbeitsfirmen – wieder zurück. „Mit besseren Arbeitszeiten und mehr Einkommen“, sagt Gewerkschaftssekretär Harald Meyer. Der Stress der Mitglieder macht sich für die Verdi-Funktionäre auch mittelbar bemerkbar. Es wird zunehmend schwierig für sie, die Mitglieder zu mobilisieren. „Sie sind einfach müde und kaputt, wollen nur noch ihre Ruhe haben“, sagt Hackmann.

Nirgendwo ist festgelegt, wie viele Patienten ein Pfleger betreuen kann. In einem Vergleich mit elf europäischen Ländern landete Deutschland auf dem letzten Platz. Es fehlen mindestens 120.000 Kräfte in den Krankenhäusern, sagt die für das Gesundheitswesen zuständige Gewerkschaft. Diese Zahl wird von niemandem bislang angezweifelt.

Marianne W. holt ihr Handy heraus, zeigt Bilder aus den verschmutzten Toilettenbereichen. Sie hält die Missstände fest. Manchmal schreibt sie auf, wenn wieder Rollstühle, Infusionsständer, Bettzeug oder Waschlappen oder gar Betten gefehlt haben und sie sich auf anderen Stationen auf die Suche machen musste. Sie notiert, dass die Betten entlassener Patienten oft tagelang nicht gereinigt werden – Personalmangel auch in der Bettenzentrale.

Marianne W. dokumentiert das nur für sich, vielleicht erleichtert es sie, wenn sie Missstände festhält. Die eklatanten Fehler gibt sie weiter, wenn auch Ärzte, die sie ebenfalls für „völlig überlastet“ hält, falsche Angaben gemacht haben.

In ihrem „Miserenbuch“ hat sie unzählige Beispiele festgehalten. Wenn Patienten ohne Entlassungsbrief das Haus verlassen, wenn Patienten nicht mehr gewaschen werden können, wenn erst das Essen und danach die Insulinspritze gereicht wird, wenn Patienten sieben Stunden lang auf einen Venenkatheter warten müssen, wenn im Frühdienst nur eine Schwester und eine Praktikantin sind, wenn beim Essen schimmeliger Käse, nasses Brot oder verfaultes Obst geliefert wird. „Das ist ein Fall für das Gesundheitsamt“, sagt sie.

Mehr Personal statt mehr Geld

Marianne W. will gar nicht mehr aufhören, sie hat so viele Beispiele. Betroffene wie sie können „Überlastungsanzeigen“ für den Pflegedienst schreiben. Das ist im Arbeitsrecht verankert. Sie machen damit auf „personengefährdende Situationen“ aufmerksam und können sich im Rahmen etwaiger Haftungsansprüche entlasten. Jahrelang hat Marianne W. solche Anzeigen geschrieben. Sie hat irgendwann damit aufgehört, weil sich nie etwas geändert hat.

Warum sie nicht aufgibt? „Aus Loyalität dem Haus, den Patienten und den Kollegen gegenüber“, sagt sie. Kollegen, die trotz aller Einsparungen nicht kündigen, stützen sich gegenseitig. Sie könnte mit ihren Überstunden sieben Monate in Ferien gehen. Eine „kleine Weltreise“ hat sie sich vorgenommen. Die muss warten, morgen wird Marianne W. wieder zur Arbeit gehen – mit grummelndem Gefühl.

Am Ende sagt sie noch: „Wenn alle Pfleger einen Wunsch frei hätten und sie könnten zwischen mehr Geld und mehr Personal wählen, würden sich 99 Prozent gegen das Geld entscheiden.“

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