Aachen - Hausarbeiten: Studenten im Kampf gegen die Aufschieberitis

Hausarbeiten: Studenten im Kampf gegen die Aufschieberitis

Von: Christina Handschuhmacher
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Volle Konzentration auch zu später Stunde: Rund 80 RWTH-Studenten nutzten die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“, um Fortschritte bei ihren Seminararbeiten zu erzielen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Abgabetermin? Ach, das können Sie selbst entscheiden.“ Der Professor hat es wahrscheinlich einfach nur gut gemeint, als er Ramon Smith keine Deadline für seine Projektarbeit gesetzt hat. Für den Maschinenbaustudenten ist der fehlende Zeitdruck allerdings zum Problem geworden.

Heute Nacht will Ramon nun endlich fertig werden. Deshalb ist er mit seiner Projektarbeit zur „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ gekommen.

Mit Ohropax in den Ohren und einer großen Wasserflasche auf dem Tisch sitzt der TH-Student im Neonlicht des Lesesaals von Bibliothek 2. „Meine Freundin hat gesagt: ‚Du kommst nicht wieder, bevor die Arbeit fertig ist.‘“ Wenn der Dozent schon keine Deadline setzt, dann muss das eben die Freundin machen. Ramons Plan für diese Nacht: Das Inhaltsverzeichnis formatieren, Fußnoten korrekt setzen. Kurzum: die Arbeit endlich abgabefertig machen. Vorher will er die Bibliothek nicht verlassen.

Ramon ist nicht alleine. Rund 80 Studenten sind an diesem späten Montagabend zur „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ gekommen. Die meisten von ihnen, um endlich das zu tun, wozu sie sich längst hätten aufraffen müssen: endlich mit ihrer Seminararbeit beginnen. In dieser Nacht heißt es: Bye, Bye Aufschieberitis – ran an die Hausarbeit.

Zum ersten Mal nimmt die RWTH Aachen an der bundesweiten Aktion teil, die 2010 ins Leben gerufen wurde. Von 19 bis 2 Uhr ist der Lesesaal in dieser Nacht für die Studenten geöffnet – Rundumbetreuung, Verpflegung und kleine Gymnastikeinlagen inklusive.

Organisiert wird das Ganze vom Zentrum für kreatives Schreiben und der Hochschulbibliothek, auch AStA und Hochschulsport sind mit im Boot. „Diese Nacht soll vor allem den Studenten, die gerade auf den letzten Drücker noch an ihren Hausarbeiten schreiben, einen kreativen Schub geben“, sagt Dr. Christoph Leuchter vom Zentrum für kreatives Schreiben. „Die Studenten werden sicher auch von der Atmosphäre profitieren“, sagt Sprachdidaktikerin und Dozentin Cornelia Czapla. „Ich glaube, es tut gut zu sehen, dass andere ähnliche Probleme und Fragen haben.“

Der Lesesaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Konzentriert tippen die Studenten auf ihren Laptops, überfliegen ihre Aufzeichnungen. Nur die wummernden Bässe, die zu jeder halben Stunde für wenige Minuten aus dem Treppenhaus zu hören sind, passen nicht ganz zur Lernatmosphäre. Aber sie passen zur „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Eine Trainerin vom Hochschulsport ist gekommen, um die Studenten mit Gymnastikübungen fit für die nächste Schreibeinheit zu machen.

Wer Hunger bekommt oder einfach nur Energie für die grauen Zellen braucht, kann sich im Nebenraum an Äpfeln, Mandarinen, Bananen, Weintrauben und Keksen bedienen, die kistenweise bereit stehen. Dort warten auch Kaffee und Tee auf die Studenten, falls sich zu späterer Stunde dann doch Müdigkeit breit machen sollte.

Von Müdigkeit ist bei Politikstudentin Marie Ludwig nichts zu spüren – im Gegenteil. „Ich will mir heute ein wissenschaftliches Feedback zu meiner Hausarbeit geben lassen“, sagt die 22-Jährige. Die geforderte Anzahl an Seiten zum Thema „Der Niedergang der FDP als Organisation“ hat sie schon auf Papier gebracht. In vier Tagen muss sie abgeben, nun fehlt nur noch der Feinschliff. Da kam ihr die „Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ gerade recht. Mit Schreibberaterin Cornelia Czapla geht sie einige Seiten der Arbeit durch. Ein Hinweis hier, ein hilfreicher Tipp dort. Marie ist glücklich: „Ich glaube, ich kann heute auch schon vor 2 Uhr zufrieden nach Hause gehen.“

Eine Reihe hinter ihr sitzt Laura Stellmacher, die im 5. Semester Kommunikationswissenschaften studiert. 15 Seiten muss sie zu Papier bringen, gerade schreibt sie an Seite Nummer zehn und kommt gut voran. „Der soziale Druck hilft“, sagt die 23-Jährige und lacht. „Ich bin auch so ein Typ, der Hausarbeiten erst auf den letzten Drücker macht. Deswegen habe ich mich vom Namen dieser Veranstaltung direkt angesprochen gefühlt.“

Drei Schreibberater, zwei Dozenten des RWTH-Sprachenzentrums und fünf Mitarbeiter der Hochschulbibliothek sind im Einsatz, um alle Fragen rund um das ABC des wissenschaftlichen Arbeitens zu beantworten. Welche Quellen kann ich nutzen? Wie finde ich den Zugang zu meinem Thema? Wie schreibe ich wissenschaftlich? Neben der individuellen Beratung gibt es Workshops zu Themen wie Literaturrecherche und der richtigen Zitierweise.

In einer Ecke des Lesesaals sitzt ein Englischstudent, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Er hat stapelweise Notizen und kopierte Buchseiten vor sich liegen. „Das ist immer mein Problem, wenn mich ein Thema interessiert“, erzählt er. „Dann ufert das aus, ich lese total viel und bekomme es nicht hin, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren“, sagt er. Er hofft, dass die Schreibberater ihm heute Nacht die richtigen Tipps geben können. Die Hausarbeit muss er zwar erst am 31. März abgeben, aber „einmal nicht am allerletzten Tag fertig zu werden, wäre ja auch mal schön“.

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