Weltkulturerbe: Die Schlösser Augustusburg und Falkenlust

Von: MARTIN THULL
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Residenzschlösser bei Bonn: Die Erzbischöfe bauten sich in Brühl das Sommerschloss Augustusburg (l.) samt kleinem „Ableger“ Schloss Falkenlust. Foto: Horst Gummersbach (5), Martin Thull, Florian Monheim
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Residenzschlösser bei Bonn: Die Erzbischöfe bauten sich in Brühl das Sommerschloss Augustusburg (l.) samt kleinem „Ableger“ Schloss Falkenlust. Foto: Horst Gummersbach (5), Martin Thull, Florian Monheim
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Der Speise- und Musiksaal im Schloss Augustusburg. Foto: Horst Gummersbach
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Der Audienzsaal im Schloss Augustusburg. Foto: Horst Gummersbach
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Das Spiegelkabinett auf Falkenlust.
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Faszinierender Einblick ins 18. Jahrhundert: So sieht der Speise- und Musiksaal von Schloss Augustusburg aus.
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Die Treppen im Jagdschloss: Schloss Falkenburg wurde errichtet, damit der Kurfürst seinem Hobby, der Jagd, nachgehen konnte.

Brühl. Ätsch und eine lange Nase – wären die Kölner in der Vergangenheit mit ihren Erzbischöfen etwas pfleglicher umgegangen, dann könnten sie vielleicht den Touristen heute Schlösser wie in Bonn oder Brühl präsentieren. Statt „nur“ den gotischen Dom, den Kranz der romanischen Kirchen und ein paar Römermauern. So aber zogen es die Erzbischöfe vor, sich ihr Residenzschloss in Bonn – heute das Universitätshauptgebäude – und das Sommerschloss Augustusburg im benachbarten Brühl samt dem kleinen „Ableger“ Falkenlust zu bauen.

Die Brühler Schlösser sind heute Weltkulturerbe und herausragende Zeugnisse des Barock und Rokoko.

Eine Dreiflügelanlage

Der Kölner Erzbischof Clemens August I. von Bayern (1700 bis 1761) aus der Dynastie der Wittelsbacher ließ an Stelle der Ruinen einer Wasserburg das Schloss Augustusburg erbauen. Bereits kurz nachdem Clemens August 1723 als Erzbischof von Köln angetreten war, begannen 1725 die Arbeiten am Schloss nach den Plänen des westfälischen Architekten Johann Conrad Schlaun, wobei die Fundamente des Vorgängerbaus für das neue Schloss mitbenutzt wurden. Das Schloss Augustusburg bildet eine Dreiflügelanlage mit Walmdach, die einen Ehrenhof umschließt.

Ab 1728 erfolgte die weitere Ausstattung des Neubaus durch den Münchner Hofbaumeister François de Cuvilliés, der die Fassaden und die Paradezimmer im Stil des Frührokokos gestaltete. Balthasar Neumann schuf in den Jahren zwischen 1740 und 1746 das Treppenhaus, das als eine der Hauptschöpfungen des deutschen Barocks gilt. Johann Heinrich Roth führte die abschließenden Innenarbeiten durch.

Das Schloss Augustusburg in Sichtweite des Bundesbahnhofs ist heute nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Das aber lohnt sich, da auf diese Weise Informationen vermittelt werden, die der uninformierte Besucher leicht übersehen könnte.

Geschichte mit dem Leberfleck

Etwa, dass es Öfen in der Sommerresidenz gibt. Denn der Kurfürst logierte gelegentlich auch außerhalb der warmen Jahreszeit im Brühler Schloss und sollte dann nicht frieren.

Die Öfen wurden übrigens vom Dienstbotengang aus befeuert. Auf diese Weise wurde verhindert, dass Ruß in die festlichen Räume drang.

Oder die Geschichte mit dem Leberfleck. In einem der repräsentativen Räume hängt das fast lebensgroße Porträt einer der Fürstinnen. Wie es der Mode entsprach mit einer extremen Wespentaille. Man weiß, dass sie unter ständigen Kopfschmerzen litt. Kein Wunder, wenn die Eingeweide so eingeschnürt werden.

Auffallend ist aber ein großer Leberfleck in Höhe des linken Auges, den der Maler festgehalten hat. Mehrere o sind möglich, die Führerin erklärt es so: Größe und Position dieses Flecks geben dem Gegenüber zu verstehen: „Ich bin unpässlich, habe Kopfschmerzen und möchte nicht angesprochen werden.“ Denn diese natürlichen oder künstlichen kleinen Flecken waren zur damaligen Zeit Kommunikationsmittel: Je tiefer am Körper die Dame den Fleck anbrachte, desto geneigter war sie den Avancen ihres Kavaliers. Eine Botschaft, kürzer als jede heutige SMS.

Die damaligen Besucher des Kurfürsten entstiegen ihrer Kutsche und standen vor dem von Balthasar Neumann gestalteten Treppenhaus, dem Herzstück des Schlosses. Man kann sich die entzückten Ausrufe der Damen und die Komplimente der Herren vorstellen – das Treppenhaus verschlägt einem den Atem. Nach oben hin werden die Farben immer heller, denn oben befindet sich der Himmel.

Die Komposition ist beeindruckend. Und dennoch auch eine große Illusion. Denn was wie Marmor aussieht, ist eine teilweise nur eierschalendicke Stuckschicht. Selbst die lebensgroßen Titanen, die die Treppen vermeintlich halten, sind aus Gips und Stuck.

30 verschiedene Gänge

Das Volk sollte nicht draußen bleiben, wenn der Kurfürst Hof hielt. Deshalb wurden „Schauessen“ veranstaltet: Unten tafelten die Herrschaften mit bis zu 30 verschiedenen Gängen, oben auf der Galerie konnten jene, die sich ein Ticket leisten konnten, zuschauen. Ohne Verpflegung.

Bis zu acht Stunden konnte das dauern. Ein entbehrungsreiches Vergnügen, das allein dem Zweck diente, denen, die nicht dazu gehörten, zu zeigen, wie gut es den Herrschenden ging. Es ist nicht überliefert, ob die Redensart „Dem anderen in die Suppe spucken“ von einer derartigen Veranstaltung herrührt. . .

Solange Bonn Bundeshauptstadt war, lud der Bundespräsident Staatsgäste hier zum Bankett ein. Königin Elisabeth, Nelson Mandela oder der japanische Kaiser waren damals zu Gast.

Flohkamm und Flohfalle

Und die Hygiene im Schloss? Es gibt nur indirekte Hinweise. Im Kabinett im Erdgeschoss kann der Besucher mit den Augen auf die Suche gehen. Und im Deckenfries entdeckt er dann Gefäße, die der täglichen Hygiene dienten. Und eine Plage: Denn eines der kleinen Reliefs zeigen einen Flohkamm und eine Flohfalle.

Die Führerin erklärt, dass mit Blut getränkte Watte in einen außen durchlöcherten hohlen Ball die Flöhe anlockte, die nach ihrer Blutmahlzeit durch die Löcher nicht mehr nach außen kriechen konnten. Und später entsorgt wurden.

Und nach all den Illusionen begegnet der Besucher dann im Sommerspeisesaal echtem Wasser. Denn aus einem Kran in der Wand sprudelt ein schmaler Wasserstrahl in eine Brunnenschale. Die diente damals zur Kühlung der Getränke. Und die wandhohen blauen Fliesen sollten zusätzlich für Kühle im Sommer sorgen.

„Straße der Gartenkunst“

Kühlung verschafften den damaligen Bewohnern und Gästen auch die aufwendige Gartenanlage: Der Schlosspark von Augustusburg und Falkenlust gilt wegen seiner sorgfältigen Rekonstruktion als eins der authentischsten Beispiele barocker französischer Gartenkunst des 18. Jahrhunderts in Europa und als Denkmal der Gartenkunst von internationalem Rang.

Und aktuell wurden die Anlagen um die Schlösser wegen ihrer hervorragenden Qualität und historischen Bedeutung als Teil der „Straße der Gartenkunst zwischen Rhein und Maas“ klassifiziert.

Entspannung auch für die heutigen Besucher von Augustusburg, wenn sie durch die Parkanlage zum Schloss Falkenlust spazieren können. Ein Bau, der errichtet wurde, damit der Kurfürst seinem liebsten Hobby nachgehen konnte, der Jagd mit Falken.

Und gebaut wurde dieses Schlösschen nicht nur in der Sichtachse zum großen Schloss, sondern auch gleichsam in der Flugbahn der Reiher, dem beliebtesten Beutevogel der Falken.

Und oben auf dem Dach befindet sich ein Balkon, damit die Gäste die Jagd bequem beobachten konnten. Ein Bauvorhaben, das heute sicher keine Genehmigung erhalten würde.

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