Klitschkos Boxsack und ein Hüpfsack von Lanz

Von: Martin Thull
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Zwischen 3000 und 5000 Exponate sind im Sackmuseum in Nieheim in Ostwestfalen zu sehen. Der älteste bedruckte Sack stammt von 1756. Aber auch Sackkarren verschiedenster Art stehen im Museum. Seit über 25 Jahren betreiben Ehrenamtliche dieses einzigartige Museum. Foto: Martin Thull
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Auch internationale Postsäcke, unter anderem aus Großbritannien, Dänemark und China, gehören zu den Exponaten und hängen im Sackmuseum Nieheim. Foto: Martin Thull
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Ulrich Pieper ist sich sicher, dass es Säcke oder vergleichbare Transportbehälter schon seit Beginn der Menschheit gab. Foto: Martin Thull
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Nieheim. Ein Sack ist ein Sack ist ein Sack. Oder etwa nicht? Vielleicht eine Definitionsfrage. Wer im Süddeutschen eine Tragetüte erbittet, erhält ein „Sackerl“. Und ist ein Teebeutel nicht auch ein kleiner Sack? Oder der traditionelle Klingelbeutel? Foto: Martin Thull
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Nieheim. Ein Sack ist ein Sack ist ein Sack. Oder etwa nicht? Vielleicht eine Definitionsfrage. Wer im Süddeutschen eine Tragetüte erbittet, erhält ein „Sackerl“. Und ist ein Teebeutel nicht auch ein kleiner Sack? Oder der traditionelle Klingelbeutel? Foto: Martin Thull

Nieheim. Ein Sack ist ein Sack ist ein Sack. Oder etwa nicht? Vielleicht eine Definitionsfrage. Wer im Süddeutschen eine Tragetüte erbittet, erhält ein „Sackerl“. Und ist ein Teebeutel nicht auch ein kleiner Sack? Oder der traditionelle Klingelbeutel? Im Sackmuseum in Nieheim in Ostwestfalen ist das am Ende egal. Es zeigt „Die Welt der alten und neuen Säcke“ in einer Vielfalt, die dem Besucher den Atem verschlagen kann.

Und wenn er dann noch das Glück hat, auf Ulrich Pieper zu stoßen, dann werden ihm Welten eröffnet. Dass etwa schon bei Kindern ein mit Murmeln oder Knickern gefüllter kleiner Sack etwas über Gewinn und Verlust aussagen kann. Oder schärfer formuliert: über Armut und Reichtum. So wie später im Erwachsenenleben auch. Wenn auch dort meist im übertragenen Sinne und der „Sack“ dann das Konto bei der Bank ist.

Ältester bedruckter Sack von 1756

Seit über 25 Jahren betreiben Ehrenamtliche dieses einzigartige Museum. Und sammeln, was die Welt an Säcken, Beuteln und Tüten hergibt. Der älteste bedruckte Sack stammt von 1756. Aber Ulrich Pieper ist sich sicher, dass es Säcke oder vergleichbare Transportbehälter schon seit Beginn der Menschheit gab. Im Alten Testament gibt es die Josephsgeschichte, in der ausdrücklich von einem Sack die Rede ist. Und das Alte Testament ist reichlich 3000 Jahre alt. „Man nahm damals eben eine Tierhaut, eine Blase oder einen Tiermagen, füllte sie und band sie zum Transport zusammen.“ Aber da Säcke immer schon aus vergänglichem Material geschaffen waren, konnten die Archäologen nur ganz selten ein solches Überbleibsel finden. Anders als Keramik, Knochen oder Metall verwitterten die Jute- oder Leinensäcke, ganz gleich in welcher Größe sie gefertigt waren.

Ein wenig erinnert das Sackmuseum an die Heimatmuseen, die wir kennen. Und sogar das Hinweisschild an der Hauptstraße in Nieheim gebraucht diese Bezeichnung. Es gibt demnach die Welt der Kinder, die Küche, das Schlaf- und das Wohnzimmer. Hier aber immer unter dem Schwerpunktthema „Sack“.

Und so erinnert eine Vitrine an das Märchen „Knüppel aus dem Sack“ und das Kinderspiel „Der Plumpsack geht um“. Oder an Max und Moritz, die in einem ihrer Streiche Säcke aufschlitzen. Mit der Folge, dass sie selbst gemahlen werden. Auf den „Lachsack“ darf der Besucher sogar drücken, und eine der Identifikationsfiguren des Kinderkanals „Beutolomäus Sack“ ist selbstverständlich auch vertreten. Und dessen Geschichte könnte glatt in Nieheim erfunden worden sein: Beutolomäus Sack ist ein Jutesack mit einem Gesicht und einer großen Knollennase. Er ist laut Sender der „einzig wahre Sack des Weihnachtsmannes“. Beutolomäus sei ein meist herzensguter, wenn auch sehr skeptischer Charakter.

Was übrigens so richtig kindgerecht bei diesem Museum ist: Nirgends steht oder hängt ein Schild „Bitte nicht berühren!“ Die großen und kleinen Besucher sollen durch Fühlen (und Riechen) einen unmittelbaren Eindruck von den Ausstellungsstücken haben. Und so kann etwa das Anheben eines Sandsacks, der gegen das letzte Rheinhochwasser eingesetzt wurde, einen Eindruck von dem großen Gewicht vermitteln, das so ein kleiner Sack birgt. Und lässt den Respekt wachsen vor den Männern und Frauen, die wir beim nächsten Hochwasser an Oder und Elbe oder Mosel und Rhein im Fernsehen sehen, wenn sie die Barrikaden gegen das Wasser errichten und sich die Sandsäcke zuwerfen.

Strohsack, Wäschesack, Strampelsack, Schinken-, Mehl- und Brotsack. Geldsack, Postsack, Müllsack in grau, gelb, grün und blau. Säcke aus Leinen, Jute, aus Kunststoff und Folie. Aus Leder als Rucksack oder aus Papier zur Entsorgung von Bioabfall. Ein Sack aus dem Atomkraftwerk Würgassen, dessen Genossen die Luft dort filtern, ein Airbag, der als „Luftsack“ Leben retten und/oder Verletzungen verringern soll. Ach ja, auch Vitali Klitschkos Boxsack hängt dort – selbstverständlich mit Autogramm. Gleich über einem Golfsack mit Schlägern. Das ist dann die Sportabteilung. Und daneben der Dudelsack. Sowie die sackgleichen Behältnisse, in denen Gitarren, Flöten oder Geigen transportiert werden können.

Für Ulrich Pieper lässt sich das Leben auch unter dem Thema Sack zusammenfassen: „Vom Strampelsack nach der Geburt – sieht man mal vom Hodensack bei der Zeugung ab – bis zum Leichensack. Man bekommt irgendwann einen Tunnelblick und sieht überall Verwandte des ‚Ursacks‘“, meint er schmunzelnd, nicht ohne darauf zu verweisen, dass zuletzt auch Besucher immer wieder für Ergänzungen des Museums sorgen.

So hat eine Besucherin ihre Sammlung an Spucktüten der verschiedensten Airlines zur Verfügung gestellt. Die Freiwillige Feuerwehr Nieheim hat eine Anzahl Sandsäcke vom Einsatz beim letzten Elbe-Hochwasser mitgebracht. In einem Apothekenschrank finden sich die Verpackungen von Pillen oder Brillengläsern. Aber auch ein „Spülbeutel für die Darmspülung“ oder ein „Stomabeutel“. Im Küchenschrank sehen wir Tüten mit Back- und Kochzutaten. Die Möglichkeiten erscheinen unerschöpflich, eine Anfrage an die Weltraumfahrt läuft. Pieper ist zuversichtlich.

Eine originale Sackflickerei ist im Obergeschoss aufgebaut. Denn Säcke waren wertvoll. „Drei Säcke gegen einen westfälischen Schinken war eine Zeit lang die Währung“, so Pieper. Und deshalb wurden Säcke immer wieder gehegt, gestopft, geflickt. Eine Werkstatt in Schleswig-Holstein, von der er die Ausstattung übernehmen konnte, hatte am Ende mehrere Mitarbeiter. Der Sack war ein wichtiges Hilfsmittel in der Landwirtschaft. Und nicht nur da. Eine Reihe von Geldsäcken zeigt auf, dass auch so etwas Wertvolles wie Geldmünzen oder Banknoten verhältnismäßig einfach verpackt auf die Reise gingen.

Und auch diese Säcke erzählen eine Geschichte, etwa aus der Zeit der Wiedervereinigung. Denn eine Bank in Karl-Marx-Stadt gibt es heute nicht mehr. Postsäcke aus China, Dänemark, Großbritannien und den Niederlanden sowie vielen weiteren Ländern sind vor eine Wand gehängt, in der Vitrine der kleinste Postsack der Welt aus den USA, in den Umrissen kaum größer als eine Zigarettenschachtel. Einen alten „Sackkalender“ gibt es zu sehen – ein Taschenkalender ist das, was ein „Sacktuch“ ist, weiß der Besucher dann selbst zu entschlüsseln.

Eine Ecke weiter der Sack, der die Thorarolle der jüdischen Gemeinde barg. Gleich daneben ein aus Baumwolltuch genähter Rucksack, in dem eine Familie auf der Flucht nach Westen bei Kriegsende ihr wichtigstes Hab und Gut gerettet hat. Zuweilen haben die Geber die Geschichte gerade ihres Sacks aufgeschrieben, unbeholfen, aber eindrucksvoll. So hier über den Grundstoff: „Das Tuch haben die Großeltern 1858 selbst gewebt.“ Keiner weiß genau, wie viele Exponate zum Thema „Sack“ dieses Museum birgt. Die Angaben schwanken zwischen 3000 und 5000 Stück. Die Ehrenamtlichen beginnen gerade, ihre Ausstellungsstücke zu erfassen und einen Katalog zu erstellen. Kleidersack und Staubsaugerbeutel, Saftsack und Klammerbeutel – kein Ende in Sicht.

„Nasser-Sack“

Aber eine solche Anekdote wird kaum wieder auftauchen: In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte eine Sängerin Erna Sack Furore. Angeblich war sie später in den ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser verliebt – und umgekehrt. Zu einer Heirat sei es aber nicht gekommen. Wegen des Namens. Wer wolle schon „Nasser-Sack“ heißen?!

Der Aufmerksamkeit einer Besucherin verdankt das Museum eines der jüngsten Objekte. In seiner ersten Sendung trat Moderator Markus Lanz in „Wetten dass?“ zum Wettstreit mit Gästen im Sackhüpfen an. Einer dieser Säcke schmückt nun das Sackmuseum in Nieheim. Und wenn man so will, gibt es einen neuen Trend: die Plastiktüten, in denen aufmerksame Hundebesitzer die Hinterlassenschaft ihres Tieres wieder einsammeln. Angeblich gibt es da unterschiedliche Konfektionsformen. Für das Museum ein neues Sammelgebiet.

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