Industriemuseum Freudenthal: Technischer Spaß für Kinder

Von: Martin Thull
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Sensenhammer Leverkusen 3.9.2005
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Sensenhammer Leverkusen 3.9.2005

Man nehme einen Stahlblock von der Größe dreier Zigarettenpackungen, lasse ihn im Feuer mehrfach rot glühen, bearbeite ihn heiß und kalt und schleife ihn. Nach 24 Arbeitsschritten ist eine Sichel oder Sense fertig. So scharf, dass die Schneide des fertigen Produktes mit einem eigenen Schutz versehen werden muss, damit kein Unglück geschieht.

Und bereit, nach ganz Europa und nach Übersee in hohen Stückzahlen exportiert zu werden.

Aber es gibt auch eine prosaischere Erklärung: Da wird „gehärtet und angelassen, vorgerichtet, geklippert, getupft, gerichtet, geschliffen und blank poliert“ – fertig ist die Sense. Und eine Menge Handarbeit steckt in jedem Einzelstück. Bis zu 30 Arbeitsschritte je nach Modell.

Und viele kräftige Männerhände sind nötig, die an den mechanischen Hämmern arbeiten, das Schleifen übernahmen meist Frauen. Sie hatten wohl mehr Gefühl für diese abschließende Arbeit. Bis zu 200.000 Exemplare verließen die Firma Kuhlmann in Freudenthal in guten Jahren. Das liegt in Leverkusen-Schlebusch an der Dhünn.

„Sensen aus Freudenthal“, das war mehr als 150 Jahre lang ein Markenbegriff. 1987 schloss die Sensenfabrik H. P. Kuhlmann Söhne ihre Tore. Damit endete die Tätigkeit des ältesten Leverkusener Industriebetriebs, dessen Anfänge sogar bis in das Jahr 1778 zurückzuführen sind.

Das denkmalgeschützte Ensemble fiel zunächst in einen „Dornröschenschlaf“. Der 1991 gegründete Förderverein Freudenthaler Sensenhammer e.V. stellte schließlich die Weichen für eine neue Nutzung der geschichtsträchtigen Gebäude in der Reihe der Industriemuseen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR).

Am 24. April 2005 wurde das Indus- triemuseum Freudenthaler Sensenhammer eröffnet. Die Umwandlung der Sensenfabrik in ein lebendiges Museum gelang Dank der Unterstützung durch die Nordrhein-Westfalen-Stiftung, den LVR sowie die Kulturstiftung der Rheinischen Sparkassen.

Dem Besucher bietet sich heute das Bild eines weitläufigen Fabrikensembles mit Fabrikantenvillen, Arbeiterwohnhäusern, Stauteich und Wehranlage. In der neuen Dauerausstellung werden an den originalen Arbeitsplätzen die wichtigsten Schritte der Sensenherstellung erläutert.

Wie in einer Ouvertüre gibt es zunächst Basisinformationen – der Blickfang ist eine Art künstlerischer Tanz von einem halben Dutzend Sensen. Doch dann zeigt schon der nächste Raum den Vorzug dieses Museums: Es werden später nicht nur Maschinen gezeigt – manche während der Führungen auch in Betrieb. Sondern es geht auch darum, Menschen, die hier teils jahrzehntelang gearbeitet haben, in ihrer handwerklichen Leistung zu würdigen.

So geht es treppauf und treppab, kein Museum für Menschen, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, oder Familien mit Kinderwagen. Lediglich die Schmiedehalle ist ebenerdig und über eine kleine Rampe erreichbar. Mag auch manchen Besucher die Zahl der riesigen Schwungräder, der Geruch von heißem Öl und Eisen oder die – heute nur in der Fantasie vorstellbare – Lärmerzeugung beeindrucken, mit Industrieromantik hat dies alles nur wenig zu tun. Wir werden heute Zeugen von extrem harten Arbeitsbedingungen. Das Ergebnis ist handwerkliches Meisterwerk, das über ganz Europa seine Käufer und Nutzer fand.

Immerhin: Seit mehr als 5000 Jahren sind Sensen und Sicheln in Gebrauch, wohl eines der ersten Werkzeuge, sieht man einmal von Faustkeil und hammer-ähnlichen Arbeitsmitteln unserer Vorvorfahren ab. Dabei sind Sensen ja schön anzusehen: Ihre geschwungene Form, die nur leicht variiert, bietet je nach dem Anwendungsbereich eine Eleganz, die nicht jedem Handwerksgerät zu eigen ist. Vielleicht haben die Schnitter mit ihren Geräten deshalb auch Eingang in die Kunst gefunden. Drucke von Werken der Maler Vincent van Gogh, Edward Munch oder Franz Marc geben Zeugnis davon ab.

Die Schmiedehalle gehört zu den ältesten Bauteilen der gesamten Fabrikanlage. Einige Teile wurden bereits Ende des 18. Jahrhunderts errichtet. Die Halle erstreckt sich auf zwei Stockwerken über eine Länge von 30 und eine Breite von zwölf Metern. In der Schmiedehalle fanden alle Kalt- und Warmschmiedearbeiten der Sensen- und Sichelherstellung sowie eine Reihe weiterer Nacharbeiten statt.

Ursprünglich waren alle Hämmer entlang der Rückwand aufgestellt, um die Kraft der Wasserräder ohne Verluste direkt nutzen zu können. Der Einbau der ersten Turbine im Jahr 1883 ermöglichte es dann, Hämmer auch an anderer Stelle aufzustellen. Große Transmissionswellen und -riemen sorgten für die Kraftübertragung.

Dass sich die Firma Kuhlmann ausgerechnet hier ansiedelte, lag an den guten äußeren Bedingungen: Das Flüsschen Dhünn hatte hier genügend Gefälle, um mit Wasserkraft zunächst die Maschinen anzutreiben, später erzeugten so betriebene Turbinen auch elektrischen Strom. Der verhältnismäßig nahe gelegene Rheinhafen in Köln-Mülheim sowie der Anschluss an das immer dichter werdende Eisenbahnnetz sorgten für die problemlose Anlieferung der Rohstoffe – vor allem Stahl – und den Abtransport der fertigen Ware.

Frankreich, Belgien, Niederlande, West- und Norddeutschland, ja bis nach Russland wurden Sensen in die bäuerlichen Betriebe verkauft. Um 1970 belieferte Kuhlmann ein großes Warenhaus in Tennessee/USA mit 700 bis 800 Sensen im Jahr. Doch bei allem Einsatz der Vertreter, über deren Netz vor allem der Absatz erfolgte – 1987 musste der Betrieb in Freudenthal eingestellt werden. Denn bereits seit den 1950er Jahren schlossen sich Händler zu Einkaufsgenossenschaften zusammen.

Diese sowie die neu entstehenden Baumärkte importierten Sensen aus der Türkei, die wesentlich preiswerter waren als die in Deutschland gefertigten. Mit der Folge: Für viele fachlich nicht qualifizierte Kunden wie etwa Kleingärtner war der Preis ausschlaggebend, da es ihnen weniger um die Qualität des Gerätes ging – die sie nicht beurteilen konnten.

Es hämmert und zischt

Manche der Mitarbeiter, die das Ende ihrer Firma miterlebten, sind heute noch als Ehrenamtliche im Museum tätig, vor allem bei den Demonstrationen einzelner Arbeitsschritte, wenn Gruppen zu Besuch kommen. Es hämmert, es raucht, es zischt immer dann, wenn in der alten Schmiedehalle des Industriemuseums sich Schmiedehämmer und Transmissionsriemen in Bewegung setzen.

Vor allem Kinder begreifen in dieser historischen Umgebung Technik ganz praktisch und vor allem unterhaltsam und spannend. Der eigens für Grundschüler entwickelte Kurs „Die kleinen Sensenschmiede“ vermittelt Grundlagen der Technik am Beispiel der Fertigung von Sensen.

Ein weiteres ganz besonderes Kurs-Angebot richtet sich an Demenz erkrankte wie auch ältere und bewegungseingeschränkte Mitbürger, die in der authentischen Umgebung der ehemaligen Sensenfabrik die handwerkliche und gleichzeitig industrielle Produktion von Sensen und Sicheln erleben können.

So ist die ehemalige Sensenfabrik auch so etwas wie ein soziales Zentrum geworden. Die Leverkusener Jazztage sind hier zu Gast, Theateraufführungen oder Konzerte im Ambiente der Schmiedehalle sind beliebt, wer will, kann hier seine standesamtliche Hochzeit feiern.

Und noch etwas: Wer zu Hause für seinen Garten eine Sense, Sichel oder auch Meißel hat – hier werden die Geräte fachmännisch wieder aufgearbeitet: gedengelt, geschärft und gerichtet. Auch Hacken und ähnliche Werkzeuge können wieder in Form gebracht werden.

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