Region - Von Drachen, Störchen und einem Weinberg: Wandern auf dem Marienfeld

Von Drachen, Störchen und einem Weinberg: Wandern auf dem Marienfeld

Von: Martin Thull
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Weit sichtbares Zeugnis für ein besonderes Ereignis in unserer Region: Das Holzkreuz von der Begegnung mit Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag 2005 bestimmt noch immer das Bild des Papsthügels. Foto: Imago/Bonnsequenz
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Auf dem „Grefrather Marienhang“ werden seit 1995 Weinreben angebaut. Foto: Martin Thull
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Der Papsthügel wurde von Kardinal Joachim Meisner „Berg der 70 Nationen“ getauft. Foto: Martin Thull

Region. Eine Storchenwiese ohne Störche und keine Drachen auf der Drachenwiese, kein Papst auf dem Papsthügel und das Marienbildnis ist nicht auf dem Marienfeld zu finden, sondern in einer benachbarten Kirche. Alles nur Luftnummern? Aber dafür hält der „Grefrather Marienhang“, was er verspricht: Er ist der wohl nördlichste Weinberg in Nordrhein-Westfalen.

Dies alles spiegelt die Vielfalt dieses Wander- und Freizeitgeländes, denn das Marienfeld am Rande von Kerpen ist vielfältig und abwechslungsreich und bietet deshalb hohen Erholungswert.

Das Gelände ist eine immerhin 260 Hektar umfassende Fläche im seit 2003 verfüllten und rekultivierten ehemaligen Braunkohletagebau Frechen. Dort wurden von 1952 bis 1986 rund 334 Millionen Tonnen Braunkohle aus einer Tiefe von 250 Metern gefördert. Der Name „Marienfeld“ wurde in Anlehnung an seine Vorgeschichte als 500 Jahre alter Wallfahrtsort an der Stelle des einstigen Tagebaues gewählt.

In der Wallfahrtskirche St. Mariä Himmelfahrt im benachbarten, umgesiedelten Frechen-Grefrath wird ein um 1420 aus französischem Kalkstein geschaffenes Marienbildnis verehrt. Es gehörte ursprünglich zur Klosterkirche des Klosters Bottenbroich, das im Tagebaubereich lag.

Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde das Marienfeld durch den Weltjugendtag 2005. Das Naherholungsgebiet wurde für die Abendandacht am 20. August und die Abschlussmesse des Weltjugendtags am 21. August, die beide zusammen mit Papst Benedikt XVI. gefeiert wurden, für bis zu eine Million Teilnehmer präpariert.

Für die Gottesdienste wurde der sogenannte Papsthügel errichtet. Diese zehn Meter hohe Aufschüttung für den Altar taufte Kardinal Joachim Meisner auf den Namen „Berg der 70 Nationen“, weil dort Delegierte aus 70 Ländern zu Beginn des Jahres 2005 Erde aus ihren Ländern niedergelegt hatten. Zu Füßen des Papsthügels mit dem weithin sichtbaren hohen Holzkreuz ist ein Bronzeabguss des historischen Wallfahrtsbildes aufgestellt.

Während dieses großen Jugendtreffens mit Teilnehmenden aus 188 Nationen führten ausgeschilderte Fuß- und Wanderwege sternförmig zum Marienfeld – beispielsweise der zum damaligen Termin eigens geschaffene Adolph-Kolping-Pilgerweg. Er führt auf rund 28 Kilometern von Kerpen zum Kölner Dom. Der seliggesprochene Priester Adolph Kolping, der sich besonders um junge Handwerker sorgte, wurde 1813 in Kerpen geboren.

Abwechslungsreiches Wanderrevier

Doch heute geht es nicht mehr um Pilgerfahrten. Das Gelände ist sozusagen säkularisiert. Die damaligen Pilgerwege sowie ein Netz weiterer Wege auf Kies, Schotter und nur selten auf Asphalt bieten Wanderern eine Fülle von Möglichkeiten. Denn die Rundwege durch dichten Laubwald, vorbei an weiten Ackerflächen mit Raps und Weizen oder Rhabarber und Rüben neben Weideland erlauben immer wieder neu, eine andere Richtung einzuschlagen und eine ursprünglich in Angriff genommene Rundstrecke abzukürzen.

Das hat zudem den Vorteil, dass das Wanderrevier nie langweilig wird, weil es immer wieder neue Eindrücke – unabhängig vom Wechsel der Jahreszeiten – ermöglicht. Und da es keine nennenswerten Steigungen gibt, ist es auch ausgesprochen einladend für die Menschen aus der Region, die einfach nur entspannt spazieren gehen wollen. Einige Strecken sind auch ausdrücklich für Fahrradfahrer ausgewiesen. Und dass der Jakobsweg von Köln nach Aachen auch hier eine Teilstrecke gefunden hat, versteht sich fast von selbst.

Wenn man so will, verbindet das Wegenetz Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Beim Kirchenweg, dem längsten Rundweg mit etwa elf Kilometern, sind immer wieder Gedenkkreuze oder –findlinge aufgestellt, die an die früher dort stehenden Kirchen mit ihren Dörfern erinnern: Mödrath, Boisdorf, Habbelrath, Grefrath und Bottenbroich. Und es waren ja nicht nur die Kirchen, die verloren gingen, sondern Häuser und Geschäfte bis hin zu den Friedhöfen. Alles Vergangenheit, wo gelebt und gearbeitet, geliebt und gestritten wurde, wo Geburten gefeiert und Todesfälle betrauert wurden.

Gegenwärtig ist das ein Freizeitgelände, dessen Idylle durchbrochen wird durch die doch erheblichen Geräusche von der Autobahn A4 Aachen-Köln, die eine Zeit lang parallel zum Kirchenweg verläuft. Und was bringt die Zukunft? Vorbild für die Rekultivierung in der Zukunft ist das Gelände, das nicht zuletzt von den Zuschüssen zur Regionale 2010 profitiert hat, für andere, heute noch aktive Braunkohleförderung etwa rund um Garzweiler.

Was hier schon Gegenwart ist, wird dort so ähnlich Zukunft werden. Nach dem Mödrather Pfarrpatron St. Quirinus ist ein etwa 1,5 Kilometer langer Rundwanderweg benannt. Er führt vom Hauptparkplatz des Marienfelds bei Alt- Mödrath – in der Nähe des Dressurstalls beziehungsweise von Burg Mödrath – durchs Marienfeld, auf einer neuen Brücke über den Erftkanal und auf einer wieder hergerichteten Kastanienallee in den alten Waldbestand um die ehemalige Mödrather Mühle an der Erft. Alte und moderne Sehenswürdigkeiten werden angezeigt. Der neu angelegte Rundweg ergänzt die bisherigen Wanderwege im Marienfeld.

Eine gute Übersicht

Der etwa 4,5 Kilometer lange Weg um den Boisdorfer See wurde ebenfalls mit Mitteln der Regionale 2010 angelegt. Die im Infoblock genannte Karte gibt eine gute Übersicht. Die Wege sind vorzüglich gekennzeichnet, auch wenn sich der etwas weniger routinierte Wanderer an mancher Kreuzung doch noch einen zusätzlichen Hinweis wünschen würde.

Der Kundige kann die eine oder andere Besonderheit entdecken: So ist das Gedenkkreuz für die untergegangene Ortschaft Boisdorf nach einem Entwurf von Ludwig Gies geschaffen worden. Das bekannteste Werk dieses Künstlers ist der Bundesadler – im Volksmund auch „Fette Henne“ genannt – an der Stirnwand des Plenarsaals des Deutschen Bundestags in Bonn.

Nachdenklich machen kann auch ein Kreuz am Wegesrand, das an das Kriegsende in Mödrath am 2. März 1945 erinnert. So früh, nicht am 8. Mai? Ja, wenn man weiß, dass die amerikanische Armee von Westen her gegen den Rhein vorrückte. Aachen war schon im Oktober 1944 befreit worden, am 24. Januar 1945 erschien erstmals die Tageszeitung „Aachener Nachrichten“. Und die Spiel- und Picknickwiese umkränzenden „Bäume des Jahres“ geben einen guten Überblick. Eine ähnliche Idee ist an der neuen A4 zu sehen, wo es ebenfalls eine Galerie der ausgewählten Baumsorten der vergangenen Jahrzehnte gibt.

Liebliche Tröpfchen

Und dass es hier eine Weinkönigin und jährlich die Wahl des Bacchus gibt, mag nur den überraschen, der den „Grefrather Marienhang“ nicht kennt. Dort bauen vier Familien seit 1995 Weinreben an: die Rebsorte Müller-Thurgau für einen halbtrockenen, Kerner für einen lieblichen Weißwein. Pro Jahr werden mehrere Hundert Flaschen „Grefrather Marientröpfchen“ geerntet, in Spitzenjahren bis zu 500 Flaschen. Und dass die Industriegewerkschaft Bergbau dort 1993 eine kleine Marienkapelle errichtete, würde man auch nicht ohne weiteres den Aktivitäten der Arbeiterbewegung zurechnen.

Wer weiß – vielleicht kommen im nächsten Frühjahr die Störche, im Herbst werden sicher Drachen steigen. Und auf dem Papsthügel kann jederzeit wieder ein Pontifex Maximus aus Rom gemeinsam mit Tausenden Pilgern feiern und beten. Die Infrastruktur mit Altar und Kreuz jedenfalls ist vorhanden.

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