Remscheid - So hat Wilhelm Conrad Röntgen geforscht

So hat Wilhelm Conrad Röntgen geforscht

Von: Martin Thull
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So hat Wilhelm Conrad Röntgen geforscht: Die Ausstellung ist ebenso anschaulich wie informativ. Ein Besuch lohnt sich – auch mit wissbegierigen Kindern. Foto: Deutsches Röntgenmuseum
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Ältere kennen sie noch aus eigener Erfahrung: In Kabinen wie dieser wurden die Tuberkulose-Reihenuntersuchungen gemacht. Foto: Deutsches Röntgenmuseum
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Neue und alte Bauweise nebeneinander: das Röntgenmuseum in Remscheid-Lennep. Foto: Deutsches Röntgenmuseum

Remscheid. Die Kontrolle am Flughafen, das Gepäck wird durchleuchtet. Eine der Entwicklungen einer Entdeckung, die der Experimentalphysiker Wilhelm Conrad Röntgen in der Nacht vom 8. November 1895 machte: Er spürte eine der Welt bisher verborgen gebliebene neue Art von Strahlung auf.

Das neue Licht war in der Lage, durch Materialien hindurchzufliegen. Die nach seinem Entdecker Röntgenstrahlen genannten neuen Möglichkeiten setzten sich bald durch, erlaubten sie doch der Wissenschaft bisher nicht für möglich gehaltene Einsichten. Und das im wörtlichen Sinne. 1901 wurde Röntgen der erste Nobelpreis für Physik verliehen.

Röntgens Entdeckung war wahrscheinlich auch deshalb so spektakulär, weil sie den Blick in bisher Verborgenes erlaubte. Zunächst war es die Medizin, die sich auf völlig neue Art mit dem menschlichen Körper befassen konnte. Hatten doch über Jahrhunderte religiöse Regeln die Untersuchung des Körperinneren untersagt. Und nun dieses Zauberwerk. So jedenfalls nahm es die Öffentlichkeit wahr.

Der Allrounder

Das Museum in Röntgens Geburtshaus in Remscheid-Lennep versucht, nicht nur dessen Lebenswerk zu würdigen und verständlich zu machen. Es führt auch die Entwicklungen und Auswirkungen dieser Entdeckung weiter in die Gegenwart. Wie es heißt, war Röntgen ein Allrounder im Labor, der alle wichtigen Eigenschaften eines brillanten Experimentators in sich vereinte. Er wird als äußerst neugierig beschrieben. Er war diszipliniert und beharrlich. Da die äußeren Voraussetzungen stimmten, waren bahnbrechende Erkenntnisse zu erwarten, so jedenfalls erscheint es in der Rückschau.

Das Museum zeigt einzelne Stationen von Röntgens Forschung, erläutert sie mit Ton, Wort und Bild in verständlicher Form. Und beleuchtet die Persönlichkeit des begeisterten Bergwanderers, der risikoreiche Touren unternahm – abseits der vorgegebenen Pfade. Der Entdecker des Tuberkulosevirus, Robert Koch, war oft sein Begleiter. Erzogen war Röntgen nach Prinzipien der protestantischen Ethik: Sparsamkeit, Ordnungsliebe und Fleiß prägten den jungen Röntgen. Persönlich soll er eher spröde gewesen sein, schroff und unnahbar, seinen Studenten gegenüber eher abweisend.

Mit dem 28. Dezember 1895 wird er zum Superstar der Wissenschaft. In einem der Ausstellungsräume klingelt ein altertümliches Telefon. Wenn der Besucher abhebt, hört er eine Stimme. Sie schreit die Entdeckung Röntgens geradezu in die Welt hinaus. Röntgen hat entdeckt, dass seine Strahlen menschliches Gewebe durchdringen, außer den Knochen. Die Aufnahme der Hand seiner Frau Bertha mit einem Ring ist der Beleg.

Dass Röntgens Entdeckung zunächst Eingang in die medizinische Praxis fand, mag nahe liegen. Aber auch die volkstümliche Wissenschaft bemächtigte sich der neuen Entdeckung, allen voran in Amerika Thomas Edison. Dieser konnte nicht verstehen, dass Röntgen seine Erfindung nicht kommerzialisierte. Und in Schuhgeschäften fand das Pedoskop Aufstellung: Die Durchleuchtung des Fußes führte zu einer korrekten Schuhgröße, die Missbildungen von Zehen und Ferse verhindern sollte. Auch Scharlatane witterten ein Geschäft.

Viele Beispiele von Anzeigen und Presseartikeln belegen diesen Weg von Röntgens Erfindung. Und dass sich der Museumsbesucher gegen 50 Cent ein Bild seines Schädels machen lassen kann, zeigt, dass auch das Museum mit Augenzwinkern an dieser Entwicklung teilhaben will. Allerdings muss kein Besucher irgendwelche Strahlenschäden befürchten – dieses „Porträtfoto“ ist eine geschickt gemachte Trickserei zum Vergnügen des Publikums. Wobei mögliche Strahlenschäden anfangs nicht im Bewusstsein der Forscher und Anwender Platz fanden. Haarausfall und eine Art Sonnenbrand wurden zustimmend in Kauf genommen. Als Menschen nach der Strahlenanwendung starben, wurden sie zu „Märtyrern der Wissenschaft“ erklärt.

Und so makaber es klingt: Der Erste Weltkrieg unterstützte das Röntgenverfahren als weiterführende Medizintechnik. Selbst dem medizinischen Laien leuchtet das ein: Musste der Chirurg zuvor den Schusskanal als Orientierung nutzen, um ein Projektil aus dem Körper zu operieren, so zeigte ihm nun die Röntgenaufnahme die genaue Position. Deutlich kleinere Wunden entstanden, die Heilungschancen stiegen.

Allerdings war eine solche Röntgenaufnahme eine arge Qual: Bis zu 45 Minuten musste der Patient still halten. Das war nicht nur anstrengend, sondern vor allem oft mit unerträglichen Schmerzen verbunden. War eine Röntgenaufnahme dann besonders gut gelungen, wurde sie signiert. Der Röntgenfotograf wurde zum Künstler.

Manch älterer Leser wird sich noch an die Reihenuntersuchungen zur TBC-Vorsorge in den 1950er und 1960er Jahren erinnern. Inzwischen ist die Tuberkulose nahezu ausgerottet. Im Museum kann der Besucher die Prozedur nochmals nachvollziehen. 200 Personen wurden damals in einer Stunde durch die auf großen Lastkraftwagen montierten Untersuchungsgeräte geschleust. Heute geht es geruhsamer zu. Alles wird nachvollziehbar erklärt. Und das Schild von damals gilt auch heute noch: „Nicht auf den Boden spucken!“ Vergangenheit.

In der Gegenwart findet die Entdeckung Röntgens – die von Kollegen in aller Welt weiterentwickelt wurde – auf den unterschiedlichsten Forschungsgebieten Anwendung. Die Archäologie kann auf diese Weise Objekte zerstörungsfrei untersuchen, kann analysieren, datieren und Material bestimmen. Das trifft auch auf die Untersuchung von Mumien zu. Die Röntgenastronomie hat seit 1960 über 60.000 neue kosmische Röntgenquellen entdeckt. Die Röntgenscanner am Flughafen dienen der Sicherheit, die Strahlendosis dort ist um ein Vielfaches geringer als die natürliche Strahlung während des anschließenden Fluges.

Kunstwerke werden heute geröntgt, um etwa Übermalungen des Künstlers zu entdecken. Schließlich werden Röntgenstrahlen bei der modernen Materialprüfung in der Industrie eingesetzt. Schon Wilhelm Conrad Röntgen hatte bei seinen Experimenten einen Gewehrlauf auf die Platte gebannt. Dabei hatte er festgestellt, dass dessen Lauf aus nicht einwandfreiem Material hergestellt war.

Ein Wanderweg

Die einzigartige Sammlung ermöglicht dem Besucher eine erlebnisreiche Entdeckungsreise über die Vergangenheit hinaus in die Zukunft. Und er bekommt ein Gefühl dafür, welche epochale Entdeckung dem Lenneper Wilhelm Conrad Röntgen gelungen war: eine Tür zu öffnen in das bislang Unsichtbare. Und das mit unsichtbaren Strahlen. Sichtbar nicht in den Augen, aber in ihren Wirkungen.

Wer nach dem Besuch des Röntgenmuseums noch Lust auf körperliche Bewegung verspürt, der kann die historische Altstadt von Remscheid besuchen. Und wer noch mehr Lust und Zeit hat, dem sei der Röntgenweg empfohlen. Nähere Informationen über die Route gibt es auf der Seite: www.ich-geh-wandern.de/röntgenweg-etappe-1-röntgenmuseum-eschbachtalsperre.

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