Serie „Unser Sommer“: Eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Von anno dazumal bis eigene Kindheit: Im Freilichtmuseum Kommern finden Fachwerkhäuser aus der Eifel (l.) und ... Foto: Bornefeld
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... Kramladen aus längst vergangener Zeit ihren Platz. Seit 2010 wird der „Marktplatz Rheinland“ aufgebaut mit Gebäuden von 1945 bis 1990. Foto: Bornefeld
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Dort kann man sich in einer Nissenhütte umschauen und dem Zeitgeist der 1960er Jahre nachspüren, ... Foto: Bornefeld
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... der sich auch in einer kanariengelben Einbauküche wiederfindet. Foto: Bornefeld

Kommern. Von Baugruppen ist hier immer die Rede: „Baugruppe Eifel“, „Baugruppe Westerwald“, aber auch der „Marktplatz Rheinland“. Das hört sich nach Baggern und Baumaschinen an, wir sehen aber vor allem Häuser vergangener Jahrhunderte, denn das LVR-Freilichtmuseum Kommern steht heute auf unserem Ferienausflugsprogramm: Die Reise in die Vergangenheit wird hier mit einem durchaus sportlichen Wanderprogramm verbunden.

Das beginnt schon auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingangsgebäude. Das Museumsgelände ist weitläufig in die langsam hügelig werdende Eifellandschaft gebettet, nachdem uns die knapp einstündige Autofahrt von Aachen aus eher durch die flache Bördelandschaft geführt hat. Jetzt geht es gleich mit mehr als zehn Prozent Steigung in Serpentinen bergan. Julie, Lilli, Melle (alle 12), Moritz und Felix (beide 9), die ich heute im Schlepptau habe, machen sich den Spaß, die steilere „Abkürzung“ zu gehen. Noch ist der Akku voll.

Mal sehen, wie lange, denn Ausdauer braucht man beim Besuch des Freilichtmuseums. Auch wenn der längste Rundgang nur 2,5 Kilometer lang ist, geben die Verantwortlichen des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) einem schon zu Beginn mit auf den Weg: „Nehmen Sie sich Zeit, zwei Stunden mindestens. Für die Ausstellung ‚Wir Rheinländer‘ brauchen Sie noch einmal eine Stunde.“ Wir werden am Ende fast sieben Stunden unterwegs gewesen sein – mit Picknick- und Kaffeepause, teilweise sehr interessiertem Schauen und vor allem der Teilnahme an einer Ferienaktion. Trotzdem schaffen wir am Ende nur drei der fünf Baugruppen.

Moderne ist erlaubt

Doch zunächst zieht uns der „Westerwald“ in seinen Bann: Fachwerkhäuser mit altertümlichen Einrichtungen, Bienenkörben von anno dazumal, ein Kramladen mit selbstgehäkelten Tafelläppchen aber auch Handytäschchen – so viel Moderne ist erlaubt.

Die alte Dorfschule liegt über der Backstube aus der es verführerisch nach frisch gebackenem Brot und Pflaumenkuchen duftet. Moritz und Felix stehen halb ehrfürchtig, halb erstaunt vor den historischen Schulbänken und dem erhöhten Lehrerkatheder und lauschen einer Museumsführerin, die von drakonischen Strafen wie Schläge auf die Finger oder Knien auf einem dreieckigen Kantholz erzählt. Für die beiden Neunjährigen sind solche „pädagogischen“ Maßnahmen nicht mehr vorstellbar. Trotzdem freuten sich die Kinder damals, wenn sie zur Schule gehen durften, denn sonst wartete harte Feldarbeit auf sie.

Nach dem „Westerwald“ kommen wir schon zum neuesten und für uns spannendsten Teil des Museums: der Marktplatz Rheinland. Die Baugruppe wird seit 2010 installiert. Der Fokus liegt hier auf Gebäuden aus der Zeit von 1945 bis 1990. Schon fertig sind zwei Wohnhäuser – ein Bungalow gebaut 1959, eingerichtet im Geschmack der 1960er Jahre und das erste Fertighaus des Versandhauses Quelle.

Außerdem die Gaststätte Watteler aus Nörvenich mit Metzgerei und wirklich bestaunenswerter, „brauner Salon“ genannter Toilettenanlage. Eine Container-Flüchtlingsunterkunft aus den 1990er Jahren, die bis 2012 bewohnt noch in Titz im Kreis Düren stand, sowie zwei so genannte Nissenhütten komplettieren den Marktplatz.

Diese flachen Röhren mit Wellblechverkleidung dienten vielen Vertriebenen, Ausgebombten und ehemaligen Zwangsarbeiter als Notunterkunft im zerbombten Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Eine ältere Dame verlässt das Haus gleich wieder mit den Worten: „Das habe ich selbst erlebt, das muss ich mir nicht angucken.“ Uns gehen die Filme und Zeitzeugenberichte, die sich über Monitore abrufen lassen, und die beengte Behausung ebenfalls nahe.

Am Marktplatz Rheinland kommt man ins Erzählen: Dass ihre Großmutter mit zwei Geschwistern und ihren Eltern in ihren ersten Lebensjahren vergleichbar eng in einer Gartenlaube gewohnt hat, können Lilli und Moritz kaum glauben. Und das Julies und Felixe_SSRq Großeltern tatsächlich so eine kanariengelbe Einbauküche wie im Bungalow aus Kommern gehabt haben sollen, lässt sie ebenso unverständlich dreinblicken. Alle bestaunen das Flurtelefon mit Wählscheibe im Fertighaus und den riesigen Fernseher, der das halbe Wohnzimmer dominiert „und trotzdem nur so einen kleinen Bildschirm hat“, wie Moritz verwundert feststellt.

Und natürlich gibt es auf der Terrasse der Gaststätte Watteler nur Kännchen. „Kein Cappuccino oder Milchkaffee?“, fragt meine Freundin Anja etwas verwirrt. Nein. Auch hier nehmen es die Verantwortlichen des Freilichtmuseums mit der Authentizität der dargestellten 1970er Jahre schon genau und erreichen an nahezu jeder Ecke, dass wir uns in unsere Kindheit zurückversetzt fühlen.

Backen und Bändchenweben

Nach so viel Gucken ist jetzt der Plan, selbst aktiv zu werden. In den Sommerferien bietet das Freilichtmuseum täglich mehrere Mitmach-Aktionen an, die im Eingangsbereich aushängen und auch im Internet zu finden sind. Wir haben die Wahl zwischen süßes Hefegebäck Backen und Bändchenweben. Wir entscheiden uns für das Zweite und ziehen dafür ins „Bergische Land“.

Ein freundlicher Mitarbeiter erwartet uns schon im Haus aus Rhinschenschmidthausen mit den Worten: „Wenn Ihr mitmachen wollt, binde ich Euch mindestens 20 Minuten am Fensterrahmen fest.“ Okay, das ist mal eine Ansage – die die Kinder aber tatsächlich nicht abschreckt. Alle sind mit Feuereifer dabei, auf kleine Holzbrettchen gezogene Fäden zusammen zu weben, und haben nach gut einer Stunde tatsächlich ansehnliche Ergebnisse vorzuweisen. „So haben die Menschen früher Schmuckborten für Kleidungsabschlüsse hergestellt“, berichtet der Mitarbeiter, was dieses Ferienprogramm mit früheren Zeiten zu tun hat.

Doch schon ziemlich erschöpft vom Laufen, Sehen und Weben bewegen wir uns direkt zum Ausgang. „Niederrhein“ und „Eifel“ finden kein Interesse mehr. Noch ein kurzer Stopp beim Spielplatz, dann beschließen wir den Ausflug in die Vergangenheit.

Fazit: Der Marktplatz Rheinland und auch die Ausstellung „Wir Rheinländer“ ist ein echter Gewinn für das Freilichtmuseum. Ansonsten braucht man schon ein sehr interessiertes Auge, um die Unterschiede bei den vielen Fachwerkhäusern zu erkennen. Ein Audio-Guide kann vielleicht ebenfalls helfen, die Faszination der weit zurückliegenden Vergangenheit stärker heraufzubeschwören.

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