Romantische Parks: In den Gärten von Annevoie

Von: Rolf Minderjahn
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GŠrten von Annevoie 7 © OPT

Region. Zwischen Namur und Dinant ist das Maastal besonders reizvoll. Manche vergleichen es mit dem romantischen Rhein. Hier an der Maas gibt es zahlreiche Schlösser, Gärten und Klöster, die einen Besuch lohnen. Herausragend ist dabei die Prachtanlage der Schlossherren de Montpellier.

Sie hätte selbst den französischen Königen alle Ehre gemacht. Zwischen 1758 und 1776 wurden die Schlossgebäude von Annevoie erweitert und der zwölf Hektar große Park unter der Regie von Charles-Alexis de Montpellier (1717-1807) rund- um angelegt. Alle Nachkommen bis in die 16. Generation waren der Verschönerung dieser Gärten verpflichtet. Seit den 1930er Jahren sind sie eine beliebte Touristen-Attraktion. Das Schloss ist heute nicht mehr zu besichtigen.

Charles-Alexis de Montpellier, als Schmied reichgeworden und bekennender Gartenfreund, verstand es vortrefflich, englische, französische und italienische Stilelemente in den grandiosen Naturschauspielen dieser Gärten auszudrücken. Beim englischen Stil imitiert die Kunst die Natur. Diese Architektur versucht, natürliche Effekte künstlich nachzuahmen. Sie entspricht damit ganz den Wünschen der englischen Romantik und der Philosophie von Jean-Jacques Rousseau: zurück zur Natur! Retour à la nature. In Annevoie ist das sehr schön an der englischen Kaskade zu sehen. Sie stellt eine perfekte Imitation der Natur dar.

Der italienische Stil drückt die Harmonie zwischen Kunst und Natur aus. Hier liegt das Hauptaugenmerk auf Abwechslung, Kontrasten und Überraschungseffekten. Das zeigen rund 50 Wasserspeier, Fontänen und Kaskaden sowie 20 Becken und Teiche. Überall fließt, sprudelt, springt und plätschert es. Das besondere an diesen Wassergärten ist die Kunst, an jeder Ecke, an jeder Wegegabelung neue, raffinierte Perspektiven und überraschende Formen anzubringen.

Eine besondere Treppe

Alleen, Laubengänge und Statuen verdeutlichen die französischen Stilelemente. Hier ist die Kunst Korrektiv der Natur. Dabei stand hier die Symmetrie im Mittelpunkt aller gärtnerischen Planungen. Diese Architektur scheut Kurven und Windungen. Sie kreiert lieber lange majestätische Perspektiven – wie beispielsweise an der französischen Kaskade, dem ersten Bauwerk von Charles-Alexis und dem ältesten Teil des Gartens. Ihre an einer strengen Symmetrie ausgerichtete Anlage ist ein typisches Beispiel für den französischen Klassizismus.

Dem Schlossteich gegenüber zieht die Wassertreppe die Blicke auf sich. Sie ist in Belgien einzigartig und sucht in Europa ihresgleichen. Einzigartig ist ihre Technik: Seit der Fertigstellung im Jahr 1760 funktioniert sie ohne jede maschinelle Hilfe. Gespeist wird diese besondere Wassertreppe vom großen Kanal auf dem höchsten Niveau der Gärten. Dort oben auf der kleinen Kaskade thronen Neptun und Aphrodite.

Der romantischste Teil der Gärten liegt an der hinteren Seite des Schlosses. Hier spielte der Planer mit Perspektiven. Hecken, Hügel und Bäume sind so angelegt, dass sie immer wieder überraschende Blicke auf faszinierende Naturkunstwerke freigeben, die romantisch klingende Namen haben wie Neptunbrunnen, Artischockenbecken, Minerva-Kabinett oder Seufzerallee.

Charles-Alexis de Montpellier war nicht nur ein bemerkenswerter Meisterschmied, sondern auch ein außergewöhnlich guter Brunnenbauer. Wasser ist in Annevoie allgegenwärtig. Das Geheimnis in Annevoie beruht auf vier Quellen. Eine davon versorgt den hochgelegenen, über 400 Meter langen „Großen Kanal“. Er speist die Becken, Teiche und Wasserfälle über ein Röhrensystem. Hinzu kommen das natürliche Gefälle des Geländes, kilometerlange Kanalsysteme und das physikalische Prinzip der miteinander funktionierenden Gefäße. Auf diese Weise fließt seit 250 Jahren ohne jede Maschinerie das Wasser in einem ununterbrochenen Kreislauf durch die Gärten.

Rast am Flussufer

Die Gärten von Annevoie liegen rund 140 Kilometer von Aachen entfernt. Die Anfahrt über Namur entlang der Maas ist sehr reizvoll. Über die N 92 Namur-Dinant entdeckt man eine der schönsten Flusslandschaften Belgiens. Die Straße verläuft oft direkt an der Maas entlang mit ihren gemächlichen Flussarmen und friedlichen Inselchen. Sie führt durch wunderbare Dörfer, deren Ursprünglichkeit noch greifbar nah erhalten ist. Auf den Bergkuppen entdeckt man Belle-Epoque-Residenzen, versteckt zwischen Felsen und Bäumen. An den Ufern unterhalb befinden sich romantische Flussniederungen, die Kulisse stattlicher Häuser und Villen mit Gärten, Parks und eigenen Bootsstegen – unterhalb der Felswände, durch Grünflächen mit dem Flussufer verbunden.

Urige Ardennendörfer spiegeln ihre Konturen in der breiten Wasserfläche der Maas, auf der sich die Boote im Rhythmus der Wellen bewegen. Zunächst erreicht man Wépion. Der Ort gilt als die „Hauptstadt der Erdbeere“ mit Spezialmuseum und Erdbeerauktionen in der Erntesaison. Auf der Hauptstraße bieten Händler in ihren Holzbudenständen die süßen Früchte an, so lange die Felder sie noch hergeben. Der Erdbeeranbau begann Ende des 19. Jahrhunderts. Die besondere Beschaffenheit des Bodens mit eisenhaltigen Salzen und Humus und das sanfte Klima des Maastales bieten die hervorragende Bedingungen für das Gedeihen der leckeren Früchte an den sonnigen Hängen der Maas.

An einem der Maas-Ufer sollte mal eine Rast einlegen. Von Parkbänken aus kann man den Blick über das Wasser, auf die Schiffe und durch das Tal schweifen lassen. Profondeville ist nicht mehr weit. Es ist ein charmantes, urtypisches Maasdorf mit einer romantischen Uferpromenade. Selbst in der Hochsaison wird es hier nicht hektisch. Man könnte meinen, irgendwo fernab im Süden Europas angekommen zu sein – wenn das Wetter mitspielt.

Mit der Chaussée de Dinant folgt der Weg einer großen Biegung der Maas beim Dorf Rivière. Nach einer weiteren Fluss-Windung ist Annevoie-Rouillon erreicht. Nach rechts geht es ein Stück bergan, über die N 932 zu den Gärten von Annevoie.

Abstecher nach Floreffe

Wenige Minuten vom Zentrum Namurs entfernt über die N 90 entlang der Sambre erreicht man die im Jahre 1121 gegründete Abtei Floreffe. Sie zählt zu den imposantesten Bauwerken der Provinz Namur. Ihre Gebäude erheben sich über der Sambre. Sie stammen aus dem zwölften bis 20. Jahrhundert. Das barocke Chorgestühl (1632-1648) von Pierre Enderlin gebaut, das zu den schönsten der Welt gehört, ist über 300 Jahre alt. Es hat nichts von seiner Pracht eingebüßt. In den mittelalterlichen Nebengebäuden ist ein Museum untergebracht. Die ehemalige Brauereimühle ist im Originalzustand erhalten geblieben. Sie wurde vor 20 Jahren restauriert. Hier gibt es typische belgische Spezialitäten. Ein Abstecher nach Floreffe lohnt sich.

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