Gut Leidenhausen: Zwischen Stadtlandschaft und Wahner Heide

Von: Martin Thull
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Romantik in der Abendsonne: Gut Leidenhausen ist ein ehemaliges Rittergut. Den charakteristischen Torbogen erhielt es um 1930.
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In der Dauerausstellung in der ehemaligen Scheune des Gutes wird die menschliche Zivilisation der tierischen gegenübergestellt.

Es könnte ganz romantisch sein in dem ehemaligen Rittergut Leidenhausen. Bereits im Jahr 1329 wurde es erstmals erwähnt. Heute befindet es sich an der Schnittstelle zwischen Stadtlandschaft und Wahner Heide. Und wegen dieser Schnittstelle ist der moderne Lärm von Autobahn und Flughafen wie die Begleitmusik zu dem regen Vogelgezwitscher an manchem Frühlingstag – Natur mit Gegensätzen.

Gut Leidenhausen war bis 1964 ein großer Bauernhof. Die Vorläuferanlage hatte einen Wassergraben, seit dem 14. Jahrhundert ging der Rittersitz, von dem in der Urkunde von 1329 die Rede ist, durch die Hände mehrerer adliger Familien. Der heutige Gebäudekomplex erhielt seine Gestalt im Wesentlichen in der Zeit der Freiherrn von Hatzfeld im 16. und 17. Jahrhundert, der Freiherren von Weichs und der Grafen von Mirbach-Harff im 18. und 19. Jahrhundert. Gut Leidenhausen war bis 1803 auch das Verwaltungszen-trum für den gesamten Raum zwischen Bergisch Gladbach und Siegburg.

Erholung schon in den 60ern

Später machte Ferdinand Mülhens senior aus dem Gutshof einen Wirtschaftshof für das Gestüt Röttgen, das bis heute in der Nachbarschaft eine Trainingsbahn für Rennpferde unterhält. In den Jahren um 1920/30 erhielt der Hof seine heutige geschlossene Form mit dem charakteristischen Torbogen. 1963 erwarb die Stadt Köln das Gut. Das Gelände wurde zu einem Erholungsschwerpunkt ausgebaut. Der Name „Leidenhausen“ ist ein Ortsname. Er geht auf das 7. bis 9. Jahrhundert zurück und bedeutet „die Siedlung oder der Hof eines Besitzers namens Leido“.

Gut Leidenhausen beherbergt zahlreiche naturorientierte Vereine, eine Waldschule, das Haus des Waldes sowie eine Greifvogelschutzstation. Es ist eines von vier „Portalen“, die Königsforst und Wahner Heide, die man als Standort des Flughafen Köln/Bonn kennt, inhaltlich erschließen wollen. Ihre Themen sind: Natur nutzt (Ressource), Natur lebt (Dynamik) sowie Natur ist anders (Kontrast). Und in Leidenhausen: Natur erzählt (Geschichte).

Wissen über Ameisen

Die Dauerausstellung in der ehemaligen Scheune bedient diese Themenfelder hervorragend. Sie liefert Informationen, von denen auch Erwachsene noch etwas lernen können. Etwa wenn die Stadt Köln mit einem Ameisenhaufen verglichen wird. Angenommen: In Köln lebten etwa 500 000 Frauen. In einem Ameisenhaufen wären es doppelt so viele weibliche Insekten. Davon sind nur 200 bis 300 Königinnen. Also sind die weitaus überwiegende Mehrheit Arbeitstiere wie Wächterinnen, Brutpflegerinnen und Putzfrauen. Die rund eine halbe Million Beispiel-Männer in Köln haben es richtig gut, vergleicht man ihre Situation mit der der männlichen Beispiel-Ameisen: Die rund 500 männlichen Tiere sterben nämlich kurz nach dem Hochzeitsflug. Haben sie sich so sehr verausgabt? Immerhin: In der Stadt sind alle Funktionen auf die Fläche verteilt. Ein Ameisennest ist vor allem vertikal, also von oben nach unten, organisiert. Auch das kann man von der Dauerausstellung in der Scheune als Erkenntnis mit nach Hause nehmen.

In gut einem halben Dutzend Boxen wird der Bogen zum nahe gelegenen Flughafen geschlagen. Denn moderne Flugzeuge haben gleichsam von den Vögeln gelernt. Diese Flugkünstler gaben die Anregung für spritsparende Flügel, für die Nutzung des Auftriebs oder die Orientierung bei dunkler Nacht. Und wenn man liest, dass ein moderner Linienflieger für die 623 Kilometer von Köln/Bonn nach Mailand in knapp anderthalb Stunden 3850 Liter Kerosin verbrennt, dann erstaunt es doch, dass ein Wanderfalter wie der Admiral für eine Strecke von bis zu 2000 Kilometern mit einem Tröpfchen Blütennektar auskommt. Es scheint, als hätten die Ingenieure der Flugzeughersteller noch eine Menge aufzuholen.

Auf Wimmelbildern können vor allem junge Besucher Wildtiere und deren Arten suchen (und finden). Oder es wird gezählt, wie viele Menschen auf dem Bild dargestellt werden, die dort ihre Freizeit gestalten. Im Kontrast dazu zeigt das Flughafenbild, wie viele Vögel dort heimisch sind. Aufmerksamkeit und Sorgfalt sind gefragt.

Würfel mit Fotos von Lebensräumen, Tieren, Pflanzen und Aktivitäten der Menschen sollen in die richtige Reihenfolge gebracht werden, damit sie zueinanderpassen. Oder mit Hilfe von Kugeln, die für Frosch, Wildschwein und Mensch stehen, werden Wege gefunden, die an das vorgegebene Ziel führen. Denn Menschen haben die Naturlandschaft durchschnitten, Bahngleise oder Straßen bilden Hindernisse für viele Tiere. Grünbrücken – also breite bepflanzte Überwege über Autobahnen etwa – sollen helfen, diese zu überwinden. Ein Film mit Nachtaufnahmen belegt, dass diese Hilfen von den Tieren angenommen werden.

Alle Sinne angesprochen

Schließlich lockt auch eine Schatzsuche: Auf dem Boden ist eine Luftaufnahme des Naturerbes Wahner Heide und Königsforst aufgebracht. Die Schätze, die diese Landschaft birgt, können mit Hilfe eines weißen Tabletts „gehoben“ werden, denn von der Decke werden Bilder auf den Boden projiziert, die mit den hellen Tafeln „eingefangen“ werden können.

Ein Rundgang, der alle Sinne anspricht, unterhaltsam und lehrreich zugleich ist. Und wer danach Hunger und Durst verspürt, der kann im „Café Rastplatz“ Produkte regionaler Anbieter probieren.

Doch bietet dieses Portal noch mehr: Die Greifvogelschutzstation nimmt sich kranker, verletzter oder elternloser Greifvögel und Eulen an. Hinzu kommen aus Gründen des Artenschutzes beschlagnahmte Tiere. Geöffnet ist diese Station allerdings nur an Sonn- und Feiertagen (bis 30. September von 10 bis 18 Uhr, den Rest des Jahres nur bis 17 Uhr). Jeden dritten Samstag im Monat findet eine kostenlose öffentliche Führung um 15 Uhr statt.

Die Kölner Waldschule bietet Schülerinnen und Schülern der Großstadt Köln Möglichkeiten für ein aktives Naturerleben. Neben der Vermittlung von Artenkenntnissen und dem Verständnis für ökologische Zusammenhänge stehen Sinneswahrnehmung und Erlebniswerte im Vordergrund. Die im Rahmen der „Regionale 2010“ entstandenen Aktivitäten betreffen im Obstmuseum die Sammlung alter, ehemals im Rheinland angebauter Obst- und Wildobstsorten auf einer etwa 5000 Quadratmeter großen Fläche. Und gleich nebenan haben die Imker ihre Bienenzucht aufgestellt. Die Kölner Jägerschaft bietet Schulungen an der Motorsäge an. Dabei lernen die Teilnehmer, wie sie Unfälle vermeiden – und den generellen Umgang mit der Säge am liegenden Holz.

Vier Wanderwege

Gut Leidenhausen liegt mitten in einem weitläufigen Wald. Die Wege sind gut ausgeschildert. Ein Faltblatt, auf dem vier unterschiedlich lange Wanderwege beschrieben werden, gibt es an der Rezeption der Dauerausstellung. Die Heidelandschaft hat im übrigen den Vorzug, dass das Profil so gut wie keine Steigungen aufweist.

Und wer Glück hat, dem begegnen auf der großen Wiese am Waldrand die Bewohner des Wildgeheges. Wenige Schritte weiter führt der Weg vom Gut weg an der Trainingsrennbahn des Gestüts Röttgen vorbei. Mit etwas Glück kann man dort edle Pferde bei der Arbeit mit den Trainern beobachten.

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