Tournai - Alt, schön, liebenswert: Tournai im Hennegau ist eine Reise wert

Alt, schön, liebenswert: Tournai im Hennegau ist eine Reise wert

Von: Rolf Minderjahn
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Zentraler Platz in Tournai: Die Straßencafés und Kneipen an der Grand Place in Tournai laden nach der Stadtbesichtigung zum Verweilen ein. Foto: Rolf Minderjahn
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Gemütlich geht es auch auf den kleinen, ruhigeren Plätzen der liebenswerten Stadt im Hennegau zu. Foto: Rolf Minderjahn
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Ein weiteres architektonisches Prunktsückan der Grand Place ist die alte Tuchhalle. Foto: Rolf Minderjahn

Tournai. Beim Betreten der mittelalterlichen Altstadt von Tournai bleibt man spontan auf der Grand Place stehen. Eine Aussicht, von der man nicht so schnell loslassen kann. Das eröffnet viele Gelegenheiten für Selfies der besonderen Art.

Die Giebelhäuserzeilen der Patrizierhäuser rund um die Grand Place erscheinen vor der alles überragenden Kathedrale Notre-Dame mit ihren fünf Türmen wie Miniaturen in einer Eisenbahnmodellwelt. Diese Krone der Romanik ist wohl einer der schönsten Kirchenbauten Europas aus dieser Epoche und zählt zum Weltkulturerbe der Unesco wie auch der zum Greifen nahe stehende älteste Belfried Belgiens.

Für Flaneure ist der 72-Meter-Aufstieg auf den Turm, der mit einer famosen Sicht über die Stadt belohnt wird, eine echte Alternative, während die Grand Place immer eine überzeugende Einladung zur Rast ausspricht, nicht nur aus kulinarischer Sicht, sondern auch wegen des einzigartigen Panoramas, das hier immer mit auf der Karte steht.

Wunderschöne Kulisse

Selten sitzt man vor so einer wunderschönen Kulisse bei einem Kaffee, Snack oder einem Regionalbier mit Geschichte pur – rundherum. Tournais Ursprung war eine römische Siedlung (Turnacum). Im fünften Jahrhundert wurde sie die erste Hauptstadt des Frankenreiches, von wo aus Childerich I. regierte. Die Stadt ist somit nach Tongeren die älteste in Belgien und hat die monumentalste Kirche mit einem überaus wertvollen Kirchenschatz.

Die Kathedrale Notre-Dame, erbaut 1110 bis 1325, ist 134 Meter lang. Geräumige romanische Schiffe öffnen sich zu einem großen Querschiff (67 Meter lang) mit zwei Apsiden sowie zu einem beeindruckenden gotischen Chor mit einer Länge von 58 Metern und 33 Metern Höhe unter dem Gewölbe, das eine gewisse bauliche Verwandtschaft mit der Sainte-Chapelle in Paris aufweist, vor allem auch durch die überwältigend schönen Fenster.

Die Kapitelle sind sehr aufwändig gestaltet, während das Querschiff mit fünf Türmen ausgestattet ist, die 83 Meter in die Höhe ragen. Auch wenn das Gebäude in Teilen weiter für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt, werden in der Kathedrale seit einigen Jahren umfangreiche Arbeiten zur Restaurierung, Bewahrung und Entwicklung dieses Kulturguts durchgeführt. Mitten in der Kathedrale wurden zudem umfangreiche archäologische Ausgrabungen vorgenommen.

Der Kirchenschatz birgt eine Reihe kostbarer Kunstwerke, darunter den Schrein der Gottesmutter (1205) von Nikolaus von Verdun, der auch Schöpfer des Kölner Dreikönigsschreins war.

In unmittelbarer Nähe zur Kathedrale erhebt sich ganz frei stehend der gotische Belfried von Tournai, der älteste Belgiens. Seine Gründungsurkunde stammt aus dem Jahr 1188. Der Turm verfügt über sieben Etagen und ist aus dem für Tournai typischen Blaustein gebaut. Beim Aufstieg auf die Spitze des Turms mit 257 Stufen passiert man Räume mit didaktischen Ausstellungen, das Verlies, das Zimmer des Glöckners und den Glockenraum selbst.

Das Glockenspiel ertönt in den Sommermonaten jeden Sonntag. An der Grand Place steht ein weiteres architektonisches Prunkstück, die alte Tuchhalle. Sie wurde 1610 bis 1611 im Renaissancestil errichtet. 1616 wurde hinter dem Gebäude ein großer Hof mit Galerie angebaut. Die Hauptfassade aus Blaustein besteht aus zwei Stockwerken mit je elf Jochen, die von toskanischen und ionischen Säulen voneinander getrennt werden. Im Erdgeschoss flankieren vier durchbrochene Arkaden das mittlere Joch und bilden eine offene Galerie.

Museen und Kirchen

Das Museum der Schönen Künste ist das einzige Bauwerk von Victor Horta, dem Meister der Jugendstilarchitektur, das von Anfang an zum Museum bestimmt war. Das Museum, das 1928 eröffnet wurde, bestand aus einem relativ lichtarmen Gebäude mit nur wenigen dekorativen Elementen im Eingangsbereich. Das Eingangsportal trägt eine Statuengruppe von Guillaume Charlier.

Durch eine große Eingangshalle erreichen die Besucher weitläufige Säle, die sternförmig von ihr abgehen und große Glasdächer haben. Diese Oberlichter liefern einen ungewöhnlichen und natürlichen Lichteinfall. Das Museum zeigt unter anderem Werke großer Meister wie Rubens, Monet, Manet (die beiden einzigen Werke von Manet, die in Belgien ausgestellt sind), Van Gogh, Jordaens und Ensor.

Das 1990 eröffnete Museum der Tapisserie beherbergt wertvolle Arbeiten aus der Kunst der Teppichweberei in Tournai aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Tapisserien aus Tournai finden sich beispielsweise auch im Metropolitan-Museum in New York und in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Das außergewöhnliche Maison de la Marionette ist der Kunst des Marionettenspiels in all seinen Darstellungsformen gewidmet.

Es lädt ein, eine bedeutende Sammlung an traditionellen und modernen Marionetten aus allen Ecken der Welt zu entdecken. Die Vielfältigkeit dieser Sammlung ist so groß, dass die Ausstellung regelmäßig erneuert werden kann. Wer durch Tournai flaniert, dem fallen die Kirchtürme auf. Kirchen prägen das Stadtbild Tournais.

Die Kirche Saint-Jacques ist das zweitwichtigste Gotteshaus. Der romanische Bau ist zu großen Teilen verschwunden, das Gebäude wurde ein erweiterter, gotischer Bau mit Chor. Mittelschiff und Querschiff bilden ein hübsches Ensemble im Stil der lokalen Gotik, in der zahlreiche romanische Elemente erhalten sind. Bemerkenswert: die für die Gotik in der Schelde-Region typischen Kapitelle, die mit sich einrollenden Palmenblättern verziert sind.

Die Kirche Saint-Brice wurde zwischen dem Ende des 12. und dem 15. Jahrhundert in romanischem und gotischem Stil errichtet und steht an der Stelle, wo zuvor eine präromanische Kirche mit dem Grundriss einer Basilika stand.

Den sieben Geschosse hohen Turm benutzten die am rechten Ufer der Schelde ansässigen Bewohner als Belfried. Das romanische Mittelschiff hat vier Joche und umfasst drei Geschosse. Das Ensemble der Mittel- und Seitenschiffe wird überspannt von einem getäfelten Tonnengewölbe. Über den erhöhten Chor hat man Zugang zu der im 12. Jahrhundert angelegten Krypta.

Das Gotteshaus Saint-Quentin ist ein Bauwerk der Romanik und des romanisch-gotischen Übergangsstils. Die romanische Kirche wurde um 1200 gebaut und hatte einen kreuzförmigen Grundriss, von dem heute noch das Langhaus, das Querschiff und sein Vierungsturm aus der Übergangszeit, zwei Kapellen und der obere Teil des Chors erhalten sind.

Mittelalterliche Quartiere

Ob zu den Museen, Kirchen oder mittelalterlichen Gebäuden, wer sich die Stadt ansieht, wird schnell feststellen: Tournai ist vor allem eines, eine Stadt der Gastlichkeit und des menschlichen Maßes. Sie ist von überschaubarer Größe (rund 7. 000 Einwohner), hier lässt sich wunderschön in aller Ruhe flanieren, etwa bis zu den Scheldekais Richtung Pont des Trous, der alten Scheldebrücke.

Oder durch die historischen Viertel rund um die Kathedrale über den Vieux Marché aux Poteries und die Rue des Chapeliers. Geht man von der Grand Place über die Rue des Orfèvres, an der Place de l’Evêché vorbei (an der Westfassade der Kathedrale) über die Rue de Courtrai durch die Rue Dame Odile oder die Rue de l’Hôpital Notre-Dame, kommt man zu einem echten Idyll, der restaurierten Placette du Bas Quartier nahe des Schelde-ufers.

Ein Viertel, in dem früher die Gemüsehändler zu Hause waren, die ihre Waren an den nahe gelegenen Kais der Schelde anboten. Die Gebäudearchitektur ist im lokalen Baustil gehalten. Ein Ensemble von Gebäuden ist harmonisch im Louis-Quatorze-Stil gestaltet. Wer mehr Informationen möchte, dem stehen im Office du Tourisme ausgearbeitete Stadtrouten zur Verfügung und man kann sich einen Film über Tournai ansehen.

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