Eine Weltreise auf drei Etagen

Von: Martin Thull
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Zeigt internationale Begrüßungsformen: der Bereich „Prolog“ des Themenparcours „Der Mensch in seinen Welten“ im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum. Foto: Atelier Brückner
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Gedeckte Tafel: In diesem Salon können Besucher zahlreiche Informationen interaktiv entdecken. Foto: Atelier Brückner/Michael Jungblut

Köln. Sage niemand, Museen schwelgten in der Vergangenheit und hätten keinen Bezug zur Gegenwart. Vom Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln jedenfalls lässt sich das nicht behaupten. Im Gegenteil. Herausragende Exponate aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika machen deutlich, dass manches von dem, was in unserem Leben alltäglich ist, von dort stammt.

Ein geradezu banales Beispiel sind unsere Ziffern: Sie kamen von den Arabern, die sie wiederum aus Indien übernommen hatten.

Der Besucher wird in der Dauerausstellung auf dem Themenparcours „Der Mensch in seinen Welten“ über insgesamt drei Etagen geschickt, kleine Pfeile weisen den Weg. In der Ausstellung geht es um Themen, nicht um einzelnen Länder oder Kontinente. Das alle Menschen Verbindende wird aufgezeigt – in kleinen und gut verträglichen Portionen.

Die Themenkomplexe behandeln in unterschiedlicher Weise die Bereiche „Die Welt erfassen“ und „Die Welt gestalten“. Und dies ohne Anmaßung, sondern gleichberechtigt und ebenbürtig. Die Ausstellung präsentiert keine europäische Überlegenheit, sondern ist um einen Dialog und neue Denkanstöße bemüht.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass der Sammler Wilhelm Joest (1852-1897) ein Kind seiner Zeit war, als er in ferne Länder aufbrach und von dort Schmuck und Waffen, Haushaltsgeräte und Kultgegenstände mit ins Rheinland brachte. Ungefähr 3500 Objekte aus aller Welt umfasste die Privatsammlung des Kölner Forschungsreisenden. Nach seinem Tod hinterließ er diese seiner Schwester Adele von Rautenstrauch, die sie der Stadt Köln schenkte.

Neben späteren weiteren Bürgerschenkungen bildete Joests Sammlung den Grundstock des Museums. Heute besitzt es eine der zehn größten und bedeutendsten ethnographischen Sammlungen Deutschlands. Sie enthält mehr als 65.000 Objekte aus Ozeanien, Afrika, Asien und Amerika. Ebenfalls zur Sammlung beigetragen haben der Kölner Bankierssohn Max von Oppenheim und in neuerer Zeit neben anderen Irene und Peter Ludwig.

Handkuss und Verneigen

Was den Kuratoren des Kölner Museums überzeugend gelingt, ist eine Sichtweise, die das Gemeinsame der Kulturen betont, die Respekt vor der Andersartigkeit der Bewohner Asiens und Amerikas, Ozeaniens und Afrikas übt und so um Verständnis wirbt für andere, uns fremde Lebensweisen und Weltsichten.

In der riesigen Eingangshalle empfängt die Besucher eindrucksvoll ein indonesischer Reisspeicher, ein Symbol für das Museum insgesamt. Er zeigt unaufdringlich, dass auch reine Zweckbauten schön gestaltet werden können. Der erste Ausstellungsraum zeigt unter dem Titel „Prolog“ unterschiedliche Begrüßungsformen: Handkuss, rituelles Verneigen oder aber ein lässiges Hallo. Ein Gamelan-Musikinstrumentenensemble aus Java in Indonesien, ergänzt um Figuren der dort heimischen Schattenspiele, vervollständigt den Einstieg in die kulturelle Weltreise durch die Ausstellung.

Es geht um den Blick Europas auf andere Kulturen, wie er sich beispielsweise in Reiseberichten oder in der Kunst spiegelt. So werden unterschiedliche Kulturen verglichen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen – ein modernes Ausstellungskonzept zur Förderung von Toleranz, das Spaß macht und die Neugier der Besucher weckt.

Langer Seeweg

In einem weiteren, der Bibliothek von Oppenheim nachempfundenen Raum sind die Schubladen alphabetisch angeordnet – von Anorak bis Ziffern. Kurze prägnante Erklärungen verweisen auf die Ursprünge. Nebenan lassen rustikal in Kisten verpackte Ausstellungsstücke einen Eindruck davon gewinnen, wie die Exponate einst auf einem langen Seeweg nach Europa kamen.

Masken aus Japan zeigen die Veränderung der Physiognomie eines Gesichts von Freude zu Trauer und Verzweiflung. In jedem der Räume könnte der Besucher viele Stunden zubringen, immer neuen Hinweisen folgen, seine Vorurteile berichtigen und neue Denkanstöße mitnehmen.

Das gilt vor allem für das kleine Kabinett, in dem es um Vorurteile geht. Schon am Eingang wird gefragt: „Werden Sie öfter auf Ihre weiße Hautfarbe angesprochen?“ Oder „Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Sie weiß sind?“ Im Inneren gibt es Zitate, die die Gedankenlosigkeit auch vermeintlich intelligenter Prominenter wie der Fürstin Gloria belegen („Schwarze schnackseln gerne…“). Kleine Schranktüren konfrontieren nach dem Öffnen solche verfehlten Gedankengänge mit der Wirklichkeit.

Rote Würfel mit verschiedenen Blickpunkten geben in vielen der Räume vertiefende Informationen und schlagen ebenfalls den Bogen in die Gegenwart. An anderer Stelle wird Kindern erklärt, dass Pommes mit Ketchup in ihren Rohstoffen Kartoffeln und Tomaten zuerst bei den Indianern bekannt waren. Für die jüngeren Besucher gibt es immer wieder eigene Anreize: „nutzBAR“ oder „fühlBAR“, „erfahrBAR“, „sichtBAR“ oder „duftBAR“ werden alle Sinne angesprochen und der Forschergeist geweckt. „BARbesuche“ der besonderen Art: Das ist unterhaltsam und macht den Museumsbesuch auch für Kinder attraktiv und nie langweilig.

Multimedialer Tisch

Das gilt auch für den großen Tisch im Salon der Abteilung, in der es um die unterschiedlichen Wohnwelten geht: Er ist gleichsam mit multimedialen Informationen gedeckt. Rund ein Dutzend Schubladen enthalten weiterführende Informationen, die teilweise auf dem Tisch entweder am Platz oder auch auf der großen Platte visualisiert werden. Auch hier wird die Intention umgesetzt, die Besucher nicht allein als Konsumenten zu verstehen, sondern ihnen Hilfsmittel an die Hand zu geben, um selbst Entdeckungen zu machen und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Wer hier nachvollziehen kann, dass die Baumwolle eines in Deutschland als italienisches Designer-T-Shirt verkauften Modeartikels rund 50.000 Kilometer zurückgelegt hat, ehe das Produkt hier in die Regale kommt, der wird vielleicht achtsamer einkaufen als bisher: Von der Ernte in Usbekistan geht der Rohstoff zur weiteren Verarbeitung in die Türkei, nach China, nach Marokko, Honduras und nochmals nach China, bis er schließlich in Italien sein „Finishing“ erhält.

Besonders beeindruckend ist auch „der inszenierte Abschied“, der die Besucher mit verschiedenen Begräbnisritualen vertraut machen möchte. Weiße Schnürvorhänge, hinter denen sich die Ausstellungsstücke verstecken, vermitteln einen Eindruck des Geheimnisvollen. Sitzgruppen – ebenfalls alles in Weiß – laden zum Atemholen ein. Auch der Boden ist weicher als in den anderen Räumen.

Beherrscht wird der Saal von einem riesigen weißen Stier auf einem Sarg. Am Originalschauplatz auf Bali werden solche Figuren genutzt, um die Hohenpriester nach ihrem Tod zu verbrennen. Man glaubt, die Seele würde auf diesem Weg sofort zum wohl wichtigsten Hindu-Gott Shiva geleitet.

Die Sammlungen des Museums umfassen 65.000 Einzelstücke, in der Ausstellung gezeigt werden etwa 2000 Stücke. Eine Beschränkung, die dem Auffassungsvermögen der zahlreichen Besucher sehr entgegenkommt: Die Räume sind nicht vollgepfropft, sondern lassen den Exponaten ausreichend Luft und Platz, ihre je eigene Wirkung zu entfalten.

In einem TV-Film über dieses mehrfach ausgezeichnete Museum heißt es, man wolle „mit toten Dingen Geschichten vom Leben“ erzählen. Das gelingt voll und ganz.

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