Eine rasende Freundschaft: Eddy Merckx und Jacky Ickx

Eine rasende Freundschaft: Eddy Merckx und Jacky Ickx

Von: Benno Hermes
Letzte Aktualisierung:
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Zwei Ausnahmesportler, zwei Geschichten: Links erwartet die Besucher im Brüsseler Trade Mart der Ausstellungsteil zu Eddy Merckx, rechts der zur Jacky Ickx. Foto: Uitgeverij Kannibaal
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Trugen Eddy Merckx zum Erfolg: Die Ausstellung präsentiert zahlreiche Räder des Radsportlers.
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Eine Erinnerung an Ickx’ glorreiche Le-Mans-Zeiten: der Ford GT 40.

Sie führten ein Leben auf der Überholspur: Der eine auf vier Rädern, der andere auf zwei. Aus der gemeinsamen Leidenschaft für den Rennsport wurde eine besondere Freundschaft. 2015 haben die belgische Radsportlegende Eddy Merckx und das rasende Jahrhunderttalent Jacky Ickx gleich doppelten Grund zur Freude: Beide feiern ihren 70. Geburtstag und eine innige Freundschaft, die inzwischen bereits 50 Jahre andauert.

Ein guter Zeitpunkt für eine große Ausstellung über die beiden belgischen Ikonen, haben sich die belgischen Ausstellungsmacher gedacht: Bis zum 21. Juni zeigt das Trade Mart neben dem Atomium in Brüssel daher die interaktive Ausstellung „Eddy Merckx – Jacky Ickx“. Zahlreiche Stücke aus dem Leben der Sportler wurden zu einer eindrucksvollen Schau zusammengetragen und laden den Besucher zum Entdecken ein.

Die Ausstellung empfängt den Besucher zum Einstieg mit einigen Exponaten aus Kindertagen der beiden Sportler: Fotos zeigen den jungen Radsportler Merckx auf seinem ersten Fahrrad. An einem Spielzeugauto von Ickx vorbei gelangt man in den Hauptausstellungsraum, der mit Sportgeräten gefüllt ist.

Rechts stehen die Boliden des Motorsportlers, links die legendären Räder des Flamen: Besondere Blickfänge sind unter anderem ein massiver BMW F270, ein höher gelegter Porsche 959 sowie ein Ford GT 40 aus Ickx’ glorreichen Le-Mans-Zeiten. Auch zu bestaunen sind zahlreiche Stahlrahmen legendärer Hersteller wie Flandria oder Superia, auf denen Merckx während seiner Karriere in die Pedale trat. Nicht fehlen dürfen natürlich das Peugeot-Rennrad, auf dem Merckx 1967 zu seinem ersten Weltmeistertitel fuhr, sowie das Faema, auf dem er zwei Jahre später seine erste Tour de France gewann.

Ganz gleich, welcher Karriere man folgen will, beide werden bis ins Detail dokumentiert: Seltene Ton- und Filmdokumente, interaktive Erlebnisräume und zwei Kurzfilme machen die Ausstellung zu einem multimedialen Erlebnis.

Mit seinen über 500 Siegen gilt Eddy Merckx als erfolgreichster Radprofi aller Zeiten. Er fuhr vom frühen Frühling bis in den späten Herbst Straßenrennen, im Winter setzte er seine Erfolge auf der Bahn und im Gelände fort. Bestes Beispiel für seinen Ehrgeiz ist der alljährliche Saisonauftakt Mailand – San Remo, auch genannt „La Primavera“: Eddy Merckx nahm zehn Mal teil und gewann sieben Mal.

Er triumphierte im Massenspurt ebenso wie im Solo, fuhr seinen Widersachern im Aufstieg zum Poggio oder aber in der folgenden Abfahrt davon. Unter seinen Triumphen finden sich 19 Siege bei den größten Eintagesrennen, den sogenannten Monumenten des Radsports, vier Weltmeistertitel, elf Siege bei den großen Rundfahrten in Frankreich, Italien und Spanien und der unvergessene Stundenweltrekord in der Höhe von Mexiko.

Merckxiaans

Merckx ließ seine Gegner gnadenlos mit ihren Niederlagen alleine und wurde deshalb schon bald „der Kannibale“ genannt. Seine Bedeutung in Belgien untermauert auch der Neologismus „merckxi-aans“. Der Begriff fand während seiner aktiver Zeit Aufnahme in den Wortschatz und wird noch heute als Beschreibung für eine einzigartige Fähigkeit verwendet.

Jacky Ickx lernte auf dem Schoß seines Vaters Jacques hinter dem Steuer eines Triumph aus der Nachkriegszeit das Autofahren. Es sollte der Beginn einer der abwechslungsreichsten und längsten Karrieren der Motorsportgeschichte werden. Ickx sammelte in seiner fast 40-jährigen Laufbahn reihenweise Siege: Zwei Mal wurde er Vizeweltmeister in der Formel 1, konnte acht Grand Prix für sich entscheiden und gewann die legendäre Wüstenrallye Paris – Dakar.

Seine sechs Siege bei den 24 Stunden von Le Mans brachten ihm den Beinamen „Monsieur Le Mans“ ein. Mit unvergleichlicher Leichtigkeit wechselte er die Disziplinen, fuhr Trial, Formel 2, Formel 1, Langstreckenrennen und Rallyes. Ickx überlebte wie durch ein Wunder die dunkelste Zeit des Motorsports, in der hinter nahezu jeder Kurve der Tod lauerte. „Immer wenn ich vor einem Rennwochenende meine Haustüre hinter mir zu zuzog, fragte ich mich, ob ich sie am Sonntagabend wieder öffnen würde“, erinnert er sich heute.

Bonbon der Ausstellung in Brüssel ist ein interaktiver Erlebnisparcours, der sich über mehrere Räume erstreckt. Einer der Erlebnisräume zeigt Merckx’ Rekord-Rad von 1972 und lädt den Besucher dazu ein, auf der Rolle eine Minute lang gegen Merckx anzutreten. Am 25. Oktober 1972 brach er in der Höhe von Mexiko den Stundenweltrekord und fuhr in nur 60 Minuten 49 Kilometer und 431 Meter. Seine Lunge verarbeitete dabei bis zu 160 Liter Sauerstoff pro Minute – ein Mensch im Ruhezustand benötigt gerade einmal zehn bis zwölf. Sein Rekord sollte 28 Jahre lang bestehen.

In einem weiteren Erlebnisraum dürfen die Besucher in einer Reporterkabine Platz nehmen und das Finale eines Radrennens mit Merckx live kommentieren. Hilfreiche Stichworte auf dem Monitor sowie eine kurze Einführung in das Handwerk eines Kommentatoren helfen dabei.

Eindrucksvoll und gleichzeitig beklemmend ist der Raum, in dem Ickx seiner Mitstreiter gedenkt, die die gefährlichen Jahre des Motorsports nicht überlebten. In Leuchtschrift auf dunklem Hintergrund werden für jedes Jahr seiner Karriere die Toten des Motorsports aufgezählt – eine Hommage von einem, dem selbst sehr bewusst ist, dass auch sein Name dort stehen könnte. Denn 1970 war Ickx im spanischen Jarama dem Tod selbst nur knapp entronnen, als sein Ferrari bei einem Zusammenstoß mit Jackie Oliver in Brand geriet. Das Foto, auf dem Ickx im brennenden Rennanzug gelöscht wird, ging um die Welt und darf in der Ausstellung natürlich genauso wenig fehlen wie sein ausgebrannter Helm. Im Rückblick sagt Ickx: „Ich kann heute noch nicht begreifen, dass der Mann, der ich nun bin, derselbe ist, der diese wahnsinnigen Rennen fuhr.“

Der Radsport ist in Belgien Teil der Alltagskultur. Das zeigen auch die zahlreichen „Supporter Cafés“, in denen sich Fans zwischen Radsportmemorabilia zum Bier treffen, um gemeinsam Radsport zu schauen und vor allem darüber zu diskutieren. Die Ausstellung zeigt eines dieser Cafés: Es spiegelt den Zeitgeist der 70er Jahre, an den Wänden hängen Poster von Merckx, Gewinnersträuße und vergoldete Pokale. Aus einem Fenster erblickt der Besucher ein am Café vorbeifahrendes Peloton. Musik aus einer alten Musikbox untermalt die Szenerie mit klassischen Hits. Das Café verdeutlicht die persönliche Beziehung der belgischen Radsportfans zu ihren Helden auf dem Parcours – und in diesem Fall natürlich auch zu Eddy Merckx.

Künstlerisches Highlight und krönender Abschluss der Ausstellung sind zwei Kurzfilme, die der belgische Fotograf Stephan Vanfleteren exklusiv für die Ausstellung gedreht hat. Der 1969 Geborene verzichtet vollkommen auf historische Ton- und Filmdokumente und drehte zwei atmosphärisch dichte, fotografische Filme.

Für Merckx nahm er Bilder in den Dolomiten auf, für Ickx reiste er in die marokkanische Wüste. Zu den schwarz-weißen, aus einem Hubschrauber gefilmten Bildern bizarrer Landschaften sprechen Ickx und Merckx aus dem Off über ihre Leidenschaften: Radfahren in den Bergen und Autorennen in der Wüste.

Tausend Tode

Ein weiteres unterhaltsames Exponat ist ein Interview der beiden Freunde: Während Ickx von den Trainingsfahrten mit Merckx erzählt („Nach 100 Kilometern war ich am Ende und Eddy gerade mal warm!“), schmunzelt Merckx im Video und berichtet von den 100 Toden, die er auf dem Beifahrersitz neben Ickx in Spa-Francorchamps starb.

Die Ausstellung „Merckx – Ickx“ feiert zwei belgische Legenden und nimmt den Besucher mit in die Welt des Rennsports der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Darüber hinaus zeigt sie zwei Menschen, die ihre Freundschaft über die in Belgien immer noch präsente Sprachgrenze hinweg seit vielen Jahrzehnten pflegen. Die Ausstellung ist ein Muss für alle Rad- und Motorsportfans.

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