Königswinter - Auf dem Esel zum Märchenschloss juckeln

Auf dem Esel zum Märchenschloss juckeln

Von: Martin Thull
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Verwunschen und verwinkelt liegt das Anwesen unterhalb des Drachenfelses: Schloss Drachenburg am Rhein lädt die Besucher zu einer Zeitreise ein. Foto: imago/euroluftbild.de
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Tragen Kinder bis 50 Kilogramm in Begleitung eines Erwachsenen hoch bis zu Schloss Drachenburg: diese Esel. Foto: Martin Thull

Königswinter. Wehrhaft wie eine Burg, elegant wie ein Schloss, ehrwürdig wie eine Kathedrale – das Schloss Drachenburg am Rhein unterhalb des Drachenfelses bietet einen Mix aus verschiedenen Stilen, als habe ein Bühnenbauer aus Hollywood dem Architekten von 1882 bis 1884 die Hand geführt. So stellen Kinder sich ein Märchenschloss vor: Verwunschen und verwinkelt. Die Dachlandschaft ist atemberaubend mit Giebeldächern und Ziergauben, mit Turmhelmen und Wehrgängen.

Modell im Untergeschoss

Es fällt nicht leicht, den Überblick zu behalten. Hilfreich ist ein Modell im Untergeschoss, in dem die verschiedenen Nutzungsarten des Schlosses anschaulich gemacht werden. Auf Knopfdruck leuchtet die umlaufende Terrasse oder der Portikus, die Venusterrasse, die Kunsthalle oder der Kernbau mit dem Wohntrakt. Schon diese Bezeichnungen machen deutlich, dass die Schöpfer dieses Gebäudes mehr im Sinn hatten, als einfach nur ein Gebäude zu errichten.

Tatsächlich wollte der Erbauer Baron Stephan von Sarter seinen in Paris an der Börse erworbenen Reichtum präsentieren. Gewohnt hat er in dem riesigen Bau niemals, nur gelegentlich besuchte er Schloss Drachenburg zu gesellschaftlichen Anlässen. Spätere Besitzer hielten es kaum anders, auch Paul Spinat, der letzte „private“ Eigentümer, fuhr zum Wohnen und Schlafen lieber auf die andere Rheinseite nach Bad Godesberg, seinem Lebensmittelpunkt.

Jungeninternat

Heute, nach rund 15 Jahren Restaurationsarbeiten, spiegelt das Schloss die bewegte Geschichte seit seiner Entstehung nicht mehr wider. Nach mehreren privaten Eigentümern, die den Gebäudekomplex zu unterschiedlichsten Zwecken nutzen wollten – Festspieltheater wie Bayreuth, Hotel oder Feriendomizil –, kaufte 1931 der Orden der Christlichen Schulbrüder das Schloss, um ein katholisches Jungeninternat einzurichten. 1938 musste der Orden das Internat wieder schließen.

Eine Adolf Hitler-Schule kam bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in die Räumlichkeiten. Dann nutzte die Eisenbahndirektion Wuppertal das Schloss als Schulungsstätte für ihre Eisenbahn- assistenten. Nach einem Leerstand über rund zehn Jahre, der das Gebäude an den Rand des Abrisses brachte, kaufte der Bad Godesberger Textilfabrikant Paul Spinat den Bau und stattete ihn eher eigenwillig denn denkmalgerecht nach seinem sehr subjektiven Geschmack aus.

Kurz vor dessen Tod nahm das Land Nordrhein-Westfalen sein Vorkaufsrecht wahr und überführte das Gebäude in die NRW-Stiftung. Nach 15 Jahren Renovierung und Rekonstruktion steht Schloss Drachenburg nun wieder der Öffentlichkeit zur Besichtigung offen. Aber nicht nur das – wer will, kann hier heiraten oder andere Feste feiern.

Es fällt nicht leicht, die vielfältigen Eindrücke eines Rundgangs zu schildern. Im Schlafzimmer liegt ein Braunbärfell auf dem Boden, im hellen Gästezimmer ein weißes Eisbärenfell. Im Billardzimmer steht der edle grünbespannte Tisch, als sei gerade eine Partie „Karambolage“ zu Ende gegangen, im kleinen Salon ist der Tisch gedeckt, als wolle die Hausherrin gleich ihre Freundinnen zum Tee empfangen.

Nackte übertüncht

In der Bibliothek liegen aufgeschlagen Folianten unter einem alten Globus. In einem weiteren Raum ist der Tisch festlich mit kostbarem Porzellan gedeckt. Und im Kneipzimmer fragt sich der Besucher, was er mehr bewundern soll: den Ausblick über das Rheintal bis hin – bei gutem Wetter – zum Kölner Dom. Oder die Deckengemälde, an denen sich symbolhaft leicht oder gar nicht bekleidete Damen räkeln. Diese wurden übrigens von den strengen Patres übertüncht, fürchteten sie doch um das Seelenheil ihrer Schützlinge.

Der größte Raum ist die Kunsthalle, die zu Internatszeiten die Kapelle beherbergte, später ein Übungsstellwerk für die Eisenbahner. Heute ist sie lichtdurchflutet, weil die bunten Glasfenster im Krieg zerstört wurden. Wenn man die wenigen erhaltenen betrachtet, kann sich der Besucher vorstellen, wie dunkel und düster nicht nur dieser Raum bliebe, gäbe es noch die Originalverglasung.

All dies erweckt den Eindruck, hier hätten früher Menschen – vielleicht sogar ein König oder eine Prinzessin – gelebt und gegessen, geschlafen und sich die Zeit vertrieben. Der Eindruck führt in die Irre. Tatsächlich wird Leben vorgetäuscht. So hätte es in gutbürgerlichen und wohlhabenden Familien aussehen können. Auf Schloss Drachenburg aber hat es solches Leben nie gegeben. Schöner Schein.

Der museale Charakter wird durchaus eindrucksvoll unterstrichen durch die aufwendig rekons-truierten Strukturtapeten, die Bilder, die wertvollen Möbel, die geschickten Arrangements in den einzelnen Räumen.

Schöne Illusion

Auf die Spitze getrieben wird der schöne Schein im Musikzimmer, dessen Empore die Anmutung einer Orgel vermittelt. Paul Spinat hat diese Kulisse mit Orgelpfeifen anbringen lassen, um seine eigenen oft bizarren Auftritte zu untermalen. Die Führerin erklärt, dass der letzte Besitzer dort oben in Fantasieuniform wie ein Dirigent gestanden hat. Die Musik allerdings kam vom Band. Auch die Holz- decken sind Illusion: Gips und Stuck sind wie Holz bemalt und geformt. Ein Traumschloss auch im wörtlichen Sinne.

Rheinromantik und Kaisertreue

Es muss dem Besucher nicht gefallen. Aber es ist ein Zeugnis seiner Entstehungszeit, als Rhein- romantik und Kaisertreue ihre Hochzeit hatten. Die Vollendung des Kölner Doms 1880 ist in anderer Weise Ausfluss dieser Zeitströmung. Und wenn am Portikus drei Kaiser abgebildet sind, dann soll auch dies eine politische Aussage sein: Julius Cäsar, Kaiser Karl der Große und Kaiser Wilhelm bilden ein Dreieck, das über zwei lebensgroße goldene Hirsche nach Süden ins Rheintal blickt. Und über einen zauberhaften Park mit seltenen Bäumen. Riesenmamutbaum, Blutbuche, Bergahorn oder Silberlinde – die meisten sind beschriftet und erklärt. Wie auch die gesamte Parkanlage mit Terrasse, Hangwiesen, Pleasureground und Parkwald, wohl nach englischem Vorbild. Um aristokratisches Ambiente war man auch hier bemüht. Dabei hatte von Sarter seinen Adelstitel käuflich erworben. Und starb ohne Testament, so dass seine Neffen und Nichten sich um das Erbe stritten.

Reichtum und Lebensart

Das Schloss Drachenburg ist einen Besuch allemal wert, weil es eine Lebensweise vermittelt, die heute schnell als Kitsch abgetan wird. Aber so wie jede Zeit ihre eigene Form des Wohnens entwickelt, die meist mehr ist als nur das Aufstellen und Nutzen von ein paar Möbelstücken, so auch hier. Schloss und Einrichtung dienten der Repräsentation, waren zu ihrer Entstehungszeit eine Demonstration von Reichtum und Lebensart.

Eine Zeitreise

Und so ist der Besuch von Schloss Drachenburg eine Zeitreise. Erst recht, wenn man die Transportmittel hinauf von Königswinter aus mit in den Blick nimmt. Esel tragen kleine Besucher hoch (Kinder bis 50 Kilogramm 10 Euro pro Kind in Begleitung eines Erwachsenen), die historische Zahnradbahn (9 Euro Berg- und Talfahrt; Kinder von 4 bis 13 Jahren 5 Euro, Kinderwagen/Hunde 1 Euro) oder mit der Kutsche (10 Euro pro Person). Zu Fuß geht es natürlich auch, dann benötigt man von der Talstation der Drachenfelsbahn etwa 30 Minuten. Es geht ziemlich steil bergan.

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