Durchblick mit Stolberger Brillen auf Haiti

Von: Laura Beemelmanns
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Hubert Nadenow und Christina Håkansson sammeln gebrauchte Brillen für einen guten Zweck. Foto: L. Beemelmanns
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Nadenow hat sie gesammelt, gereinigt und verpackt. Håkansson bringt sie zur Post und schickt die Pakete zur Hilfsorganisation Haiticare. Foto: L. Beemelmanns
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Mehr als 200 Sehhilfen werden in den kommenden Tagen wieder nach Haiti geschickt, wo diese dringend benötigt werden. Foto: Christina Håkansson

Stolberg. Als Hubert Nadenow einmal im Wartezimmer der Zahnarztpraxis von Christina Håkansson in Stolberg saß, und darauf wartete aufgerufen zu werden, schaute er sich dort ein bisschen um. Sein Blick fiel auf diesen Aushang an der Pinnwand.

„Mit alten Brillen helfen – Sachspendensammlung“, stand dort geschrieben. Ungewöhnlich, schließlich war er beim Zahn- und nicht beim Augenarzt. Aber es war dieser Moment, in dem er den Entschluss fasste, Menschen auf Haiti zu helfen. Nadenow verließ die Praxis dieses Mal nicht nur als Patient, er war jetzt auch ehrenamtlicher Brillensammler, das stand ab diesem Zeitpunkt fest. Zwei Jahre ist das her.

Zunächst fragte der 73-jährige Vichter in seinem Bekanntenkreis nach Brillen, dann bei seinem früheren Arbeitgeber, den Dalli-Werken. Schnell hatte er so über 150 Sehhilfen zusammen. „Wissen Sie was das bedeutet? 150 Menschen haben dadurch eine bessere Lebensqualität“, sagt der Rentner, den das Thema seither nicht mehr loslässt.

20.000 Euro gespendet

Nadenow sammelt auch heute noch Brillen. Anfangs lagerte Zahnärztin Christina Håkansson die gespendeten Brillen in ihrer Praxis, bevor sie nach Haiti geschickt wurden. Sie war es auch, die den Kontakt den Hilfsorganisationen „Haiticare“ und „Brillen ohne Grenzen“, über die die Brillen vermittelt werden, hergestellt hatte.

Im Jahr 2007 reiste sie selbst nach Haiti, fast vier Monate lebte sie auf der Karibikinsel. „Ich habe einen Adoptivsohn aus Haiti und musste noch einige Zeit vor Ort bleiben, als ich ihn abholen wollte“, sagt die 43-Jährige. Dabei lernte sie die Hilfsorganisation kennen, aber auch die Probleme der Menschen und die Armut.

Sie besuchte eine kleine Schule in einem Armenviertel und sah, was die Hilfsorganisation alles auf die Beine gestellt hatte. „Die Schüler werden durch die finanzielle Hilfe der Organisation auch nach der Schulzeit unterstützt und ausgebildet. Sie erlernen Berufe wie Näher oder eben auch Optiker“, sagt Håkansson. Als sie das Land mit ihrem Adoptivsohn verließ, fasste sie den Entschluss, ebenfalls zu helfen.

Sie fragte ihre Patienten, ob sie das alte Gold aus den Zähnen, das nach den jeweiligen Behandlungen nicht mehr benötigt wurde, spenden dürfe. Es willigten so viele ein, dass sie binnen fünf Jahren über 20.000 Euro zusammenhatte. „Haiticare gibt kein Geld für Werbung oder andere Dinge aus, es kommt wirklich an“, sagt sie.

Mit der Sammlung des Zahngoldes sollte aber längst nicht Schluss sein. Håkansson erinnerte sich an die Optiker, die auf Haiti ausgebildet wurden. Und an die Armut. Denn Geld für eine Brille habe dort niemand, sagt sie. Aber auf Haiti gebe es talentierte Optiker, die alte Brillen aufarbeiten können. Und so hat Håkansson den Spendenaufruf für gebrauchte Brillen an ihre Pinnwand geheftet.

Inzwischen hat Hubert Nadenow das Einsammeln der Brillen übernommen. Håkansson verschickt sie und übernimmt das Porto. Aus den 150 Brillen sind mehrere Hundert geworden.

Telefon steht nicht mehr still

Was Nadenow antreibt, immer weiter Brillen zu suchen, kann er ziemlich genau sagen. Denn der Gedanke, morgens aufzuwachen und die Uhr nicht lesen zu können, weil die Augen zu schlecht sind, sei für Nadenow ein Graus.

Er setze dafür einfach jeden Morgen seine Brille auf die Nase. Der Zustand, etwas nicht genau sehen zu können, hält bei ihm also gerade einmal ein paar Sekunden am Morgen an. „Doch stellen Sie sich vor, dieser Zustand begleitet Sie den ganzen Tag“, sagt er. So ungefähr müssen es die Menschen auf Haiti erleben. Nadenow möchte den Ärmsten der Armen dieses Gefühl ersparen. „Wie sollen die Kinder richtig Lesen und Schreiben lernen, wenn sie nichts sehen können?“, fragt der 73-Jährige.

Als dann kürzlich eine Meldung in der Stolberger Zeitung und den Stolberger Nachrichten zu lesen war, dass Nadenow wieder alte Brillen einsammle, stand sein Telefon nicht mehr still. Innerhalb von einem Wochenende hat er über 200 Brillen gesammelt. „Ich saß das ganze Wochenende mit meiner Frau im Auto. Sie hat mich überall hin gefahren, wo ich Brillen abholen konnte“, sagt er.

Dabei erlebe er eine ganze Menge. „Oft sind es Brillen von älteren Menschen. Manches Mal geben Frauen die Brillen ihrer gestorbenen Männer ab und sind traurig“, sagt Nadenow. „Für sie ist es aber auch schön zu wissen, dass sie die Brillen für einen guten Zweck abgeben“, sagt Håkansson.

So sind mit den 50 Brillen, die Nadenow in den vergangenen Monaten bereits gesammelt hatte, denen, die nach der Meldung in unserer Zeitung abgegeben wurden, und einer Spende des Stolberger Augenoptikers Günter Martin Rauchmann wieder rund 500 Brillen zusammengekommen, die bald ihre Reise nach Haiti antreten werden.

„Herr Rauchmann hat alleine drei Kisten mit alten Brillen gespendet“, sagt Nadenow. Und es solle weitere Kooperationen geben. „Ich habe auch mit der Realschule Mausbach Kontakt aufgenommen. Wir überlegen, ob wir eine Art Schülerprojekt auf die Beine stellen können. So nach dem Motto ,Schüler helfen Schülern‘“, fügt er hinzu. Nadenow braucht Verstärkung. Denn die Brillen, die in Stolberg gesammelt werden, werden inzwischen nicht mehr nur nach Haiti geschickt, sondern in die ganze Welt.

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