„Wwoofen“: Die etwas andere Reise

Von: Marie Ludwig
Letzte Aktualisierung:
12661215.jpg
Andreas Dilthey und seine Ziege sind nicht die einzigen, die auf dem Hof im Aachener Norden leben: Bei ihnen zu Gast sind junge Leute, die für Kost und Logie aushelfen. Foto: Marie Ludwig

Aachen. Ein Garten voller kleiner Häuschen, Hängematten und mittendrin, da steht Andreas Dilthey. Andreas ist bestimmt zwei Meter groß, hat Hände, die vom Schaffen sprechen und ist Vater von fünf Kindern. Architekt, Bildhauer, Lehmbauer, Entwicklungshelfer: all diese Titel passen zu Andreas. Seit 34 Jahren lebt er bereits in Vetschau, im Aachener Nord-Westen, und hat sich hier ein außergewöhnliches Idyll geschaffen.

Ein Walnussbaum wächst durch das Dach der Veranda, von der man einen vom Sommerregen geschützten Blick über das Gelände hat. In der Ferne thront Magarete, die Ziege auf ihrem Baumstumpf; unter der üppig blühenden Hortensie igelt ein Hundewelpe umher und ein paar Hühner versuchen sich klammheimlich, einen Weg in die offene Küche zu bahnen.

Neben den Tieren und festen Familienmitgliedern wohnen auch zahlreiche Gäste auf Andreas Hof: die „Wwoofer“. Das Wort kommt aus dem Englischen und steht für „world wide opportunities on organic farms“, also „weltweite Möglichkeiten auf Bio-Bauernhöfen“.

Dilthey erklärt, was seine Gäste bei ihm machen: „Sie arbeiten eine Zeit lang gegen Kost und Logis an den ökologischen Projekten auf dem Hof mit.“ Seit über fünf Jahren nimmt er solche helfenden Gäste bei sich auf.

„Im Moment wohnen hier neun Leute“, sagt Andreas. Miti und Juri aus Rumänien, Andreas aus Berlin, Katrin aus Mannheim, Ina aus der Ukraine und vier Geflüchtete aus Bangladesch. Insgesamt waren schon fast 40 „Wwoofer“ aus aller Welt auf dem Hof.

Katrin (30) studiert eigentlich Bio und Chemie in Mannheim und nutzt ihre Semesterferien für einen dreiwöchigen Ausflug ins Aachener Land. „Ich mache das nun schon zum dritten Mal“, erzählt sie. In Australien hat sie ein Jahr lang ‚gewwooft‘ „und in Portugal war ich mal bei einem Mann, der komplett Aussteiger war“.

Dort habe es nicht mal Warmwasser gegeben. Katrin lacht. Ihre Dreadlocks brauchen zwar nicht jeden Tag eine Dusche, aber auch sie ist froh, dass es auf Andreas Hof auch mal eine Wärmflasche für die doch etwas kälteren Nächte gibt.

Die freiwillige Arbeit auf dem Hof, im Einklang mit der Natur und anderen, ist gerade das, was Katrin so toll findet am „Wwoofen“: „Ich meditiere jetzt nicht mit Eseln, aber das ganzheitliche Konzept hier finde ich toll!“ Denn neben dem Alltäglichen wie dem Versorgen der Tiere oder dem Kochen ist der Hof auch Treffpunkt des Vereins „Afrikamorgen“, der sich unter anderem für die Unterstützung eines Waisenhauses in Ghana und die Errichtung eines Gartens mit Heilkräutern einsetzt.

Das „Wwoof“-Konzept und zahlreiche weitere ehrenamtliche Projekte können nur funktionieren, weil Andreas zusammen mit seiner Frau neben Führungen über den Hof auch Töpfer- und Trommelkurse, Kindergeburtstage und verschiedene Projekte für Schulklassen sowie Eselwanderungen und Kutschfahrten anbietet.

„Vor ein paar Jahren mussten wir entscheiden, wie und ob es weitergehen kann“, erzählt er. Nicht immer einfach, das merkt man auch Andreas an. Aber durch die Vermietung von einigen Schlafmöglichkeiten sei die Lage für den Hof besser geworden.

Mal ist es ein alter Bauwagen, der für Gäste kuschelig hergerichtet wurde, mal ein selbstgebautes Ein-Raum-Häuschen. Andreas hat hier alles – auch die Fachwerkhäuser – selbst gebaut. „Das Haus hier“, Andreas deutet auf ein weißgetünchtes Häuschen mit verschnörkeltem Terrassenvorbau, „habe ich mit einem Gemisch aus Molke, Kalk und Quark angestrichen.“

Außerdem entsteht gerade aus zwei Weidenbaum-Tipis die Grundlage für ein Honeymoon-Baumhaus. Das alles klingt total abgefahren, aber Andreas weiß, was er da tut.

1977 kam er nach Aachen, um Architektur zu studieren. „Mein Opa hat mich im Studium unterstützt“, erzählt Andreas. Mit dem Geld hat er sich dann das Land in Vetschau gekauft und machte hier schon während des Studiums erste Lehmbauerfahrungen.

Nebenbei arbeitete er am Lehrstuhl für Plastik und Bildhauerei der RWTH Aachen und war 18 Jahre als Architekt und Bildhauer in der Kirchenausstattung und Renovierung in der Region unterwegs. Noch heute findet man seine Arbeiten zum Beispiel in der Kirche St. Gereon in Köln.

Doch diese Arbeit wurde schließlich durch eine neue Art von Projekten abgelöst: „Ich wurde für ein Projekt im Kongo angefragt und durfte dort in ganz anderen Maßstäben arbeiten.“ Eine Fläche von zehn Quadratkilometern standen Andreas für die Planung eines Areals zur Verfügung.

Doch wie baut man in einem Gebiet, wo der Transport von Baurohstoffen schwierig ist? Andreas stampft mit dem Fuß auf. „Nutze die Dinge, auf denen du stehst.“ Humus, Lehm, Sand – all diese Rohstoffe seien zum Beispiel auf seinem Hof zu finden. Das zu nutzen, was man schon hat, ist eine seiner Lebensphilosophien.

Autonom sein, so weit wie es geht, das will Andreas vermitteln. Denn insbesondere in armen Gegenden hat er Korruption kennengelernt: „In Projekten im Kongo oder in Afghanistan habe ich das immer wieder gemerkt: Man muss den Bedürftigen direkt helfen.“ Um gut zu leben, brauche man vier Dinge: „Ein Dach überm Kopf, Kleidung, Versorgung mit Nahrung und Wasser und Energie.“

Andreas streicht mit einer Hand eine seiner Konzeptmappen auf und zeigt auf ein Konzept, das an ein Mandala erinnert. Andreas’ Projekte haben nicht nur einen pragmatischen und ökologischen Charakter, sondern auch einen Anspruch an Ästhetik.

Weltfremd ist er jedoch nicht. Obwohl er die Kraft von Heilpflanzen kennt und unterstützt, macht er deutlich, dass es auch Krankheiten gibt, die nur ein Arzt beheben kann. Andreas gehört nicht in die Schublade: „Schöngeist und überesoterisch“.

Auch „Selbstversorger“ passt nicht; dafür trinkt er zu gerne Kaffee. Und Schokolade, die isst er auch. „Es geht mir einfach darum eine Gemeinschaft zu erschaffen, in der ein harmonisches, sinnerfülltes Leben im Einklang mit der Natur möglich wird“, sagt er.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert