Wir Hier packt an: Ein Tag als Goldschmied

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Aachen. Das Sägeblatt ist gerissen. Schon wieder. Ich lege ein neues ein und lehne mich nun zum fünften Mal in Folge mit meinem Körpergewicht gegen den Holzgriff der Laubsäge, drücke sie gegen die Werkbank und will die Schrauben festziehen.

Das ist nötig, um genügend Spannung auf die Säge zu bekommen. Mein Stuhl rutscht ein wenig. Mit den Füßen versuche ich Halt zu gewinnen. „Soll ich dir helfen?“, fragt Dina de Hesselle. Ich blicke schräg über meine Schulter zu ihr hoch – ob sie genervt ist, von mir und der Laubsäge? Dann rutscht der Stuhl weg.

An diesem Tag sitze ich in der Galerie Punkt in Aachen. Dina, die mir mit einem freundlichen Lächeln über die Schulter guckt, macht hier im dritten Lehrjahr ihre Ausbildung zur Goldschmiedin. Sie zeigt mir, wie aus einem Stück Metall ein eleganter Ring wird. Zumindest insoweit, wie man das in ein paar Stunden über die Herstellung von Schmuckstücken vermitteln kann. Das Wort Schmied entfaltet in der Galerie trotz der Arbeit mit den edelsten Metallen seine Bedeutung: geradezu archaisch sägt, glüht und hämmert Dina hier fast täglich. Mit feinerem Werkzeug, als jenem, das man aus Dokumentationen über das Mittelalter kennt, aber das Grundprinzip bleibt das gleiche.

Mein Stuhl und ich prallen gegen die Zimmerwand, die zum Glück nicht so weit von der Bank entfernt ist, dass ich falle. Typisch Tollpatsch, denke ich. Die Säge habe ich noch in der Hand, das Sägeblatt wiederum liegt auf dem Boden. Eben hatte Dina mir noch gesagt, wie gut ich mich anstelle. Dass normalerweise am Anfang öfter das Sägeblatt reißt – und geradezu mit diesen Worten begann auch meine Pechsträhne.

Der Ring, dessen Grundlagen Dina mir erläutert, wird in der Regel in zwei Tagen hergestellt. „Es ist ein Mantelring, der ist innen hohl. Deshalb dauert er besonders lange“, erklärt sie und zeigt bei einem fertigen Modell auf die Öffnung, die das Silber unter dem gefassten Stein hat. „Ich hab es gerne etwas kompliziert“, gibt sie zu.

Die Ausbildung zum Goldschmied dauert dreieinhalb Jahre. Dina wollte etwas Kreatives machen. Die Arbeit mit Feuer und Hammer faszinierte sie so sehr, dass sie ein Praktikum machte und schließlich in die Lehre ging. Zimperlich sein darf man in diesem Beruf nicht. Besonders, wenn es ums Geld geht. In ihrem ersten Lehrjahr erhielt die 20-Jährige 220 Euro im Monat – gerade genug, um das AVV-Monatsticket zu zahlen, mit dem die Eschweilerin täglich zur Arbeit und an zwei Tagen in der Woche auch in die Berufsschule in Köln kommt. „Das geht nur, weil ich noch bei meinen Eltern wohne“, gesteht Dina.

In einem ersten Schritt haben wir die Maße der „Abwicklung“, sozusagen des Mantels des Rings, auf ein Transparent gezeichnet, ausgeschnitten und wie eine Schablone auf eine Messingplatte geklebt. Denn mit Gold oder Silber fängt ein Lehrling eben nicht an – schon gar nicht ein Anfänger, wie ich es bin. Anschließend wird die Form ausgesägt. Mit einer Laubsäge. Der Trick dabei: die Säge immer ganz durchziehen und nur wenig Druck ausüben. Sonst reißt das Sägeblatt.

In dem Geschäft in der Aachener Altstadt steht eine große Werkbank, an der vier Arbeitsplätze eingerichtet sind. Neben Gold und Silber findet man darauf Fluor als Gussmittel zum Löten, Kohle als Lötunterlage, Wasser zum Ablöschen und Bindedraht. Zusätzlich steht an drei der Arbeitsplätze jeweils ein Bunsenbrenner auf kleiner Flamme bereit. Einer gehört Dina. Je einer ihren Chefs. Der vierte Arbeitsplatz, an dem ich sitze, ist für die Arbeiten mit Messing reserviert. „Die Gold und Silberreste sollen nicht mit jenen des weitaus günstigeren Metalls vermischt werden. Sie werden recycelt“, sagt Dina.

Messing leuchtet grün, wenn es erhitzt wird

Und Reste gibt es viele: Nachdem ich die Mantelform ausgesägt habe, werden die scharfen Kanten mit einer Feile abgeflacht und glänzend geschliffen. Gefühlt Tausende winzige glitzernde Splitter fallen in einen unter dem Arbeitsplatz gespannten Lederschurz. Wenn alle Kanten schön glänzen, wird die eigentliche Schmiedekunst in Angriff genommen. Um das Messing zum Glühen zu bringen, bläst Dina über ein Mundstück in einen Schlauch, der mit dem Bunsenbrenner verbunden ist – sie erhöht damit die Temperatur der einst kleinen, kaum sichtbaren Flamme genug, um die Metalle zu erhitzen. „Messing leuchtet bei der richtigen Temperatur grün“, sagt Dina. Bei Platin etwa müsse man für das Erhitzen eine Schutzbrille tragen. „Das leuchtet weiß und so hell, dass es die Augen verblitzen kann.“ Augen verblitzen, das ist eine Schweißerkrankheit, sozusagen ein Sonnenbrand auf der Hornhaut. Dina lässt den Messing-Ringmantel, den sie mit einer Zange gerade noch in die Flamme gehalten hat, kurz abkühlen. Dann drückt sie mir einen Hammer in die Hand.

Der vierte und vielleicht langwierigste Schritt bei der Ringherstellung ist das Hämmern. Dabei wird mit einem Hammer immer wieder auf dieselbe Stelle der Abwicklung geschlagen. Das Metall verformt sich dadurch, es hebt sich an den Enden leicht ab, bildet fast schon automatisch die Rundung. Fast, denn es verformt sich sehr langsam. „Man muss immer wieder nachglühen, wenn das Metall zu stark abgekühlt ist“, sagt Dina. Weiter kommen wir an diesem Tag nicht.

Auf ihrem Exemplar, dem Ringmantel aus Silber, wird sie am kommenden Tag weiter herumhämmern, bis es schließlich rund ist und sie die Enden um die Steinfassung löten kann. Dann ist ein Großteil der Arbeit getan. Ich muss mich mit einem leicht gebogenen und etwas schiefen Metallstück zufrieden geben. „Nicht schlecht für den Anfang!“, lobt Dina. Tragen kann man es noch nicht, denke ich mir – leicht ernüchtert über meine romantische Vorstellung, dass ich vielleicht ein selbsterarbeitetes Schmuckstück hätte mit nach Hause nehmen können. Naima Wolfsperger

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