Wenn aus Krieg dann ganz plötzlich doch noch Freiheit wird

Von: Sonja Essers
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Trotz Niederlagen: Motiviert zu bleiben ist nicht immer einfach. Das wissen Ibraheam Souleman und seine Freundin Marilen Esch. Foto: Sonja Essers

Region. „Es tut mir leid, dass ein Flüchtling so etwas gemacht hat“, sagt Ibraheam Souleman und sein Blick richtet sich langsam nach unten. Der 28-Jährige spricht vom Attentat in Berlin, bei dem kurz vor Weihnachten ein junger Mann aus Tunesien mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge raste und zwölf Menschen tötete.

Auch Ibraheam Souleman ist ein Flüchtling. Seine Heimat ist Syrien, doch dort herrschen Krieg und Gewalt, und so entschied er sich vor rund zweieinhalb Jahren zu fliehen. „In Syrien hätte ich nur zwei Möglichkeiten gehabt: Entweder ich hätte Leute getötet oder ich wäre selbst getötet worden“, sagt er. „Ich bin traurig, dass ich mein Land verlassen musste, aber ich konnte dort einfach nicht mehr leben.“

Mittlerweile wohnt Ibraheam Souleman in Eschweiler, er hat einen Deutschkurs im Level B2 absolviert, einen Teilzeitjob als Küchenhilfe gefunden und sich in die 28-jährige Marilen Esch verliebt, mit der er seit einem halben Jahr zusammenlebt. Eigentlich könnte Ibraheam Souleman mit seinem Leben zufrieden sein. Doch der junge Syrer will mehr. „Ich kann in Deutschland nicht in meinem Beruf arbeiten, das akzeptiere ich, aber es macht mich trotzdem traurig“, sagt er. In Syrien war Ibraheam Souleman Groß- und Einzelhandelskaufmann in der Logistik, sammelte bei internationalen Unternehmen wie Coca Cola eine Menge Erfahrung und durchlief alle Stationen der Firmen – vom Lager bis hin zum Marketing. Eine Stelle in Deutschland zu bekommen, scheint jedoch nahezu unmöglich zu sein, sagt er.

„Es muss gar nicht direkt ein Job sein, aber ein Praktikum wäre schon super. Diese Chance kommt aber einfach nicht“, sagt er. In den vergangenen Tagen hat er erneut zahlreiche Bewerbungen an große deutsche Unternehmen geschickt. Einige Rückmeldungen stehen noch aus. Eine Situation, die ihn und seine Freundin belastet. „Ich versuche ihn immer wieder zu motivieren und sage ihm, dass auch wir Deutsche viele Bewerbungen schreiben müssen, bis es vielleicht irgendwann einmal klappt. Aber manchmal ist es schon sehr frustrierend“, sagt Marilen Esch.

Frustrierend können auch die Kommentare von Mitmenschen sein. „Klar gibt es viele Vorurteile und seitdem wir zusammen sind, bekomme ich viel zu hören“, sagt Marilen Esch. „Die Leute fragen mich, wie ich nur mit einem Muslim zusammen sein könne und wo ich mein Kopftuch gelassen hätte“, sagt sie. Die beiden jungen Erwachsenen versuchen Anfeindungen dieser Art zu ignorieren. „Natürlich habe ich auch etwas von meiner Kultur mitgebracht, als ich nach Deutschland gekommen bin, aber Deutschland ist meine zweite Heimat und Eschweiler ist ein Teil von mir, deshalb möchte ich auch so sein wie die Menschen, die hier leben“, sagt Ibraheam Souleman.

Deutsch sprechen und lesen kann der Syrer mittlerweile gut. Weitere Sprachkurse sollen folgen. Für Menschen, die nach Deutschland kommen und sich auf die „faule Haut“ legen, hat er kein Verständnis. „Ich kenne viele, die nach Deutschland wollen, weil sie denken, dass sie hier das Paradies bekommen – ohne dafür etwas tun zu müssen. Ich finde es nicht fair, wenn jemand von Steuergeldern lebt“, sagt er.

Doch es gebe auch andere. Menschen, die wie er ein Ziel vor Augen hätten, dieses aber nicht erreichen würden. „Ich habe viele Ärzte, Anwälte und Lehrer kennengelernt, die auch hier leben, aber nicht den Beruf ausüben können, den sie eigentlich gelernt haben“, sagt Ibraheam Souleman.

Der 28-Jährige ist trotzdem dankbar. „ich werde weiterhin für meine Ziele kämpfen“, sagt er. Unterstützt wird er dabei nicht nur von seiner Freundin. Es gibt jedoch auch Tage, an denen Ibraheam Souleman an seine Zeit in Syrien denkt. „Die Rebellen dort kämpfen nicht für Essen, sondern für politische Freiheit und Meinungsfreiheit. Wir wollen, dass unser Land so wird wie Europa“, sagt er.

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