Um 12.53 Uhr setzt der letzte Zug den Gegner schachmatt

Von: Annika Kasties
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Schach
Kein langes Nachdenken nötig: Jorden van Foreest von Aufwärts Aachen besiegt souverän seinen Gegner. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Es gibt viele Methoden, eine Schachpartie schnell zu beenden. Ein glückliches Händchen, eine überlegene Taktik – oder die Freundin, die jeden Spielzug vom Zuschauerraum aus beobachtet und schon in wenigen Stunden mit der Bahn zurück nach Frankfurt fahren muss. Bei Jorden van Foreest treffen alle drei Punkte zu, die größte Motivation liefert aber vermutlich letzterer.

Es ist 12.30 Uhr. In der Aula des Einhard-Gymnasiums in Aachen sind 16 Tische aufgebaut, umrahmt von 32 gelb gepolsterten Stühlen. Rot-weißes Flatterband, man kennt es von Polizeieinsätzen, trennt sie vom Rest des Raums ab. Und van Foreest sitzt im abgesperrten Bereich und denkt nach. Eine kleine Flasche Orangensaft zur rechten, ein Namensschild zur linken Seite. Der Schriftzug: „GM Jorden van Foreest. Elo: 2614“. Die Elo-Zahl gibt die Spielstärke eines Schachspielers an. GM steht für Großmeister. Es ist der höchste vom Weltschachbund (Fide) verliehene Titel für Turnierschachspieler.


Ein großes Schachtalent ist van Foreest allemal. Im Sommer gewann er den niederländischen Meistertitel. Mit 17 Jahren. Der Denksport liegt ihm sozusagen im Blut. Schon sein Ur-Ur-Großvater gewann die Schachmeisterschaft in den Niederlanden. Das war 1889, 127 Jahre bevor Jorden van Foreest nachzog. Doch van Foreest starrt nicht seit zweieinhalb Stunden auf schwarz-weiße Felder, um der Familientradition gerecht zu werden. Er will an Brett drei dazu beitragen, dass sein Verein DJK Aufwärts Aachen den 6. Spieltag gegen den Hamburger SK in der ersten Schachbundesliga gewinnt.


Für den Aufsteiger ist das Ereignis eine Premiere. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte richtet Aufwärts Aachen einen Doppelspieltag in der „stärksten Schachliga der Welt“ aus, wie sich die Liga auf ihrer Internetseite ganz bescheiden selbst einstuft. Für Peter Jansen, Mannschaftsführer der 1. Mannschaft, verlangte dies einiges an Organisation. Im Spiellokal des Vereins konnten sie den Spieltag nicht mehr ausrichten. „Wir brauchen in der 1. Bundesliga mindestens 300 Quadratmeter Fläche, einen Analyseraum, Catering“, sagt Jansen. Nicht zu vergessen elektronische Schachbretter, mit denen die ausgeführten Züge direkt ins Internet übertragen werden. „Dort gucken etwa 10 000 Leute zu“, so Jansen.


Von besonderem Interesse ist an diesem Sonntag – offline wie online – die Partie an Brett eins. Dort sitzt für Aachen zum ersten Mal in dieser Saison der Peruaner Julio Granda Zuniga. Der Großmeister gelte in der Szene als „bester Naturspieler“, sagt Jansen. Anders als viele seiner Konkurrenten bereite er sich selten mit Computerprogrammen auf seine Gegner vor. Der 49-Jährige spiele mehr aus dem Bauch heraus. Am Tag zuvor, in der Partie gegen Werder Bremen, ließ ihn ebenjenes Bauchgefühl jedoch im Stich.

Unter Zeitdruck unterlief Granda Zuniga gegen Alexander Areshchenko ein Fehler. „Ich hätte gewinnen können, doch ich geriet unter Zeitdruck und habe den entsprechenden Spielzug einfach nicht gesehen“, analysierte Granda Zuniga seine Niederlage am Tag darauf. Gegen Hamburg soll es anders ausgehen. Nicht nur für den Peruaner, sondern auch für Aufwärts Aachen. Denn gegen Werder Bremen verlor das Team 3:5. Einzig Ilja Zaragatski (Brett sieben) setzte sich gegen seinen Gegner durch. Drei Partien wurden verloren, die restlichen endeten remis.

Während Granda Zuniga und van Foreest in der Aula noch über ihrem nächsten Zug brüten und ihnen einige Zuschauer dabei schweigend zuschauen, geht es im Foyer des Einhard-Gymnasiums lauter zu. Während in der einen Ecke ganz amateurhaft Schach gespielt wird, sitzen Christian Braun und Zaragatski vor einem Laptop und analysieren die Partien der Ligaspieler. Auf zwei Leinwänden sind die Positionen jeder Spielfigur zu sehen. Jeder Spielzug wird live übertragen. „Wäre nicht C 7 eine Möglichkeit?“, fragt ein Mann in die Runde. Zaragatski bewegt mit dem Cursor die digitale Schachfigur und erläutert die Optionen.

Diese sehen für Jorden van Foreest gut aus. Um 12.53 Uhr steht das Ergebnis fest: Der Niederländer setzt seinen Gegner schachmatt. Es ist ein vergleichsweise schneller Sieg. Eine Schachpartie dauert mitunter sechs, sieben Stunden. Bei van Foreest sind es meist drei bis vier. Seine Erklärung: „Ich kann nicht so lange nachdenken.“ Peter Jansens Erklärung: „Er ist taktisch so gut, er muss es auch nicht.“


Keine Stunde später ist klar: Granda Zuniga kann seine Niederlage am Tag zuvor mit einem Sieg ausgleichen. Damit führt Aachen 2:0. Fünf Remis und eine Niederlage später steht das Ergebnis fest. Aachen schlägt Hamburg 4,5:3,5. Und klettert mit vier Mannschaftspunkten und 21,5 Brettpunkten vom Abstiegsplatz auf Rang 11 von 16 Teams. Ein erfolgreicher Tag für den Verein. Nur Jorden van Foreest hat ein Ziel nicht erreicht. Denn seine Freundin musste um 13 Uhr schon wieder weg.

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