Schauspieler als Beruf: Traum oder Alptraum?

Von: Katharina Menne
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Ob Bösewicht, verliebter Held, netter Junge von nebenan oder Psychopath: Norman Nowotko ist sehr wandlungsfähig. Doch Engagements zu bekommen, ist nicht leicht. Foto: Katharina Menne
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Ob Bösewicht, verliebter Held, netter Junge von nebenan oder Psychopath: Norman Nowotko ist sehr wandlungsfähig. Doch Engagements zu bekommen, ist nicht leicht. Foto: Katharina Menne
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Ob Bösewicht, verliebter Held, netter Junge von nebenan oder Psychopath: Norman Nowotko ist sehr wandlungsfähig. Doch Engagements zu bekommen, ist nicht leicht. Foto: Katharina Menne

Aachen. Norman Nowotko redet gerne und viel. Wenn er spricht, wippen seine Augenbrauen auf und ab. Manchmal runzelt er die Stirn. Die klaren, blauen Augen blicken wach und interessiert. Das ganze Gesicht lebt. Ab und zu gestikuliert er wild. Norman Nowotko ist Schauspieler. Seine Mimik und Gestik sind sein Kapital.

Vor nicht ganz zwei Jahren hat er seine vierjährige Bühnenausbildung an der privaten Theaterschule Aachen beendet. Seitdem hält sich der 28-Jährige mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Letztes Jahr tourte er mit einem Musical durch Deutschland. Ab und zu wird er für Krimi-Dinner gebucht. Zurzeit kümmert er sich hauptberuflich ein- bis zweimal in der Woche um einen körperlich behinderten Studenten. „Feste Engagements sind in der Branche sehr selten“, sagt er. Dementsprechend selten sei auch ein festes Gehalt. Oder überhaupt eine angemessene Bezahlung. An manchen Theatern erhält man 85 Euro pro Vorstellung abzüglich Steuern, selbst an größeren Theatern steigt ein Jungschauspieler mit einem Monatsgehalt von gerade einmal 1700 Euro brutto ein. Wie soll man davon leben, geschweige denn irgendwann einmal eine Familie ernähren?

„Ich würde keinem, der zu Existenzängsten neigt, raten, Schauspieler zu werden“, sagt er. Dazu sei der Job zu unsicher. Manchmal verdiene er 400 Euro am Tag, dann wieder sechs Monate gar nichts. „Der Spruch von der brotlosen Kunst kommt nicht von ungefähr.“ Man müsse sich schon sehr sicher sein, dass man es wirklich will, um auch Durststrecken zu überstehen.

Dabei hatte er sich nach dem Abitur erst mal für ein „vernünftiges“ Studium entschieden. Jura sollte es sein. Damit er gutes Geld verdient. Und geregelte Arbeitszeiten hat. So zumindest hatten es ihm seine Eltern nahegelegt. „Aber damit ich etwas durchziehe und motiviert bin, muss ich Lust darauf haben. Und die fehlte mir schon nach kurzer Zeit“, sagt er rückblickend. Er wurde immer lustloser und immer schlechter. Bis er das Studium schließlich schmiss. Der Wunsch, Schauspieler zu werden, war zu groß. Die Entscheidung, es durchzuziehen, traf er allen Widerständen zum Trotz.

Er bezog sein altes Zimmer im Haus seiner Eltern in Aachen und bewarb sich an der Theaterschule. Wenige Tage später wurde er zum Vorsprechen eingeladen – und angenommen. „Ich habe mit meinen Monologen aus Hamlet sowie Leonce und Lena überzeugen können und durch meine lockere und entspannte Art.“ Er sei sehr formbar und gut darin, das umzusetzen, was der Regisseur von ihm verlangt. Ein Pluspunkt. Andererseits fällt er dadurch nicht sofort auf. Er ist nicht der verrückte Künstler, der seinen eigenen Kopf durchsetzen will.

Ein richtiges Theaterstudium verlangt den Teilnehmern viel ab. Es ist eine Vollzeitausbildung. Nach den ersten Semestern, in denen sie sich hauptsächlich mit sich selbst, ihren Erlebnissen und ihrem Improvisationstalent auseinandersetzen, folgen Rollenarbeit und Szenenstudium. Auch Ballettstunden gehören dazu. Genauso wie Pilates, Gesangsunterricht und Kostümkunde. Selbst Betriebswirtschaft darf nicht fehlen. „Wir werden schließlich auf ein Leben in der Realität vorbereitet.“ Und die ist hart.

Doch manchmal kommt sowieso alles anders, als man denkt: Noch während seiner Ausbildung verliebte er sich. In Caroline. Die beiden heirateten und bekamen eine Tochter. Doch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist im Schauspielalltag nicht vorgesehen. „Es gibt Menschen, die machen das komplett für die Kunst und opfern sich auf, aber mir ist meine Familie sehr wichtig“, sagt er. Will man richtig Karriere machen, müsse man flexibel sein, viel reisen, ununterbrochen an sich arbeiten und soziale Kontakte zurückstellen, sagt er.

Wie geht seine Frau mit der Situation um? „Ich bin hin- und hergerissen, ob ich ihm wünschen soll, erfolgreicher zu sein. Jedes Engagement bedeutet für mich und unsere Tochter, dass er weg ist“, sagt sie. Zurzeit stemmt sie das Haupteinkommen alleine. „Aber ich weiß natürlich, wie sehr Norman in seinem Job aufgeht, wenn er eine Rolle bekommt. Deshalb ist es wichtig, dass ich ihm die Freiheit gebe, sich so zu entwickeln, wie er möchte.“ Und Norman Nowotko bereut seine Entscheidung nicht – weder die, sein Studium abgebrochen, noch die, eine Familie gegründet zu haben. „Keine Sekunde“, sagt er.

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