Region - Leben als Minimalist

Leben als Minimalist

Von: Annika Thee
Letzte Aktualisierung:
15864573.jpg
Mit jedem Buch bröckelt die Entschlossenheit: Im Bücherregal fällt das Aussortieren besondern schwer. Foto: Annika Thee

Region. Die Gier nach mehr Besitz, größeren Häusern und dem neusten Smartphone gilt in unserer Gesellschaft weitgehend als normales Verhalten. Kilometerlangen Schlangen vor den Apple-Stores und Massenschlägereien am Black Friday in den USA zeigen, was geschieht, wenn Konsum zur höchsten Maxime wird.

Glücklicherweise gibt es zu jedem Trend auch eine Gegenbewegung. In diesem Fall ist es der Minimalismus, der predigt, dass nicht der Konsum die Menschen glücklich macht, sondern Selbstbestimmung, Achtsamkeit und das Lösen von materiellen Gegenständen. Hunderte Ratgeber, Blogs und Youtube-Kanäle geben Tipps, wie das Leben nachhaltiger, umweltfreundlicher und sinnstiftender gestaltet werden kann.

Was könnte passender sein, als zur Weihnachtszeit einen Selbstversuch zu wagen? Abgeschreckt davon, dass die Menschen jedes Jahr mehr Geld für Geschenke ausgeben, die nach Weihnachten in irgendwelchen Ecken landen und verstauben, will ich sehen, was hinter dem Trend zum Minimalismus steckt. Einmal an einem minimalistischen Standard angekommen, geht es darum, nur zu kaufen, was man wirklich benötigt. Davor muss aber die Wohnung entrümpelt werden.

Dabei soll mir das Buch der japanischen Lebensberaterin Marie Kondo helfen. Ihr Werk „The Life-Changing Magic of Tidying-Up“ (Die lebensverändernde Magie des Aufräumens) gilt als Anfänger-Bibel der Minimalisten. Eine einzige Frage soll helfen, sich von überflüssigem Besitz zu trennen. Man nimmt jeden Gegenstand in seiner Wohnung in die Hand und fragt sich „Does this item spark joy?“ (Bringt mir dieser Gegenstand Freude?).

Die Idee klingt ebenso einfach wie genial. Auch ich bin manchmal unzufrieden, wenn ich in meine Wohnung komme und denke: „Ziemlich viel Zeug, brauche ich das wirklich alles?“ Ein Befreiungsschlag ist nötig. Ab jetzt wird ausgemistet. Michael Klumb, Minimalismus-Experte und Autor des Blogs „Minimalismus leben“ wird mir dabei helfen. Doch statt konkreter Handlungsanweisungen ist der erste Tipp ernüchternd. „Seit Minimalismus zum Trend geworden ist, kriegt man an jeder Ecke einen Tipp zum Ausmisten. Wichtig ist, dass du einen Weg findest, der zu dir passt“, sagt Michael.

Ich versuche es erstmal mit Marie Kondos Methode. Schnell merke ich, dass man besonders zwei Dinge braucht, wenn man entrümpeln will: viel Zeit und einen guten Staubsauger. Ich beginne im Badezimmer. Wer hängt schon an der Anti-Falten-Maske, die er mal beim Wichteln bekommen hat? Weg damit! Schnell habe ich einen ganzen Müllsack voll angebrochener Cremes, komisch riechender Duschgels, alter Kosmetik-Spiegel und einzelner Ohrringe zusammen, zu denen der Partner fehlt. Entgegen meiner Erwartung überkommt mich eine richtige Euphorie beim Wegwerfen und Aussortieren.

Die nächste Baustelle ist der Schreibtisch. Ich reiße den Müllsack wieder auf. Ich habe mehr Post-its, als ich in diesem Leben jemals aufbrauchen kann. Also werfe ich bis auf ein Päckchen alle weg. Das Gleiche gilt für Textmarker, Tackerklammern und Schnellhefter, die sich über die Jahre angesammelt haben. Ein letzter prüfender Blick: ganz schön leer im Vergleich zu vorher. Der neue Look gefällt mir, und ich fühle mich tatsächlich befreit. Ich glaube, mit dem neuen Lebensstil könnte ich mich anfreunden.

Ich will den neu gewonnenen Elan nutzen und suche mir die nächste Aufgabe. „Sorry. Mitgehangen, mitgefangen“, sage ich, als ich mich im Flur auf den Boden hocke, um die Kiste mit Leinen, Halsbändern und Hundespielzeug auszuräumen. Ich halte dem Hund ein Halsband hin, das er vielleicht zweimal getragen hat. Er schnüffelt kurz daran, dreht sich um und geht wieder schlafen. „No joy“, denke ich und packe es in eine Tüte fürs Tierheim.

„Du bist nicht dein Bücherregal“

Aus Kleider- und Schuhschrank sortiere ich zwei große Säcke für die Kleiderkammer aus. Dann kommt der Bereich, vor dem ich Angst habe. „Du bist nicht dein Bücherregal“, hat Michael gesagt. „Recht hat er“, denke ich und betrete entschlossen das Wohnzimmer. Buch für Buch lege ich in eine Kiste, die nachher an die Gemeinde gehen soll.

Mit jedem Buch bröckelt meine Entschlossenheit. Ich nehme jedes einzeln in die Hand, denke daran, wann ich zuletzt darin gelesen habe – im Urlaub, im Elternhaus, das längst verkauft ist, im Studentenwohnheim, in meiner Lieblings-WG. Ich blättere die Seiten durch, Lesezeichen fallen mir entgegen und kleine Notizzettel von fast vergessenen Freunden. „Vielen Dank fürs Ausleihen, alles Liebe, Eva“.

Ich halte kurz inne. Eva habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. „Das Buch kann weg, aber der Zettel bleibt“, denke ich mir und atme tief ein. „Ich brauche keinen Gegenstand, der mich daran erinnert, wie mein Leben war“, hat Michael gesagt. Was beim Gespräch mit ihm noch logisch klang, ist in der Umsetzung gar nicht leicht. Das nächste Buch kommt in die Kiste.

Nach fünf Minuten ist die Bücherkiste voll, und ich selbst habe einen Kloß im Hals. Werde ich mich wirklich besser fühlen, wenn die Bücher aussortiert sind? Werde ich sie vermissen, obwohl ich sie jahrelang nicht mehr in der Hand hatte? Zögerlich nehme ich wieder ein paar Bücher aus der Kiste und stelle sie fast beschämt zurück ins Regal.

Das befreiende Gefühl beim Aussortieren, das mich eben noch motiviert hat, fehlt diesmal völlig. Viel zu schön sind die Erinnerungen, die an jedem Buch hängen. Minimalistisch ist das sicher nicht, schließlich geht es darum, materiellen Dingen weniger ideellen Wert zuzuschreiben. Aber die Bücher in meinem Regal stehen zu haben, bringt mir Freude. „Marie Kondo dürfte also nichts dagegen haben“, denke ich und räume meine heiß geliebten Bücher wieder ins Regal.

Ich minimalisiere mich lieber woanders. Mein nächstes Ziel ist das DVD-Regal. Einen Laptop mit DVD-Fach habe ich schon lange nicht mehr. Das Entrümpeln müsste sich da doch von selbst erledigen, oder? Nach meinem Fiasko mit dem Bücherregal bin ich mir nicht mehr so sicher. Selbstoptimierung ist gar nicht so einfach, denn ich hänge ich sehr an Dingen, auf die wahre Minimalisten so leicht verzichten können.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert