Aachen - K.o.-Tropfen im Glas: Wenn sich nur die Seele erinnert

K.o.-Tropfen im Glas: Wenn sich nur die Seele erinnert

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
K.o.-Tropfen
Beim Feiern sollte man Getränke nicht unbeaufsichtigt lassen. Foto: imago/AFLO

Aachen. Den Namen der Band weiß Laura nicht mehr, nur noch, dass die Musiker Indie-Rock gespielt hätten. Die Details sind in der Erinnerung der Aachener Studentin verblasst, wie so vieles an jenem Abend in dem Kölner Club. Und zwar nicht, weil sie und ihre Freundinnen bei dem Konzert zu viel getrunken hätten. Sondern, weil ihr vermutlich K.o.-Tropfen ins Getränk gemischt wurden.

Zwei bis drei kleine Gläser Kölsch habe sie getrunken, mehr nicht, versichert die heute 25-Jährige. Nicht genug, um „ausgeknockt“ zu werden. Und doch fragt sie sich manchmal, ob sie in dem Club etwas falsch gemacht hat.

Schuld und Scham, diese Emotionen spielen beim Thema K.o.-Tropfen eine große Rolle. Und das, obwohl der Schuldige immer derjenige ist, der die Tropfen ins Getränk mischt. „Ich fühlte mich total betrunken. Mir war schwindelig und schlecht“, erinnert sich Laura, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, an jenen Abend vor sechs Jahren. Als spontan ihr Freund dazugestoßen sei, habe sie ihn nicht einmal erkannt. Auf ihr ungewöhnliches Verhalten aufmerksam geworden, setzte er sie ins Taxi und fuhr mit ihr nach Hause. „Ich hatte Glück“, sagt Laura. Wer weiß, was sonst passiert wäre.

Mit dem „was wäre wenn“ kennt sich Monika Bulin bestens aus. Nur, dass es bei ihr meist nicht mehr um hypothetische Gedankenspiele, sondern um handfeste Übergriffe geht. Die Sozialarbeiterin ist seit Mitte der 80er Jahre beim Frauennotruf Aachen tätig und berät vergewaltigte Frauen und Mädchen. „Als 2004 die ersten Fälle in unserer Beratung waren, wussten wir gar nicht, was K.o.-Tropfen sind“, sagt Bulin.

Es gibt kaum Zahlen, die belegen, wie häufig Übergriffe mit Hilfe von K.o.-Tropfen vorkommen. „Straftaten, bei denen K.o.-Tropfen zur Durchsetzung des kriminellen Zweckes eingesetzt werden, lassen sich über eine Recherche in polizeilichen Datenbankanwendungen nicht feststellen“, teilte ein Sprecher des Landeskriminalamtes NRW auf Anfrage unserer Zeitung mit. Das liegt daran, dass der Begriff K.o.-Tropfen unspezifisch ist.

Er umfasst viele Substanzen, die eine betäubende Wirkung haben. Am häufigsten verwendet wird Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB), auch Liquid Ecstasy genannt, oder dessen Vorläufersubstanz GBL, ein Lösungsmittel, das für zahlreiche chemische und pharmazeutische Prozesse benötigt wird. Die strafrechtliche Verfolgung ist schwierig, denn die Wirkstoffe sind nur bis zu zwölf Stunden nachweisbar. Bis die Betroffenen wieder zu sich kommen und realisieren, was mit ihnen passiert ist, vergeht oft deutlich mehr Zeit. Auch bei Laura war es nicht mehr möglich, den Wirkstoff nachzuweisen. Die Ungewissheit bleibt.

In einer internen Statistik dokumentieren die Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs Aachen seit 2006 Fälle von Betroffenen. Seitdem haben sich 161 Frauen (Stand November) mit den Verdacht gemeldet, dass ihnen ohne ihr Wissen K.o.-Tropfen verabreicht wurden; das sind zwischen zehn und zwölf Fälle im Jahr. Doch das sei nur die „Spitze des Eisbergs“, vermutet Bulin. In jeder Schulklasse, mit der sie über das Thema spreche, kenne jemand Betroffene, und zwar nicht nur Frauen.

Dabei sei die Wirkung von GHB und GBL gerade für Außenstehende schwer von einem Alkoholrausch zu unterscheiden. Anders als es die Bezeichnung suggeriert, bewirken K.o.-Tropfen nicht zwangsläufig Benommenheit. „Was viele Menschen nicht wissen, ist, dass auch stark sexualisiertes und aggressives Verhalten Symptome von K.o.-Tropfen sein können.“

Entscheidend sei die Dosierung. Mit Alkohol gemischt seien die Wirkstoffe unkalkulierbar, mitunter sogar lebensgefährlich, erläutert Bulin. „Die Täter nehmen das billigend in Kauf. So liege es vor allem an Freunden, bei Verdachtsfällen einzugreifen und die Betroffenen nicht allein zu lassen. „Auf das Glas aufzupassen, ist sinnvoll“, sagt die Sozialarbeiterin. Eine Garantie sei es jedoch nicht. Ein flüchtiges Anrempeln sei für Täter ausreichend, um unbeobachtet Tropfen ins Glas mischen zu können. Bulins Rat: Wer zusammen feiert, geht auch zusammen nach Hause.

Bei Laura hat das funktioniert. Welche traumatischen Folgen es haben kann, wenn Frauen weniger Glück haben, erlebt Bulin in ihrer Beratung. Dass sich viele ihre Klientinnen im Nachhinein nicht an den sexuellen Übergriff erinnern können, sei dabei Fluch und Segen zugleich. „Einige Frauen sagen, dass sie froh sind, dass ihnen diese Erinnerung fehlt“, berichtet sie. „Andere leiden darunter und sind verunsichert. Schließlich könnten sie dem Täter auf der Straße begegnen, ohne es zu wissen.“

Eine psychologische Beratung empfiehlt sie allen Frauen, die Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sind – egal ob mit oder ohne Erinnerung. Denn: „Die Psyche reagiert oft so, als würde sie sich erinnern.“ Wichtig ist dann, den Betroffenen dabei zu helfen, das Gefühl von Kontrolle zurückzuerlangen. Und ihnen das Gefühl von Scham und Schuld zu nehmen.

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