Jobtausch: Ein Friseur mit zwei linken Händen

Von: Tyrone Schwark
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Volontär Tyrone Schwark geht in die Lehre bei Meriban Avci. Sie macht eine Ausbildung zur Friseurin. Foto: Laura Laermann
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Volontärin Sonja Essers geht in die Lehre bei Marcel Zschiederich. Er macht eine Ausbildung zum Bäcker. Foto: Wolfsperger

Stolberg. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie man einen Friseurbesuch genießen kann. Für mich persönlich ist er nur ein Muss – alle paar Wochen bin ich froh, wenn ich so schnell wie möglich wieder gehen kann und für die nächsten Wochen meine Ruhe habe. Schon gar nicht könnte ich mir vorstellen, einen komplett neuen Berufsweg einzuschlagen.

Dafür habe ich bereits zu viel in Studium, Praktika und der Suche nach einer Festanstellung investiert. Meriban Avci traf eine schwierige Entscheidung: ihren Beruf als Laborantin aufgeben. Sie entschied sich für eine Umschulung. In eine Branche, die nichts mit ihrer eigentlichen, wissenschaftlichen Arbeit zu tun hat, sondern handwerkliches Geschick verlangt – zur Friseurin.

Entscheidend für Meriban war die Aussicht auf eine bessere Übereinkunft zwischen Beruf und Privatleben. „Ich habe eine siebenjährige Tochter. Vorher arbeitete ich von früh morgens bis spät abends. Meine Arbeitszeiten passen jetzt viel besser ins Familienleben.“

Seit sie diesen Entschluss gefasst hat sind mittlerweile zwei Jahre vergangen. Heute ist Meriban froh. „Ich habe keine einzige Sekunde bereut“, sagt die 36-Jährige. Vor dem Abschluss ihrer Friseur-Ausbildung trennt sie nur noch eine praktische Prüfung im Januar. Am liebsten wäre ihr, wenn sie die Prüfung bereits morgen ablegen könnte. Denn Angst vor dem Scheitern auf der Zielgraden hat sie nicht. „Prüfungsangst hat man in meinem Alter nicht mehr“, sagt sie scherzhaft. Doch sie weiß auch: „Nicht viele trauen sich eine freiwillige Umschulung zu.“

Obwohl sie selbst anfänglich einige Bedenken hatte, würde sie jedem, der unzufrieden in seinem Beruf ist, raten, sich darüber zu informieren. „Die einzige Voraussetzung ist die nötige Unterstützung von der Familie“, sagt Meriban.

„Und eine passende Zukunftsidee.“ Die hat Meriban im Stolberger Friseursalon „Hairfleur“ gefunden. Und dort zeigt sie mir, worauf es in ihrem neuen Beruf ankommt. Dass die Kunden von Meriban und ihren Kollegen ihre Arbeit zu schätzen wissen, erkenne ich bereits bei meiner Ankunft. Um neun Uhr beginnt hier der Arbeitstag, und dann stehen schon die ersten Kunden vor der Tür.

Meriban hat sich extra keine Termine für den Vormittag meines Besuchs genommen. „Damit ich dir viel zeigen kann.“ Dass es am Ende gar nicht so viel sein wird, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Doch bevor ich mir den Friseur-Umhang überziehe, erzählt mir Meriban was das Wichtigste in diesem Beruf ist: Professionalität. „Wenn Kunden merken, dass du dein Handwerk nicht zu hundert Prozent verstehst, dann kommen sie auch nicht wieder. Oder auch, wenn etwas nicht vernünftig sauber ist. Da achten wir sehr stark drauf.“ Gerade als Friseur sei dies besonders wichtig, um sich von der Konkurrenz abheben zu können – sogar noch viel wichtiger als die Lage.

Warum ich kein guter Friseur wäre, das zeigt sich direkt bei Meribans erster Aufgabe für mich: sogenannte „Boxer Braids“ flechten. Eine Aufgabe, für die Meriban circa zehn Minuten brauchen würde. Für mich ist das bereits eine Zerreißprobe. Als „Versuchsobjekt“ holt Meriban die Tochter der Chefin, Jasmin, auf den Frisierstuhl. „Das ist besser, als mit einer Styling-Puppe zu arbeiten.“ Ob das auch stimmt? Meine größte Sorge in dem Moment ist, meiner ersten „Kundin“ nicht allzu viele Haare beim Flechten herauszuziehen. Gekonnt zeigt mir Meriban die Handgriffe für die Trendfrisur des letzten Jahres. Bei mir sieht der Zopf, der von vielen Sportlerinnen wegen seiner Robustheit genutzt wird, eher wie ein Haarknoten aus. Immer wieder fallen mir die Strähnen beim Versuch, sie korrekt zu verzwirbeln, aus der Hand – bis Meriban Nachsehen mit mir hat. „Ich glaube du musst das noch etwas üben, aber das ist normal.“ Ich merke, dass mir noch die nötige Routine fehlt, gerade bei solchen feinen Handgriffen, die besonderes Geschick verlangen. „Andere Sachen, wie das Schneiden von Haaren, sollten wir besser auf einen anderen Tag legen“, sagt Meriban und lacht. Jasmin nickt nur bedächtig mit dem Kopf.

Auch wenn Meriban mir nicht viel beibringen konnte, habe ich gesehen, warum sie die schwierige Entscheidung getroffen hat, eine Umschulung zu durchlaufen. Sie hat eine positive Art an sich, die fast ansteckend ist. Ihr nächstes Ziel ist eine dermatologische Spezialisierung. Das heißt, sie möchte nicht nur als „normale“ Friseurin arbeiten, sondern ein Komplettpaket anbieten: von Haare schneiden bis zur Beratung der Hautpflege. „Man muss schließlich auch mit der Zeit gehen.“

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