Jobtausch: Bestatter brauchen Fingerspitzengefühl und Muskelkraft

Von: Annika Thee
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Volontärin Annika Thee begleitet Sabine Steinberg, die eine Ausbildung als Be- stattungsfachkraft absolviert. Foto: Kubat
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In der Kirche erzählt Sabine Steinberg von besonders emotionalen Momenten. Foto: Kubat
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Der Aufbau der Dekoration für die anstehende Urnenbestattung ist zentimetergenau geplant. Foto: I. Kubat
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Sabine Steinberg erklärt Volontärin Annika Thee, wie eine Urnenbestattung abläuft. Foto: I. Kubat

Gangelt. Volontärin Annika Thee begleitet für unsere Serie „Jobtausch: Wir Hier packt an“ die Auszubildende Sabine Steinberg, die eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft absolviert. In ihrem Beruf wird sie häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Doch Bestatter sein heißt viel mehr, als nur Beerdigungen zu arrangieren und sich um den Leichnam zu kümmern.

Beim Anblick der Urne atme ich erleichtert auf. Einen leblosen Körper werde ich heute nicht sehen, denn auf dem Terminplan steht eine Urnenbestattung. Der Gedanke daran, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit am nächsten Tag einen toten Menschen zu Gesicht bekäme, ließ mich am Abend vorher nicht schlafen, denn einen Leichnam habe ich noch nie gesehen.

Weil ich mich mit dieser Angst konfrontieren wollte, hatte ich mich dazu entschlossen, einen Tag lang Sabine Steinberg zu begleiten. Die 47-Jährige arbeitet als Auszubildende zur Bestattungsfachkraft im Bestattungshaus Otten in Gangelt-Birgden.

Bevor es an die Arbeit geht, erzählt sie mir in der Geschäftsstelle von dem Moment, an dem sie das erste Mal einen toten Menschen sah. „Man sieht sofort, dass dieser Mensch nicht mehr lebt. Nicht ohne Grund sprechen wir von ‚Verstorbenen‘. Sie sind ‚Etwas an sich‘“, versucht sie ihr Erlebnis zu beschreiben. Ihr fehlen offenbar die Worte, vielleicht auch, weil es keinen sprachlichen Ausdruck für das gibt, was sie damals fühlte.

Sabine Steinberg hat ihr halbes Berufsleben bereits hinter sich. Schon immer hat sie gerne mit Menschen gearbeitet, ob in der Gastronomie oder im Einzelhandel. Vor zwei Jahren entschied sie sich für einen beruflichen Neuanfang. Der Grund für die Wahl dieses außergewöhnlichen Berufs war für sie eine einschneidende persönliche Erfahrung: Sie ärgerte sich über die Beisetzung ihres ersten Freundes und einiger Familienmitglieder. „Die Beerdigungen sind der Persönlichkeit der Verstorbenen überhaupt nicht gerecht geworden“, beschreibt sie ihre Motivation, es selbst besser machen zu wollen.

Es überrascht mich, wie vielfältig die Arbeit als Bestatter ist. Einige Institute produzieren die Särge noch selber und heben die Gräber aus. Hinzu kommt die hygienische Versorgung der Toten, das Überführen ins Krematorium, die Aufbahrung sowie die Planung und Durchführung der Beerdigung. Sabine Steinberg kommt dabei ganz schön ins Schwitzen. „Man ist immer falsch angezogen. Die gute Kleidung wird häufig schmutzig und man muss improvisieren, bevor man in die Kirche geht oder Angehörige besucht“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern jenen Aspekt, der sie am meisten an dem Job stört. Dass der Beruf körperlich und emotional fordernd ist, hat sie ebensowenig abgeschreckt, wie die ständige Bereitschaft eines Bestatters, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Neben der körperlich anstrengenden Tätigkeit wartet viel Büroarbeit auf die Auszubildende, denn ein Bestatter kümmert sich auch um die Kündigung der Rente und die Beantragung der Sterbeurkunde und des Grabs. „Die Büroarbeit macht etwa 70 meiner Arbeitszeit aus“, erklärt Sabine Steinberg. Hinzu kommen die Gestaltung der eigentlichen Trauerfeier sowie das Verfassen der Trauerrede.

Wir laden Urne, Trauerkarten, Dekoration und ein Bild der Gestorbenen in den Leichenwagen. Ich zögere kurz, bevor ich neben der Auszubildenden im Auto Platz nehme, um zur Kirche zu fahren. Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass normalerweise ein Leichnam nur ein paar Zentimeter hinter meinen Schultern liegt. Erst durch diese Situation bemerke ich, wie sehr ich mich bisher unbewusst von dem Thema Tod distanziert habe. Dabei ist doch klar, dass ich, genau wie Sabine Steinberg und jeder andere Mensch, sterben werde und dass mein Leichnam in einem solchen Wagen liegen wird, einige Zentimeter entfernt von einem Bestatter, der sich um meinen Körper und – noch viel wichtiger – um meine Angehörigen kümmern wird.

In der Kirche angekommen beginnen wir, die Dekoration für die Beerdigung aufzubauen. Jede Kirche hat ihre eigenen speziellen Vorgaben, wie die Kerzenständer, die Urne oder der Sarg, die Blumen und das Kreuz aufgestellt werden. Dieser Teil unserer Arbeit ist klar strukturiert und damit das genaue Gegenteil von dem, was die Auszubildende mir über den emotionalen Aspekt ihrer Arbeit verrät, während wir die Kerzen in ihre Halterung stecken und schwarze Leinentücher um die Kerzenständer wickeln.

Die Trauerbegleitung der Hinterbliebenen fordert sehr viel Fingerspitzengefühl. „Eine gute Menschenkenntnis ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Bestatter haben muss“, sagt die Aus-zubildende, als sie die Urne auf dem dafür vorgesehenen Podest platziert. „In den ersten zehn Minuten muss ich einschätzen, wie viel Abstand oder Nähe die Angehörigen benötigen.“ Aber auch Sabine Steinberg muss für sich lernen, mit der Trauer, mit der sie täglich konfrontiert wird, umzugehen, ohne an ihr zu zerbrechen. „Es gibt Bestatter, die zynisch werden und sich vor der Welt verschließen und es gibt solche, die an der Trauer zugrunde gehen“, erklärt sie. „Ich bin erst im zweiten Lehrjahr. Die richtige Strategie für den Umgang mit dem emotionalen Stress muss ich für mich erst noch herausfinden“, gibt sie zu. Ab und an, sagt sie, würde ihr bei Beerdigungen auch mal eine Träne übers Gesicht laufen. „Bestatter sind ja auch nur Menschen“, sagt ihr Ausbilder Peter Heinrich dann zu ihr.

Ich bewundere, wie offen Sabine Steinberg mit dem Thema Tod umgeht. „Ich weiß das Leben sehr viel mehr zu schätzen, weil ich jeden Tag sehe, wie schnell es vorbei sein kann“, sagt sie bedacht, aber mit Entschlossenheit. Entgegen meiner Erwartungen gehe ich nicht mit einem betroffenen, sondern einem befreienden Gefühl nach Hause. Ich habe gelernt, dass die Konfrontation mit Tod und Trauer nicht negativ und bedrückend sein muss, sondern vielmehr zutiefst menschlich und natürlich ist und man an der Trauer nicht zerbricht, wenn man die Angst vor dem Tod gegen den Mut zum Leben tauscht.

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