„Ich bin ein Sklave meiner Freiheit“

Von: Carsten Rose
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Aachen. Die Studentin Imen El Amouri, 23, ist den Jakobsweg gegangen – alleine. In 35 Tagen hat sie gut 900 Kilometer zurückgelegt. Ihre Jugend in Tunesien hat sie auf der Reise oft eingeholt: Freiheit war damals ein Fremdwort für sie.

WirHier: Warum bist Du den Jakobsweg gegangen?

Imen El Amouri: Ich habe versucht, während des Laufens herauszufinden, warum ich das mache. Ich reise gerne, vor allem alleine, mache gerne Sport. Dazu kommt der psychische Aspekt. In meinem ersten Studienjahr in Aachen war einfach sehr, sehr viel los. Uni, sehr viel Engagement für den Asta in der Flüchtlingsarbeit, für das internationale Studierendenwerk AEGEE, dann hatte ich eine Band. Es war so viel los, ich hatte keine Zeit mehr, mal zu reflektieren. Ich wollte über mein Studium und mein Leben in Deutschland nachdenken. Ich musste neue Menschen kennenlernen, deren Erfahrungen hören. Wie gehen andere mit Druck um und mit den Strukturen, in denen wir leben?

WirHier: Wie war Dein Verhältnis zu anderen Pilgern?

Imen: Ich bin immer um 5.30 Uhr im Dunkeln alleine gestartet, wollte nicht mit den Massen anfangen. Da eigentlich jeder die gleiche Route hat, trifft man sich aber in den Herbergen immer wieder. Deswegen heißt der Jakobsweg auch Camino de la Familia (Anm. d. Red.: Weg der Familie), ich habe Finisterre – das heißt auf Deutsch Ende der Welt – im Nordwesten Spaniens mit Menschen erreicht, die ich irgendwie kannte. Du hast die Leute 35 Tage gesehen, du kennst ihre Geschichten. Auf so einer Pilgerreise geht es nicht um Smalltalk. Jeder sagt dir ins Gesicht, was seine Sorgen sind. Es geht um den Kern. Es steckt immer ein tieferer Sinn dahinter, wenn man sich entscheidet, 900 Kilometer zu laufen.

WirHier: Fiel es Dir schwer, von Deinen Sorgen zu erzählen?

Imen: Tatsächlich gar nicht. Hier in Deutschland ist es eher der Fall, früher mehr als heute jedenfalls. Wenn man die richtigen Leute um sich hat, wird man sich auch öffnen. Auf dem Jakobsweg vereinen sich Menschen mit einer ähnlichen Einstellung, in Aachen brauchte ich Zeit, um diese Menschen zu finden.

WirHier: Hast Du Dich auch neu kennengelernt?

Imen: Insbesondere meine „Baustellen“ wurden automatisch offengelegt. Du bist unter neuen Menschen. Du bist nicht in Aachen, wo du immer dieselbe Struktur hast und wo du deinen Charakter nicht mehr großartig bewegen brauchst. Die Reise hat in mir Dinge geweckt, von denen ich nicht wusste, dass sie da sind oder dass sie so stark sind.

WirHier: Zum Beispiel?

Imen: Mein Streben nach Unabhängigkeit ist viel zu stark, das hat mit meiner Jugend in Tunesien zu tun. Auf der Reise habe ich oft gemerkt, dass ich mir gesagt habe: Ich gehe jetzt einfach. Immer, wenn sich eine Gruppe geformt hat, die meine Freiheit eingeschränkt hat, dann bin ich weggelaufen. Und das ist hier in Deutschland genauso. Ich habe auch gemerkt: Vor lauter Streben nach und Angst vor dem Verlust meiner Freiheit, mache ich mich nicht mehr frei. Ich bin irgendwie ein Sklave meiner eigenen Freiheit.

WirHier: Was genau meinst Du mit Deiner „Jugend in Tunesien“ bezogen auf die Unabhängigkeit?

Imen: Ich komme aus einer großen muslimischen Familie. Wir wurden konservativ-traditionell erzogen. Mir wurde früh eingetrichtert, dass man als Frau nie frei ist. Sobald man aus dem Familienhaus raus ist, geht’s ins Haus des Ehemanns – und der wird kein Freigeist sein, der mich alleine reisen lässt. Als Kind war ich immer sehr frustriert, weil mein älterer Bruder raus durfte in die Männer-Cafés. Das hat Neid und das Gefühl hinterlassen, dass ich irgendwann ausbrechen werde. Dann hatte ich irgendwann diese Freiheit und wollte sie ab da an nur. Meine Eltern sind immer noch nicht glücklich mit dem, was ich mache.

WirHier: Was haben sie dazu gesagt, dass Du alleine gewandert bist? Als Frau.

Imen: Nicht viel. Ich habe ihnen auch keinen Raum gelassen, ich konfrontiere sie nur noch mit Tatsachen.

WirHier: Hast Du andere muslimisch-erzogene Pilger, insbesondere Frauen, getroffen?

Imen: Keinen einzigen aus dem arabischen Raum.

WirHier: Der Jakobsweg ist ja ursprünglich eine Pilgerreise für Christen.

Imen: Ich habe niemanden getroffen, der gesagt hat, dass er praktizierender Christ ist. Alle hatten andere Gründe, warum sie laufen. Ich habe mich gefreut, dass mich niemand auf meine Herkunft angesprochen hat und meinte, dass der Jakobsweg ja einen christlichen Hintergrund hat.

WirHier: In vielen Herbergen gibt es Weltkarten, auf denen man sein Herkunftsland absteckt.

Imen: Ich hatte eigentlich immer die Ehre, die erste aus Tunesien zu sein. Deutschland war immer schon belegt.

WirHier: Und wenn Deutschland mal frei gewesen wäre?

Imen: Ich hätte Tunesien genommen. Ich habe beim Wandern gemerkt, dass ich mich in Deutschland von Tunesien distanziert habe. Die Reise hat mich ein bisschen zurückgeführt.

WirHier: Wie meinst Du das?

Imen: Ich habe auf der Reise akzeptiert, dass Tunesien ein Teil von mir ist. Ich habe in einem internationalen Umfeld bemerkt, dass ich sowohl deutsches als auch tunesisches Kulturgut besitze.

WirHier: Waren Dir Facebook und Instagram wichtig, um von Deiner Reise zu erzählen?

Imen: Ja, aber ich habe erst spät angefangen – am 28. Tag. Ich wollte mich bewusst von der virtuellen Welt trennen. Dann habe ich gemerkt, dass ich vielleicht ein Publikum habe, das sich vom Reisen inspiriert fühlen könnte. Ich habe so viel erlebt, und das ist nichts, das speziell für mich gemacht ist. Es ist kein Privileg, das nur für mich sein sollte. Ich wollte auch Gedanken loswerden. Ich schreibe gerne.

WirHier: Hast Du negative Erfahrungen gemacht?

Imen: Ja. Schmerzen. Irgendwann humpelt man nur noch. Aber die negativen Dinge geraten in den Hintergrund, wie zum Beispiel die letzten 100 Kilometer. Die sind überfüllt, weil man ab da die Urkunde bekommt. Man hat nicht mehr seine Ruhe, alles ist kommerzialisiert, du kannst keinen Meter gehen, ohne sprichwörtlich auf einen anderen Pilger zu treten. Und du hast dort oft Schulklassen vor dir: 30 Teenager mit lauter Musik.

WirHier: Die Du in dem Moment gerne . . .

Imen: (lacht) Ja – weil du 800 Kilometer hinter dir hast. Dazu habe ich auch etwas gepostet: Ein älterer Mann hat mir zu dieser Situation gesagt, dass es einfach nur auf den Fokus ankommt. Man kann sich aufregen – oder einfach woanders hingucken und genießen Carsten Rose

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