Aachen - Hochbegabung: Schlauer als die anderen

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Hochbegabung: Schlauer als die anderen

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
George Mörsdorf
George Mörsdorf muss sich den Klausurstoff nur einmal angucken, dann ist alles in seinem Kopf. Neben seinem Maschinenbaustudium studiert er noch Theologie in Bonn. Foto: Katharina Menne

Aachen . George Mörsdorf weiß viel. Und er denkt viel – mehr als andere Menschen. Der Student hat einen Intelligenzquotienten über 130 und gilt damit als hochbegabt. Hier erzählt er, was das für ihn und sein Leben bedeutet.

Hochbegabte, das sind doch die, die im stillen Kämmerchen sitzen und die Weltformel lösen. Sie werden in der Schule Streber genannt, überspringen mehrere Klassen und werden mit Mitte 20 Professor. Oder nicht? George Mörsdorf wollte so nie sein. „Klar, weiß ich, dass mir Lernen leichter fällt als anderen“, sagt er. „Aber mir war es immer wichtig, nicht als Nerd wahrgenommen zu werden.“ Der 20-Jährige hat einen IQ von über 130. Nur etwa zwei Prozent der Weltbevölkerung erreichen diesen Wert.

Schon mit sechs Jahren hat er Harry Potter gelesen, mit sieben die Quadratzahlen bis 100² aufgeschrieben. „Weil ich es faszinierend fand, wie sich der Abstand zwischen den Zahlen entwickelt“, sagt er. Er beherrscht neben Deutsch, Englisch und Französisch auch Latein, Altgriechisch und Hebräisch. Sein Abitur hat er im Alter von 16 Jahren mit einem Schnitt von 1,0 bestanden – rein rechnerisch war es sogar eine 0,8. Seit 2014 studiert er Maschinenbau an der RWTH Aachen.

Die verbreitete Vorstellung, dass Hochbegabte komische Leute sein müssten, hat ihn schon immer gestört. „Es gibt ja das Klischee vom problematischen Hochbegabten, der verhaltensauffällig ist und andere Kinder tyrannisiert oder den Unterricht stört“, sagt er. „Aber so war ich nie. Ich war in meiner Kindheit eher schüchtern und introvertiert.“ Ein Internat für besonders begabte Kinder, wie es ihm seine Mutter mal vorschlug, ist deshalb nie für ihn in Frage gekommen. „Ich habe immer sehr schnell Heimweh bekommen und wollte nie lange weg sein von meiner Familie.“

Diplom-Psychologin Kathrin Hoberg rät sogar ausdrücklich von einer solchen Separierung ab. „Hochbegabte Kinder wollen meist gar keine Klasse überspringen oder ins Internat“, sagt die Expertin vom Sozialpädiatrischen Zentrum der Uniklinik Aachen. „Sie wollen meist einfach ihren eigenen Interessen nachgehen können.“

Völlig falsch sei das Bild, das die Gesellschaft von Hochbegabten hat. „Intelligente Menschen sind weder unsportlich noch sozial inkompetent“, sagt sie. Es sei eher das genaue Gegenteil der Fall. „Hochbegabte können meist fast alles gut. Das ist ja das Besondere.“

So ist es auch bei George Mörsdorf. Weil ihm Lernen Spaß macht und er sich den Klausurstoff meist nur einmal kurz vorher nochmal angucken muss, hat er viel Zeit für andere Dinge. Er spielt gerne Fußball, ist Fan vom 1. FC Köln, spielt Klavier und engagiert sich in der Hochschulpolitik. „Ich möchte meine Begabung möglichst so nutzen, dass ich anderen Menschen damit helfe“, sagt er.

Schachclub oder Schüleruni

Deshalb hat er seine Intelligenz auch irgendwann als Chance für sich selbst begriffen. „Ich fand‘s schade, die alten Sprachen und mein Interesse an Geschichte im Studium ganz zurückzustellen“, sagt er. Deswegen studiert er neben seinem Maschinenbaustudium in Aachen Theologie in Bonn. Auf den Geschmack gekommen ist er durch ein Schülerstudium. „Das ist eine tolle Möglichkeit, um schlaue Kinder früh zu fördern“, sagt er. Lehrer kümmerten sich meist nur um die, die drohen sitzenzubleiben. Die Guten bekämen weniger Aufmerksamkeit.

Ein Problem, das auch Kathrin Hoberg sieht. „Lehrer dürfen sich nicht nur um die lernschwachen Kinder kümmern“, sagt sie. „ Auch die Guten brauchen individuelle Förderung, sonst fühlen sie sich übergangen.“ Da seien auch die Eltern gefordert.

„Wenn hochbegabte Kinder tatsächlich Input benötigen, den Sie in der Schule nicht ausreichend bekommen, sollten sie in ihrer Freizeit in den Schachclub gehen, ein Instrument lernen oder an Mathe-Wettbewerben teilnehmen“, sagt sie. Probleme machten nur die, die unter ihren Möglichkeiten bleiben und unzufrieden sind.

Weil George Mörsdorf in der achten Klasse nur Einsen auf dem Zeugnis hatte und eine Lehrerin den Eindruck hatte, sein Lernbedürfnis nicht stillen zu können, überzeugte seine Mutter ihn davon, eine Klasse zu überspringen. Eigentlich sollte er schon in der Grundschule von der zweiten in die vierte Klasse wechseln. Doch weil er es so schlimm fand, von seinen Freunden getrennt zu sein, blieb er lieber.

„Der IQ geht ja nicht verloren, wenn die Kinder nicht überspringen“, sagt Kathrin Hoberg. Wichtiger sei, dass die Kinder das Lernen lernen – für die Momente, in denen es mal nicht rund läuft. Und dass sie lernen, auch mit Schwierigkeiten umzugehen. „Manchmal tut es ihnen gut, mal etwas machen zu müssen, was sie nicht so gut können oder ihnen nicht gefällt.“

Und auch, wenn seine Hochbegabung George Mörsdorf viel ermöglicht: „Es macht schon alles schwieriger, wenn man so viel nachdenkt und immer alles kritisch hinterfragt. Andere sind mit weniger Nachdenken häufig irgendwie glücklicher“, sagt er. In solchen Momenten versucht er aber nach vorne zu schauen und freut sich dann aufs Fußballspielen oder auf Zeit mit Freunden.

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