Aachen - Fragen kann man üben, aber die Schrift lügt nicht

Fragen kann man üben, aber die Schrift lügt nicht

Von: Jessica Küppers
Letzte Aktualisierung:
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Die Handschrift verkommt: Viele Kinder und Jugendliche entwickeln keine individuelle Schrift mehr, weil sie oft digital schreiben. Das hat nicht nur zur Folge, dass sie zunehmend einheitlicher aussieht, sondern wirkt sich Experten zu Folge auch auf die Lernfähigkeit aus. Foto: dpa
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Deutung der Schrift: Eva Schaffmann aus Aachen hat graphologische Gutachten für eine Baufirma erstellt. Foto: jkü

Aachen. Während des Interviews schweift der Blick von Eva Schaffmann immer wieder auf meinen Block. In üblicher Sauklaue schreibe ich ihre Worte mit: Hier ein Schlenker nach oben, dort einer nach unten und ab und zu ein Punkt. Soweit nichts Besonderes.

 Obwohl ich das schon unzählige Male gemacht habe, fühle ich mich an diesem Morgen ungewöhnlich unwohl. Die 79-jährige Aachenerin ist nämlich keine normale Gesprächspartnerin. Sie war viele Jahre als Graphologin, also Schriftpsychologin, tätig und weiß schon nach wenigen Absätzen mehr über mich, als mir lieb ist.

„Die Hand ist nur das ausführende Organ“, erklärt sie. Achtsam schaut sie mich an, während ich ihre Worte notiere. Gesteuert werde man vom Kopf, sagt sie. Form und Aussehen des Geschriebenen entstehen unbewusst und verraten daher viel über den Menschen, der die Linien auf das Papier gezogen hat. Entscheidend für die Auswertung seien unter anderem Kriterien wie die Größe der Worte, Richtung der Buchstaben und der Druck, den man auf den Stift ausübt. Ich schreibe sehr groß. „Etwas großes ist nicht zu übersehen“, sagt Schaffmann und schaut flüchtig auf das Papier. Jemand, der eine große Schrift habe, sei meist sehr präsent.

Ebenso sei es bei dem SPD-Politiker Helmut Schmidt gewesen, dessen Schrift sie schon einmal gesehen hat. Vollkommen anders bei Kanzlerin Angela Merkel, von der ich eine Schriftprobe im Internet gefunden und zur Analyse mitgebracht habe. Ihre Schrift ist klein, ordentlich und besteht aus sogenannten Girlanden. „Das passt“, sagt Schaffmann. Die Kanzlerin sei eine ordentliche, brave Person, die eigentlich nicht so gerne im Mittelpunkt stehe. „Wenn sie den Auftritt liebte, würde sie sich auch sicherlich anders kleiden“, scherzt die Seniorin, während sie die Schriftprobe betrachtet. Die geraden Buchstaben, die sich in keine Richtung neigen, deuten darauf hin, dass sie erst denkt und dann handelt.

Schrift von Roger Willemsen

Neigen sich Buchstaben eines Schreibers nach rechts, hätten die Autoren des Textes meist eine positive Einstellung und seien neugierig. Personen, die ihre Buchstaben nach links kippen ließen, hätten meist schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht. Ein klassisches Beispiel dafür sei der Autor Roger Willemsen, der auch düstere Themen wie den Suizid thematisierte.

Ich werfe einen kurzer Blick auf meinen Block und sehe gerade Buchstaben. Erst denken, dann reden. Nächste Frage: Wofür wird die Deutung der Schrift gebraucht?

„Heute ist Graphologie nicht mehr so interessant“, sagt Schaffmann. Das liege daran, dass kaum jemand noch handschriftlich schreibt. Bewerbungen, Gutachten, selbst Einkaufszettel werden heute meist auf der Tastatur eines Handys oder Computers getippt. Zu Stift und Papier greift kaum noch jemand. In den 1970er Jahren sah das noch anders aus. Viele Bewerber schickten handschriftliche Unterlagen an die Unternehmen. Das ermöglichte den Chefs damals eine graphologische Prüfung des Bewerbers. Dass die Analyse der Schrift heutzutage durch psychologische Eignungstests ersetzt werden, sieht Schaffmann kritisch. Antworten auf die Testfragen könne man lernen. „Die Schrift lügt nicht“, sagt sie.

Verschämt schaue ich auf meine Block. Ich fühle mich gläsern und frage mich, was sie wohl über mich denkt? Sie direkt zu fragen, traue ich mich nicht. Während sie erklärt, dass unter anderem verbundene I-Punkte mit den nächsten Buchstaben auf einen hohen Intellekt des Gegenübers schließen lassen, merke ich wie meine Punkte immer länger werden und sich von Wort zu Wort in kleine Linien verwandeln.

„Die Schrift lässt Rückschlüsse zu auf die Persönlichkeit, auf die Vitalität, intellektuelle Fähigkeiten, aber auch auf Teamfähigkeit, Führungsverhalten und Sozialverhalten“, sagt Ilona Mattissek, Vorsitzende der Deutschen Graphologischen Vereinigung (DGV). Keine Rückschlüsse könnten auf kriminelle Disposition und die seelische Belastbarkeit gezogen werden.

Ihre Blütezeit hatte die Graphologie in den 1950er bis 1980er Jahren. Zu dieser Zeit wurde sie auch an den Universitäten in Hamburg und Freiburg gelehrt. Dadurch, dass jedoch immer weniger mit der Hand geschrieben werde, nehme die Bedeutung weiter ab. Dem versuche die DGV gemeinsam mit dem Berufsverband BGG/P entgegen zu wirken und veranstaltet deshalb regelmäßig Schulungen, in denen das Wissen der Graphologie weitergegeben werde. Heutzutage sind noch 20 Graphologen bei der DGV gelistet. Sie alle haben zunächst eine Prüfung gemacht und mussten zum Abschluss mehrere Schriftstücke deuten. Die Trefferquote der Analyse musste mindestens 90 Prozent betragen.

Das war auch bei Eva Schaffmann so. Sie musste zum Ende ihrer dreijährigen Ausbildung in der Schweiz rund 25 Proben nahezu fehlerfrei analysieren.

Erst dann bekam sie das Zertifikat und erste Aufträge, Gutachten zu erstellen. Die meisten Analysen machte sie für das Bauunternehmen Oevermann aus Münster. „Das waren etwa 100 Gutachten im Jahr“, sagt sie. Sie sollte herausfinden, welcher Bewerber gut für Reihenhäuser und welcher für kompliziertere Bauten geeignet war. Vor fünf oder sechs Jahren setzte sie sich dann als Graphologin zur Ruhe. Sie hatte genug davon, das Seelenleben anderer Menschen zu durchleuchten.

Die Leidenschaft und das Interesse an Schriften sind jedoch geblieben. „Das hat mich immer schon interessiert“, sagt sie. Ob ihre Einschätzung über das Schriftbild und der Mensch dahinter zueinander passen, scheint ein Reiz zu sein, dem sie sich auch im Ruhestand nicht entziehen kann. So wirft sie hin und wieder auch einen kritischen Blick auf die Schriften ihrer beiden Enkelinnen, denn während der Schulzeit ändert sich die Schrift häufig. Einige Kinder schreiben den i-Punkt zum Beispiel als Kreis, was in der Pubertät nicht selten ist. In den meisten Fällen ändert sich das als Erwachsener wieder, weil die Handschrift in der Regel immer weiter entwickelt wird.

Neben dieser normalen Veränderung der Handschrift, zeigen heutzutage aber viele Kinder eine besorgniserregende Entwicklung: Eine Lehrerbefragung, die in Kooperation mit dem Lehrerverband durchgeführt und im April des vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Handschrift der meisten Kinder verschlechtert hat (siehe Grafik). Die Befragung ergibt sogar, dass in vielen Fällen ein Zusammenhang zwischen der Leistungsfähigkeit der Kinder und der Entwicklung der Handschrift hergestellt werden kann. 19 Prozent der über 2000 befragten Lehrer sahen einen eindeutigen Zusammenhang bei ihren Grundschülern zwischen Handschrift und ihren schulischen Leistungen. In der weiterführenden Schule steigt der Wert um drei Prozent an.

Schreiben schult die Lernfähigkeit

Ein Lehrer aus Nordrhein-Westfalen sagt: „Das Lernen wird erschwert, da die Schüler ihre eigene Schrift nicht lesen können.“ Eine Grundschullehrerin aus Bayern bemängelt, dass die Ausdauer und Konzentration fehlten, weil die Kinder zunehmend Schwierigkeiten hätten, längere Texte abzuschreiben.

„Das Schreiben sollte so lange eingeübt werden, bis die Bewegungen automatisiert sind, weil die Denkfunktion dadurch geschult wird“, sagt Mattissek. Studien mit Studenten hätten gezeigt, dass handgeschriebene Notizen einen gehörten Vortrag besser im Gehirn festhielten, als getippte.

Dass vielen Menschen heutzutage Schreibpraxis fehlt, bemerkt auch die Aachener Schriftpsychologin, obwohl sie in den vergangenen Jahren nur noch selten ein Schriftstück analysiert hat. Heutzutage ähnelt die Schrift der Erwachsenen häufig einer Schrift, die man in Schulheften findet. Individuelle Ausprägungen und Weiterentwicklungen sind dagegen sehr selten, denn eine Handschrift verändert sich nur dann, wenn jemand häufig schreibt. „Die wird dann interessanter“, sagt Schaffmann. Meine Vermutung, dass die Handschrift immer krakeliger wird, je häufiger man zum Stift greift, scheint also nicht zu stimmen. Sie verrät nur von Seite zu Seite mehr über den Schreiber.

Ich lege den Stift zur Seite. Eva Schaffmann lächelt – und schweigt. Offensichtlich hat sie genug gesehen und ihre Meinung über mich getroffen, obwohl sie meine Schrift eigentlich nicht deuten wollte. Das hat sie zumindest zu Beginn unseres Termins gesagt.

Während ich meine Sachen zusammenpacke, beginne ich ihre Analysemethoden anzuwenden und meine Schrift selbst zu hinterfragen. Offensichtlich brauche ich viel Aufmerksamkeit, denn meine Buchstaben sind sehr groß. Für meinen Horizont muss ich – wenn man den Prinzipien der Graphologie glaubt – noch etwas tun. Dass ich die i-Punkte nicht mit dem nächsten Buchstaben verbinde, verstehe ich als Hinweis, ab und zu ein Buch in die Hand zu nehmen, das ich sonst vielleicht nicht gelesen hätte. Keine schlechte Idee.

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