Escape-Rooms: Ein Spiel gegen den Instinkt

Von: Ines Kubat
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Haben den Selbsttest gewagt: Laura Laermann, Leandra Kubiak und Naima Wolfsperger (v.l.). Foto: Ines Kubat

Aachen. Freiheit gehört zu unseren höchsten Gütern. Dennoch lassen sich immer mehr Menschen aus Spaß in Escape-Rooms einsperren. WirHier hat es selbst getestet und mit einer Soziologin über das Phänomen gesprochen.

Mit einem leisen Schließgeräusch fällt die Tür ins Schloss, und wir sind eingesperrt. Auf der digitalen Anzeige über dem Türrahmen beginnt die Zeit gegen uns zu laufen. Genau 60 Minuten haben wir, um den richtigen Code zu finden und uns zu befreien. Auf der anderen Seite der Tür steht nicht etwa ein perfider Sadist, der es liebt, Leute in kahle Räume einzusperren, sondern die Spielleiterin von „TeamEscape“, dem zweiten Escape-Room in Aachen.

Escape-Rooms sind seit einiger Zeit der große Hype in Sachen Gruppenaktivitäten, in vielen Städten sprießen sie wie einst die Bubble-Tea-Läden aus dem Boden. Das Konzept des Spiels ist simpel und immer gleich. Als Gruppe wird man in einen Raum geführt, eingeschlossen und muss Rätsel lösen, um zu entkommen. Jeder Raum hat eine andere Geschichte, die die Grundatmosphäre für das Spiel schafft. Manche sind darauf ausgelegt, den Spielern einen ordentlichen Schrecken einzujagen – wie zum Beispiel „Raus“, der erste Escape-Room in Aachen. Dort durchlebt man die Nachwehen einer Zombie-Apokalypse und versucht zu überleben.

Im Gegensatz dazu ist unsere Geschichte ziemlich harmlos: Wir schlüpfen in die Rolle von Detektiv Nobody, der einen Mafia-Clan überführen will, dabei aber selbst mitten in deren Streitigkeiten gerät und plötzlich im Hotelzimmer festsitzt. Schafft er es nicht, innerhalb von einer Stunde daraus zu fliehen, wird der Mafiaboss persönlich vorbeikommen – und wer weiß, wie das für Nobody ausgeht. Wir stehen also ganz schön unter Druck. Als meine fünf Mitspieler schon Stühle, Tische und Lampen im Raum inspizieren, blicke ich unwillkürlich mit einem flauen Gefühl zur versperrten Tür.

Es ist schon paradox: Freiheit ist in unserer Gesellschaft eines der höchsten Güter. Nicht nur die Meinungs- und Religionsfreiheit sind im Gesetz verankert, genauso die physische Freiheit. Wer sie entzogen bekommt, wird damit bestraft. Als Kind muss man auf sein Zimmer gehen, wenn man etwas angestellt hat. Wer als Erwachsener Gesetze bricht, kommt manchmal ins Gefängnis. Freiheit ist elementar. Warum lassen sich also so viele Menschen derzeit in den Escape-Rooms freiwillig einsperren?

„Warum schauen wir Horrorfilme?“, fragt Christina Laut vom Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der RWTH Aachen zurück. „Die verschlossene Tür löst einen Nervenkitzel aus. Der Escape-Room ist in gewisser Weise eine Grenzerfahrung wie Extremsport. Es hat etwas damit zu tun, sich seinen Ängsten auszusetzen und damit umzugehen.“ Und der Freiheitsentzug ist eben offenbar eine dieser Urängste.

Rational ist dieser Kick nicht begründbar. Schließlich erhält jede Gruppe vor Beginn des Spiels eine ausführliche Erklärung: Während der gesamten 60 Minuten wird man über Kameras und Mikrofone vom Spielleiter überwacht. Das dient einerseits dazu, den Spielern Tipps geben zu können, andererseits, um dann einzugreifen, wenn sich jemand unwohl fühlt oder verletzt.

Wäre aber der Reiz nicht derselbe, wenn die Tür nicht versperrt wäre? „Nein. Es macht einen großen Unterschied, ob die Tür offen oder geschlossen ist“, erklärt die Spielleiterin von „TeamEscape“, Elisabeth Wosnitza: „Wir mussten schon mal eine Gruppe mit geöffneter Tür spielen lassen, weil ein Teilnehmer unter Claustrophobie litt. Da war die Dynamik direkt ganz anders.“

Mit dem Wissen, auf jeden Fall wieder aus dem Raum spazieren zu können, konzentriere ist mich auf die Aufgaben. Gemeinsam entschlüsseln wir Codes, suchen nach doppelten Böden, tasten Bilderrahmen ab und kombinieren Hinweise. Dabei entsteht eine interessante Dynamik. Denn meine Mitspieler kennen sich zwar zum Teil erst seit wenigen Minuten, dennoch wächst die Gruppe sofort zu einem Team zusammen und arbeitet Hand in Hand – ohne Hemmungen und Berührungsängste. Außerhalb dieses Raumes wäre das Kennenlernen sicherlich zögerlicher abgelaufen.

Christina Laut erklärt diese Beobachtung auf soziologischer Ebene: „Jeder Mensch erfüllt den ganzen Tag über verschiedene Rollensets.“ Daran sind Aufgaben und Erwartungen geknüpft, die man unreflektiert hinnimmt – unabhängig davon, ob man gerade Sohn, Studentin, Freund, Chef, Vater oder Mutter ist. Diese Rollensets haben aber im Escape Room keine Bedeutung, weil man sich abgekoppelt von der Wirklichkeit in einer Art Laborsituation befindet – und nur noch eine einzige Aufgabe hat: gemeinsam herauszukommen. Statt seine feste Rolle auszufüllen, ist man plötzlich ein Team und muss einen eigenen Platz finden, erklärt die Soziologin. So können Hierarchien verschwinden, Chefs plötzlich gleichrangig agieren oder sich sogar neue Anführer hervortun. „Dadurch entsteht auch eine neue Freiheit für jeden Einzelnen, der sich nun ausprobieren kann“, sagt Laut.

Solche Phänomene beobachtet auch die Spielleiterin Wosnitza immer wieder: „Manchmal merkt man direkt, dass Fremde schnell gut zusammenarbeiten, wohingegen sich manchmal Pärchen so sehr zerstreiten, dass sie nach dem Spiel zunächst nicht mehr miteinander reden.“

In unserer Gruppe gibt es trotz Mafia-Story keinen Mord und Totschlag. In wechselnden Teams haben wir die richtigen Ideen, öffnen Schlösser und entwirren Rätsel im Akkord. In einem kleinen Höhenflug denke ich schon, dass wir locker nach 20 Minuten aus dem Zimmer herauskommen werden. Doch plötzlich hakt es, wir brauchen immer wieder Hinweise von der Spielleiterin, um weiterzukommen. Immer häufiger blickt man zur ablaufenden Uhr. Das Adrenalin steigt, wir werden hektischer, eilen im Laufschritt durch den Raum und schlagen mitunter einen härteren Ton an.

Es ist eine klassische Drucksituation, wie sie jeder auch im beruflichen Alltag erlebt. Das haben offenbar auch Firmen erkannt und schicken deshalb immer häufiger ihre Favoriten eines Bewerbungsverfahrens in solche Escape-Rooms. Die Chefs beobachten dann live am Bildschirm, wie sich die Kandidaten verhalten: Wer spielt sich zum Boss auf, wer ist ein guter Teamplayer, und wer verliert die Nerven, wenn es eng wird?

Bei uns wird es nicht so eng. Und ein Chef schaute glücklicherweise auch nicht zu. Knapp sechs Minuten, bevor uns die Mafia-Familie erwischt hätte, geben wir den richtigen Code ein und stehen plötzlich im Hier und Jetzt. Die Freiheit fühlt sich gut an. Denn jetzt bedeutet sie vor allem eins: Triumph.

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